Philosophen nach Sterbejahren
Hermes Trismegistus (?)
Mahavira (599-527 v.Chr.)
Laotse (6. Jh.v.Chr.)
Heraklit (535–475 / 520-460)
Siddhartha Gautama (ca. 480)
Sophokles (496–406)
Sokrates (470–399)
Antisthenes (445-365)
Platon (427–347)
Diogenes v. Sinope (413-323)
Aristoteles (384–322)
Zenon von Kition (333-262)
Cicero (106–43)
Jeshua v. Nazareth (0-33)
Philon von Alexandrien (20 vuZ–50)
Lucius Annaeus Seneca (1 vuZ–65)
Paulus (5-65)
Epiktet (50–138)
Mark Aurel (121–180)
Augustinus von Hippo (354–430)
Boethius (480–525)
Anselm von Laon (1050–1117)
Petrus Abelardus (1079–1142)
Ibn Ruschd (Averroes) (1126–1198)
Henry de Bracton (1210–1268)
Thomas von Aquin (1225–1274)
Albertus Magnus (1200–1280)
Johannes Duns Scotus (1266–1308)
Dante Alighieri (1265–1321)
John Fortescue (1395–1477)
Thomas Müntzer (1489-1525)
Francisco de Vitoria (1492–1546)
Étienne de La Boétie (1530-1563)
Jakob Böhme (1575-1624)
Francis Bacon (1561–1626)
Edward Coke (1552–1634)
Johannes Althusius (1563–1638)
Hugo Grotius (1583–1645)
John Selden (1584–1654)
Sir Matthew Hale (1609–1676)
Thomas Hobbes (1588–1679)
Samuel von Pufendorf (1632–1694)
John Locke (1632–1704)
Richard Cumberland (1631–1718)
Gershom Carmichael (1672–1729)
Mary Astell (1666–1731)
Francis Hutcheson (1694–1746)
Jean-Jacques Burlamaqui (1694–1748)
Voltaire (1694–1778)
Jean-Jacques Rousseau (1712–1778)
Gotthold Ephraim Lessing (1729–1781)
Benjamin Franklin (1706–1790)
Olympe de Gouges (1748–1793)
Edmund Burke (1729-1797)
Patrick Henry (1736–1799)
Samuel Adams (1722–1803)
Immanuel Kant (1724–1804)
Thomas Paine (1737–1809)
John Adams (1735–1826)
Thomas Jefferson (1743–1826)
James Madison (1751–1836)
William Godwin (1756-1836)
Frederick Bastiat (1801–1850)
Ralph Waldo Emerson (1803–1882)
Henry David Thoreau (1817–1862)
Pierre Joseph Proudhon (1809-1865)
Michail Bakunin (1814-1876)
Lysander Spooner (1808–1887)
Helena Petrovna Blavatsky (1831-1891)
Rudolf Steiner (1861-1925)
Carl Jung (1875–1961)
Clive Staples Lewis (1898–1963)
Heinrich Rommen (1897–1967)
Jacques Maritain (1882–1973)
Ayn Rand (1905–1982)
Jiddu Krishnamuti (1895-1986)
Manly Palmer Hall (1901–1990)
Murray Rothbard (1926–1995)
Frank Van Dun (1947–)
Robert George (1955–)
Larken Rose (1960er–)
Mark Passio (1974–)
Es wird eine sehr lange Sendung heute, zum zweijährigen Bestehen dieser Sendereihe. Der Zweck der Übung sollte allerdings nicht in purem Zeitvertreib bestehen. Ich möchte aufzeigen, dass die natürlichen Rechte des Menschen kein Mythos sind, sondern durch die gesamte Geschichte immer wieder die Philosophie bestimmen, weil sie erkennbar existieren. Diese Sendung hat also Dokumentationscharakter. Die Namen der Denker und ihre Schriftentitel erlauben ein weitergehendes oder gar umfassendes Studium der Materie. Die Gesamtheit der Perspektiven sollte dich dazu befähigen, dich der Wirklichkeit der universellen Prinzipien geistig stärker anzunähern.
Inspiriert wurde meine Sendung durch den Vortrag „The Complete History of Natural Law“ von Cory Endrulat (s. Literaturhinw.)
Was wir heute als Naturrecht bezeichnen ist das natürliche Gesetz, nach dem Menschen von Beginn ihrer Existenz gelebt haben, denn es ist dem Leben und unserem Gedeihen förderlich. Viele wilde Stämme praktizieren es bis heute. Es steht im Gegensatz zum sog. positiven Recht, den von Menschen geschriebenen Regeln, die alle zivilisierten Kulturen haben. Nicht erst Hammurabi (1810-1750 vChr) war ein Gesetzgeber. Bereits die Sumerer hatten ca 2100 vChr kodifiziertes Recht. In Ägypten gab es (ungeschriebene) Rechtsnormen und Richter schon um 3000 vChr.
Das Wissen um die natürlichen Gesetze, das seit alters her bekannt war, wurde den okkulten Traditionen weiterhin gepflegt, etwa dem Ma’at- und dem Isis-Kult, spielte in der Öffentlichkeit jedoch immer weniger eine Rolle und geriet weitgehend in Vergessenheit, bis die Philosophie es in mehreren Wellen neu entdeckte. Seine Apologeten verstrickten sich häufig in Widersprüche, da sie sich nicht ganz vom Glauben an den Staat befreien konnten bzw. von einem wenig schmeichelhaften Menschenbild ausgingen.
Vorchristliche Philosophen
Das Naturrecht ist Teil der Hermetischen Gesetze, einer Sammlung von Weisheiten, die nach dem altägyptischen Meister Hermes Trismegistus benannt wurde, dem „Schriftgelehrten Gottes“. Manche verorten ihn zur Zeit Abrahams, also ca. 2000 v.Chr. Wenn er tatsächlich existiert hat, könnte er auch noch wesentlich früher gelebt haben. Möglich ist auch, dass es sich bei Hermes um eine allegorische Figur handelt, die symbolisch für die uralten Wahrheiten stand, welche man in allen Weisheitstraditionen findet und daher auch als Philosophia perennis et universalis bezeichnet.
Wir finden Hinweise zum Naturrechtsbewusstsein in alten Kulturen der ganzen Welt, etwa bei Mahavira (599-527 v.Chr.), dem Begründer der indischen Religion des Jainismus. Er sagte: „Alle Heiligen und Ehrwürdigen in der Vergangenheit, in der Gegenwart und in der Zukunft, sie alle sagen so: Kein Wesen darf man töten, noch misshandeln, noch beschimpfen, noch verfolgen. Das ist das reine, ewig beständige Religionsgebot, das von den Weisen, die die Welt verstehen, verkündet wird.“
Oder auch beim chinesischen Philosophen und Begründer des Taoismus Laotse (6. Jh.v.Chr.), der dazu auffordert, sich dem natürlichen Fluss aus Werden und Vergehen anzupassen und nichts zu erzwingen. „Das Universum ist vollkommen. Es kann nicht verbessert werden. Wer es verändern will, verdirbt es. Wer es besitzen will, verliert es“, sagt er, und: „Gewalt zerbricht an sich selbst.“ (– Daodejing). Gewalt definierte er weit genug, um auch andere Lebensformen als den Menschen einzubeziehen: „Seid gut zu den Menschen, zu den Pflanzen und zu den Tieren! Hetzt weder Menschen noch Tiere, noch fügt ihnen Leid zu.“ Das große Wissen der alten Zeit über die natürlichen Gesetze, das Leute wie Laotse, Buddha oder der Christus noch hatten, ging in der nachchristlichen Ära fast vollständig verloren und wurde von den Philsophen mit wenigen Ausnahmen erst seit der Aufklärung in vollem Umfang wiederentdeckt. Doch selbst heute gehört es nicht zum Allgemeingut.
Für Heraklit (um 500 v.Chr.) gibt es ein allgemeingültiges Prinzip, das alle Dinge regelt – eine Art natürliches Gesetz, das unabhängig vom menschlichen Willen besteht. Er nennt dies den Logos: eine universelle, vernünftige Ordnung, die den gesamten Kosmos durchdringt.
Siddhartha Gautama, der Buddha (ca. 480 v.Chr.), erkannte Gesetzmäßigkeiten, die das Wohlbefinden von Individuen und Gesellschaften regeln. Jede Handlung (Körper, Rede, Geist) hat eine Folge. Gute Taten führen zu positiven Ergebnissen, schädliche Taten zu Leiden – nicht weil jemand straft, sondern aufgrund der natürlichen Kausalität. Dieses Gesetz, das er Karma nennt, ist objektiv, universell und gilt für alle Wesen – unabhängig von Religion oder Glaube. Daraus leitet sich das Gesetz des rechten Handelns ab, das er Dharma nennt, entsprechend der objektiven Moralität der westlichen Philosophie. „Sammle deinen Reichtum, ohne seine Quellen zu zerstören, dann wird er beständig zunehmen.“ (– Längere Sammlung, 31)
Sophokles‚ (496–406 v.Chr.) Stück Antigone scheint die Überlegenheit des Naturrechts über das positive oder vom Menschen geschaffene Recht zu bestätigen. Antigone sagt: „Denn nicht Zeus war es, der mir das verkündet hat, noch hat die Gerechtigkeit, die mit den Göttern wohnt, solch ein Gesetz unter die Menschen gebracht. Und ich glaubte nicht, dass deine Erlasse so viel Macht hätten, dass ein Sterblicher die ungeschriebenen, ewigen Gesetze der Götter außer Kraft setzen dürfte. Denn sie bestehn nicht erst seit heute oder gestern. Sie leben schon seit je.“
Philosophen verwenden verschiedene Ausdrücke, um das Naturrecht zu beschreiben. Sie sprechen u.a. von göttlichem Gesetz oder ewigem Recht. Das Problem mit jeglicher Art von Regierung war von Beginn an, dass diese aus einem höheren Recht zu herrschen vorgab, sich also über den Menschen stellte und behauptete, Rechte zu haben, die kein Normalsterblicher besitzt. Wenn Leute wie Sokrates das bestreiten, schützt das Establishment die Lüge seiner Sonderstellung durch Gewalt. Die Macht der Herrschaft steht mit dem Gewaltmonopol und fällt mit der Präsenz des Wissens um das Naturrecht.
Sokrates (470–399 v.Chr.), der starb, damit die Tugend bewahrt wurde, sagte: „Nichts ist der Gerechtigkeit vorzuziehen.“ – Crito. Und: „Falsche Worte sind nicht nur ein Übel an sich, sondern beflecken die Seele mit dem Bösen.“ (– Phaedo)
Die sogenannten Kyniker mieden das Übel und lehrten ein Leben in Bedürfnislosigkeit, um innere Unabhängigkeit zu erreichen. Sie orientierten sich an der Natur und nutzten deren Vorbild zur Kritik der menschlichen Gesellschaft. Tugendhaftigkeit müsse durch Wissen erlangt und konsequent in Handeln umgesetzt werden, auch wenn dies gesellschaftliche Ächtung zur Folge hat. Von Antisthenes (445-365 v.Chr.) ist überliefert, er habe gesagt: „Es ist ein königliches Privileg, Gutes zu tun und dabei schlecht beurteilt zu werden… Ein weiser Mensch würde sein Verhalten nicht nach den bestehenden Gesetzen des Staates, sondern nach dem Gesetz der Tugend regeln“, und dieses sei dasselbe für Männer und Frauen (– Diogenes Laertios: Über das Leben und die Lehren berühmter Philosophen)
Für Platon (427–347 v.Chr.) ist eine Handlung gut, wenn sie etwas von der Form des Guten widerspiegelt, einer metaphysischen Essenz, die wir durch die Vernunft kennen. Das Gute kommt von etwas, das seine Form, seine Natur, erfüllt, und wer das nicht tut, ist entweder von Natur aus oder aus freien Stücken – also moralisch – böse. Als philosophischer Erbe des Sokrates postulierte er die Existenz einer natürlichen Gerechtigkeit oder eines natürlichen Rechts, das für alle Menschen verbindlich ist: „Wenn [die Seele] sich auf das heftet, woran Wahrheit und das Seiende glänzt: so bemerkt und erkennt sie es, und es zeigt sich daß sie Vernunft hat… Dieses also, was dem Erkennbaren Wahrheit mitteilt und dem Erkennenden das Vermögen hergibt, sage sei die Idee des Guten.“ (– Politeia). Der Mensch könne also die Gesetze des Universums erkennen. Seine Pflicht sei es, sie zu lernen und ihnen zu gehorchen, denn diese seien ihres göttlichen Ursprungs wegen unfehlbar.
Diogenes v. Sinope (413-323 v.Chr.) lehrte, dass die einzige wahre Staatsordnung die Ordnung im Kosmos sei. Sitten, Gebräuche, Traditionen und Gesetze erklärte er für willkürlich und daher für nichtig und absurd. Als ihn jemand daran erinnerte, dass die Leute von Sinope ihn zum Exil verurteilt hätten, sprach er: „Und ich verurteilte sie, daheim zu bleiben.“ Für die Mächtigen hatte er nur Verachtung. Als Alexander der Große ihn fragte, ob er einen Wunsch habe, antwortete Diogenes: „Ja. Geh mir aus der Sonne.“ In Ruhe gelassen zu werden ist ein Menschenrecht. (– Diogenes Laertios: Über das Leben und die Lehren berühmter Philosophen)
Aristoteles (384–322 v.Chr.) war der Ansicht, dass Wohlergehen kein Zufall sei, sondern die Folge von Tugendhaftigkeit: „Wenn es aber besser ist, dass der Mensch auf diese Weise [Tugendhaftigkeit] glücklich wird statt durch Zufall, so darf man annehmen, dass es sich auch wirklich so verhält, da alles, was die Natur hervorbringt, immer so vollkommen angelegt ist, als es nur sein kann.“ Tugend könne erlernt werden, doch er betont die Notwendigkeit der Umwandlung von Wissen in die Tat: „Auch wird [der Schüler], wenn er den Leidenschaften nachgeht, diesen Unterricht vergeblich und nutzlos hören, da dessen Zweck nicht das Wissen, sondern das Handeln ist.“ (– Nikomachische Ethik)
Der Begründer der Stoa, Zenon von Kition (333-262 v.Chr.), erklärte, das Ziel des Seins bestünde im Leben in Einklang mit der Natur (–Diogenes), denn „Wer die Vernunft anwendet, ist vollkommener als der, der die Vernunft nicht anwendet. Es gibt nichts Vollkommeneres als das Universum, also wendet das Universum die Vernunft an“, überliefert Cicero (106–43 v.Chr.) von ihm in seinem Werk De Natura Deorum. Der Mensch sei dank Vernunft und Tugend grundsätzlich fähig, frei zu leben, meinte Zenon.
Marcus Tullius Cicero (106-43 v.Chr.) selbst äußerte in seiner Schrift De re publica, dass sowohl die Gerechtigkeit als auch das Gesetz der Menschheit von der Natur gegeben worden sei. Keine Macht dürfe über dem Recht stehen. Er schreibt: „Das wahre Gesetz aber ist die richtige Vemunft, die mit der menschlichen Natur übereinstimmt und unter allen Menschen verbreitet, beständig und ewig ist… Dieses Gesetz darf nicht durch einen Gegenantrag beseitigt werden und kann nicht durch einen Antrag auf Änderung in einzelnen Punkten abgeschwächt oder völlig abgeschafft werden. Auch können wir weder durch einen Senatsbeschluss noch durch einen Volksentscheid von diesem Gesetz befreit werden… Noch wird es in Rom ein anderes sein, ein anderes in Athen, ein anderes jetzt, ein anderes später, sondern das eine Gesetz bindet alle Völker zu jeder Zeit ewig und unveränderlich, und einer ist sozusagen der gemeinsame Meister und Herr über alles: Gott, der Erfinder dieses Gesetzes, sein Schiedsrichter, sein Antragsteller. Wer ihm nicht gehorcht, wird vor sich selbst fliehen und die Natur des Menschen verleugnen und darum schwerste Strafen verbüßen, auch wenn er den sonstigen Strafen, die als solche gelten, entgeht.“ (– De re publica)
Jesus v. Nazareth (0-33) bekräftigt die ewige Geltung des göttlichen Gesetzes, von dem auch Cicero sprach: „Meint nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz oder die Propheten aufzuheben. Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen. Amen, ich sage euch: Solange der Himmel und die Erde bestehen, wird kein Jota aus dem Gesetz verschwinden, bis alles geschehen ist“ (– Mk12,29ff). Dieses Gesetz, das er auch Wahrheit oder Licht nennt, könne man erkennen; es sei die Grundlage der Freiheit (–Joh 8,31f), ganz im Gegensatz zu aller weltlicher Macht, die von Übel sei (–Lk 4,5ff). Er verkündet außerdem die Goldene Regel: „Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Menschen tun sollen, das tut ihr ihnen auch! Denn darin besteht das Gesetz und die Propheten.“ (–Mt 7,12, s.a. Lk 6,31: „Und wie ihr wollt, dass euch die Menschen tun, so tut ihnen auch!“)
Sein Zeitgenosse, Philon von Alexandrien (20 v.Chr.–50) argumentierte, dass die offenbarten göttlichen Gesetze (wie etwa das Mosaische) in Harmonie mit den Gesetzen der Natur seien, die Gott selbst der Welt zu deren Führung eingeschrieben habe. Hierin gebe es keine Gesetzeslücken – ganz im Gegensatz zum menschengemachten Recht: „So wie Proklamation die Menschen nicht zu Wissenden machen kann, so kann sie sie auch nicht frei machen.“ (– Über die Flucht und das Finden)
Lucius Annaeus Seneca d.J. (1 v.Chr.–65) spricht von Karma, wenn er sagt: „Ein jeder leidet unter dem, was er getan; das Verbrechen kommt wieder auf seinen Urheber zurück.“ (–Der rasende Herkules) und er spricht an anderer Stelle über das Gewissen als moralische Instanz: „In uns wohnt ein heiliger Geist, ein Beobachter und Wächter alles Guten und Bösen an uns. Dieser behandelt uns so, wie wir ihn behandelt haben. Niemand aber ist ein guter Mensch ohne Gott.“ (–Moralische Briefe an Lucilius)
Spätantike
Auch Senecas Zeitgenosse, der Apostel Paulus (5-65), nennt ein erkennbares Gesetz, das von Gott kommt, aber keinen Glauben erfordert, sondern Wissen: „Denn wenn Heiden, die das Gesetz nicht haben, von Natur aus tun, was das Gesetz verlangt, so sind sie, obwohl sie das Gesetz nicht haben, sich selbst ein Gesetz. Sie zeigen damit, dass das Werk des Gesetzes in ihre Herzen geschrieben ist.“ (–Röm 2,14f). Die Römerbriefe werden oft als Beispiel angeführt, dass die Bibel verfälscht wurde, um weltliche Autoritäten und ihr falsches Recht zu legitimieren (–Röm 13,1). Das mag sogar stimmen. Die überwältigende Mehrheit des NT-Textes spricht jedoch eine andere Sprache, die die eigentliche Botschaft des Nazareners und die Brillanz eines Paulus überdeutlich durchscheinen lässt. Sie verkünden auf Geheiß Gottes, wie sie sagen, uraltes okkultiertes Wissen, die „Predigt von Jesus Christus, … der Offenbarung des Geheimnisses, das ewige Zeiten hindurch verschwiegen war, jetzt aber offenbart“ (–Röm 16,25). „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“ (Apg 5,29), heißt es da, und sogar: „Nun aber sind wir vom Gesetz frei geworden und ihm abgestorben, das uns gefangen hielt, so dass wir dienen im neuen Wesen des Geistes und nicht im alten Wesen des Buchstabens” (–Röm 7,6). Die Erfüllung des Gesetzes sei die Liebe (–Röm 13,10).
Der Stoiker Epiktet (50–138) sprach davon, dass das Geistige dem Materiellen vorausgeht, dass es also Prinzipien sind, deretwegen wir das Rechte tun sollten: „Weder Tod, noch Verbannung, noch Schmerz, noch irgendetwas dergleichen ist die Ursache, warum wir etwas tun, sondern unsere Meinungen und Anschauungen.“ „Weißt du denn nicht, daß ein anständiger Mensch nichts tut um des äußeren Scheines willen, sondern weil er eine Sache ordentlich machen will.“ Und: „Wohin ich auch gehe, werde ich glücklich sein; denn auch hier befand ich mich nicht des Ortes wegen glücklich, sondern meiner Grundsätze wegen, die ich mit mir bringen werde; denn keiner kann mir dieselben rauben.“ Die Macht der Könige sei also begrenzt. „Der Mensch hingegen, den man zwingen oder hindern oder wider seienen Willen in einen Zustand versetzen kann, ist ein Sklave“ (–Diatribai).
Der römische Kaiser Mark Aurel (121–180) war der Ansicht: „Wer vorsätzlich lügt, handelt gottlos, insofern er auf betrügerische Weise unrecht handelt. Das trifft aber auch auf den zu, der es ohne Vorsatz tut, da er mit der Allnatur nicht im Einklang steht und durch seinen Streit mit der Weltnatur ihre Ordnung stört.“ „Endlich gehört auch das zu den Eigentümlichkeiten der vernünftigen Seele, daß sie den Nächsten sowie die Wahrheit und Bescheidenheit liebt, das Naturgesetz erkennt und nichts höher achtet als sich selbst.“ (–Selbstbetrachtungen). Als Kaiser wird er allerdings andere Prioritäten gehabt haben.
Der britische Mönch Pelagius (350-420) vertrat die Meinung, dass der Mensch zwischen Gut und Böse unterscheiden könne und daher für seine Handlungen verantwortlich sei. Damit sei es auch möglich, der Erbsünde zu entrinnen und ein sündenfreies Leben zu führen.
Augustinus von Hippo (354–430) ist unter anderem bekannt für seinen markigen Spruch: „Nimm das Recht weg – was ist dann ein Staat noch anderes als eine große Räuberbande?“ Nur was sich auf Gerechtigkeit gründe, könne man Recht nennen. „Ein ungerechtes Gesetz ist gar kein Gesetz.“ Rechtes Denken befreit, während unrechtes Denken versklavt: „Für die Gerechten bedeutet all das Übel, das ihnen von einer ungerechten Herrschaft zugefügt wird, nicht eine Strafe für Schuld, sondern eine Prüfung der Tugend. Und so ist der Gute frei auch in dienender Stellung, der Böse dagegen auch in herrschender Stellung Sklave, und zwar nicht eines einzelnen Menschen, sondern, was noch schlimmer ist, sovieler Herren als er Laster hat“ (–De civitate dei).
Boethius (480–525) vertrat eine Form der rationalen, universellen Moral. Die wahre Glückseligkeit liege in der Erkenntnis des Guten, das über allen zeitlichen Gütern steht. Die ewige Ordnung (aeterna ratio) sei Grundlage allen Rechts. Damit postulierte er keine direkte anarchistische Haltung, betonte aber die innere Freiheit und moralische Autonomie gegenüber äußeren Zwängen.
Mittelalter
Anselm von Laon (1050–1117) sprach von drei Rechtsperioden der Weltgeschichte: dem Naturrecht der Heiden, dem Mosaischen Gesetz und dem Neuen Gesetz Jesu, die jeweils auf ihre Vorgänger aufbauten und dessen Bestimmung erfüllten. Die Basis des Christentums sieht Anselm also im Naturrecht, das nicht wie der Dekalog in Stein gemeißelt ist, sondern ins Herz geschrieben steht und sich durch das Gewissen bemerkbar macht. Die Grundregeln der Moralität gelten universell. Und er sagt: „Dies ist das Naturrecht: Was du selbst nicht erleiden willst, das füge auch einem anderen nicht zu.“ – die Goldene Regel (–Systematische Sentenzen). Wer das Naturrecht verinnerlicht habe, brauche die externen zehn Gebote nicht mehr.
Petrus Abelardus (1079–1142) lehrte, dass nicht äußere soziale Normen und die Handlungen als solche den Maßstab bilden sollten, sondern die innere Haltung des Menschen. Abaelard trug zur Richtigstellung des Triviums bei, bei dem die äußere Handlung das Ergebnis logischer Schlüsse aufgrund korrekter Tatsachen erfolgt.
Ibn Ruschd (Averroes) (1126–1198) spricht davon, dass die weltlichen Phänomene nicht Gottes Willkür entspringen, sondern seinem Wissen. Sie folgen Gesetzen: „Die Logik stellt als Postulat auf, dass in der Welt Ursachen und Wirkungen existieren und dass die Erkenntnis dieser Wirkungen nur durch die der Ursachen vollendet werden kann. Die Leugnung dieser Dinge vernichtet also die Wissenschaft und hebt sie auf;“ (–Die Widerlegung des Gazali) Die Tugend sei allen Menschen durch Vernunft zugänglich. Die Aufgabe der Philosophie sei es, die Ordnung der Welt zu erkennen.
Henry de Bracton (1210–1268), ein englischer Richter des 13. Jahrhunderts, schrieb, dass ein Herrscher seine Gesetze nicht willkürlich festlegen könne. Wenn diese die Gerechtigkeit verletzten, seien sie ungültig.
Thomas von Aquin (1225–1274) sagt, dass „Das erste Gebot des Gesetzes ist, das Gute zu tun und nach ihm zu streben und das Böse zu vermeiden.“ „In menschlichen Angelegenheiten heißt aber etwas gerecht, wenn es gemäß der Regel der Vernunft recht ist. Die erste Regel der Vernunft ist aber das Naturgesetz.“ „Somit hat jedwedes vom Menschen erlassene Gesetz soweit die Bewandtnis des Gesetzes, als es sich vom Naturgesetz herleitet. Wenn es hingegen irgendwo vom natürlichen Gesetz abweicht, ist es nicht mehr Gesetz, sondern eine Zerstörung des Gesetzes“ (–Summa theologiae)
Albertus Magnus (1200–1280) meinte, das Naturrecht sei eine Teilnahme der vernünftigen Geschöpfe am ewigen Gesetz. Der Mensch könne durch die Vernunft erkennen, was zu tun und zu lassen sei. Die Natur sei die Vernunft, die den Menschen lehre, was zu tun und was zu vermeiden sei „Das Naturrecht ist nichts anderes als das Recht der Vernunft, insofern die Natur Vernunft ist.“ (–De Bono)
Dante Alighieri (1265–1321) leitet in seinem allegorischen Bild der drei Frauen das Bürgerrecht (ius civile) vom Völkerrecht (ius gentium) ab, und dieses wiederum vom Naturrecht (ius naturale) (–De Monarchia).
Das Naturrecht ist für ihn also die Quelle jeglichen Rechts. Dante, wie viele seiner hier schon genannten Vorgänger und manche seiner Nachfolger, benutzte die Idee einer universell und ewig gültigen gottgegebenen Moralität jedoch zur Recht-Fertigung der Notwendigkeit von Staat und Kirche. Dies geschah entweder missbräuchlich oder nicht zu Ende gedacht. Sich ein Gemeinwesen ohne Führung vorzustellen, war, abgesehen von Diogenes und den frühen Christen, so scheint es, bis in die Moderne unmöglich. Selbst die größten Kritiker des Königtums wie etwa die Hussiten, die Levellers (Proto-Demokraten) und die Digger (Proto-Kommunisten) kamen ohne Regierungsinstrumente nicht aus.
John Fortescue (1395–1477) war der Ansicht, das Naturrecht existiere seit Beginn der Schöpfung. Es sei daher ein göttliches Recht (lex), das sich nie ändere und stets gelte. Es stehe höher als jedes menschliche Recht (ius), das im Falle des Widerspruchs nichtig sei.
Neuzeit
Thomas Müntzer (1489-1525) vertrat die Ansicht, die weltliche wie auch die kirchliche Obrigkeit seien nicht legitim, da sie nicht nach göttlichem Recht handelten. Müntzer sah die vorhandenen staatlichen und kirchlichen Mächte als „gottlos“, ja satanisch an, weil sie gegen die Gebote der Liebe und Gerechtigkeit handelten. Es sei ein göttliches Gesetz, diese Tyrannen zu stürzen – gewaltsam, wenn nötig. „Es ist das rechte Urteil Gottes, daß sie so ganz jämmerlich verstockt sind; denn Gott will sie mit der Wurzel ausraufen.“ „Das Volk wird frei werden, und Gott wird allein der Herr darüber sein!“ (– Schutzrede wider das sanftlebende Fleisch zu Wittenberg) Er verfolgte eine Form des theokratischen Radikalismus, nicht im Sinne einer führungslosen Gesellschaft, aber sehr wohl als Kritik an jeder ungerechten oder sündhaften Obrigkeit. Wie andere christliche Erneuerungsbewegungen der Zeit forderte er das Gemeineigentum, das dem modernen Naturrechtsdenken entgegen gerichtet ist.
Francisco de Vitoria (1492–1546) war der Gründer der Schule von Salamanca. Er entwickelte den Begriff der Volkssouveränität auf Grundlage des Naturrechts. Alle Menschen seien gleicher Natur geschaffen und besäßen daher dieselben Rechte. Er dehnte diese Rechte auch auf die indigenen Kulturen in den spanischen Kolonien aus.
Étienne de La Boétie (1530-1563) schrieb, dass die Tyrannen stets nur mit Zustimmung ihrer Untergebenen herrschen können und nahm damit Hannah Arendt 400 Jahre vorweg. „Freiheit von Knechtschaft erhält man nicht durch Gewalt, sondern durch die Weigerung, sich verknechten zu lassen. Tyrannen fallen, wenn die Menschen aufhören, sie zu unterstützen.“ Doch alle rufen ‚Lang lebe der König!‘, wenn dieser Zuwendungen verteilt, sagt de La Boétie und bemerkt: „Die Narren erkannten nicht, dass sie sich nur einen Teil ihres eigenen Besitzes zurückholten und dass ihr Herrscher ihnen das, was sie erhielten, nicht hätte geben können, ohne es ihnen zuvor weggenommen zu haben.“ „Die Menschen akzeptieren die Knechtschaft, um Reichtum zu erwerben. Aber wie wollen sie etwas Eigenes erwerben, wenn sie nicht einmal behaupten können, dass sie sich selbst gehören?“ (–Discours de la servitude volontaire).
Die im 15.Jh. Fahrt aufnehmende Naturwissenschaftliche Revolution weckte eine Begeisterung für die Regelmäßigkeit der Natur, die in allen Wissenszweigen, sogar bis in die Theologie, ihre Spuren hinterließ.
Der deutsche Mystiker Jakob Böhme (1575-1624) begründete die Freiheit des Menschen durch die absolute Freiheit Gottes, derer wir teilhaftig sind. Je mehr wir die Natur erkennen, die Gott geschaffen hat, desto mehr nähern wir uns ihm an und desto freier werden wir. Er beschrieb das Gesetz der Korrespondenz zwischen der inneren und der äußeren Welt und wie sich durch das eine das andere erkennen lasse. Gut und Böse seien kein Schicksal, sondern eine Frage des Willens.
Francis Bacon (1561–1626) sah in allem Geschehen Ursache und Wirkung am Werk. Die letzten Ursachen (Prinzipien) seien nicht physischer sondern metaphysischer Natur. Bacon prägte das Sprichwort „Wissen ist Macht“. Das vollständige Zitat lautet: „Menschliches Wissen und menschliche Macht sind eins; denn wo die Ursache nicht bekannt ist, kann die Wirkung nicht erzeugt werden. Der Natur, die befohlen werden soll, muss gehorcht werden, und das, was in der Betrachtung die Ursache ist, ist im Handeln die Regel.“ (–Novum organum scientiarum), und ergänzte: „Wissen, das nur zur Befriedigung dient, ist nur wie eine Kurtisane, die zum Vergnügen dient und nicht zur Frucht oder zur Zeugung.“ (–Valerius Terminus). Es bedürfe also auch der Umsetzung von Wissen in Handlung.
Der englische Richter Edward Coke (1552–1634) sagte: „Das Naturgesetz ist das, was Gott zur Zeit der Schöpfung der Natur des Menschen zu seiner Erhaltung und Leitung in sein Herz eingegossen hat, und dies ist die lex eterna, das moralische Gesetz, auch Naturgesetz genannt.“
Johannes Althusius (1563-1638), Jurist und calvinistischer Philosoph erklärte, dass das Naturrecht den Menschen höhere Ideen lehrt, die in einzigartiger Weise an die menschliche Vernunft und das Gewissen appellieren. Durch sie versteht der Mensch, was Gerechtigkeit ist, und wird durch diesen verborgenen natürlichen Instinkt dazu getrieben, das Gerechte zu tun und das Ungerechte zu meiden. Gott legt die allgemeinen Grundsätze des Guten und der Gerechtigkeit, des Bösen und des Sündhaften dar, die jeder Mensch kennen muss, um mit sich selbst und mit anderen zu leben. Er lehrt die Handlungen und Unterlassungen, die geeignet sind, das öffentliche Wohl der menschlichen Gesellschaft sowie das private Wohl der Haushalte und Familien zu erhalten.
Hugo Grotius (1583–1645) griff für sein Naturrechtsverständnis nicht so sehr auf die Bibel als auf Argumente der klassischen Philosophen zurück. Rechte ergaben sich aus der Natur der Sache, die der menschliche Verstand ergründete. Die natürlichen Rechte waren aus den Naturgesetzen abzuleiten. „Nicht einmal Gott kann aus zwei und zwei etwas anderes als vier machen“, sagte er. „Freiheit ist die Macht, die wir über uns selbst haben“, definierte er, und so könne man auch Eigentum bestimmen.
John Selden (1584–1654), englischer Jurist des 17. Jahrhunderts, sah das Naturrecht als eine Sonderform des fundamentalen göttlichen Gesetzes und unterschied zwischen einem verpflichtenden und einem zulassenden Naturrecht. Gott habe dem Menschen die Fähigkeit gegeben, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden, nicht diese festzuschreiben. Allerdings war er skeptisch, dass die menschliche Vernunft das Naturrecht wirklich finden könne und nahm an, dass die alten Hebräer diesem näher gewesen seien.
Richter Sir Matthew Hale (1609–1676) beschreibt in seinem Werk das Gewissen als dasjenige, das den Menschen von der göttlichen Verpflichtung des Naturgesetzes überzeugt und das Naturgesetz auf bestimmte Umstände anwendet. Ausdrücklich wendet er sich gegen die Vorstellung, das Naturgesetz bestünde nur im Recht auf Notwehr und Selbsterhalt.
Man sollte bei historischen Denkern stets im Auge behalten, dass sie wie jeder Mensch Kinder ihrer Kultur waren. Kultur ändern sich stets langsam, auch wenn spontan revolutionäre Ideen in ihr entstehen können. Der Kultur-Mainstream verstellt häufig den Blick auf das eigentlich Wahre, und so konnte ein Richter Hale gleichzeitig Frauen der ehelichen Vergewaltigung oder der Hinrichtung als Hexe ausliefern, während er gleichzeitig Prinzipien beschreibt, die dem entgegenstehen.
Aufklärung
Die kulturelle Relativierung der natürlichen Gesetze sieht man auch bei Thomas Hobbes (1588–1679), dessen Lehre heute für das Bild des Fressens und Gefressenwerdens bekannt ist, also Naturrecht als ein Gesetz des Dschungels beschreibt. „Der Mensch ist des Menschen Wolf“, sagte er, und „Der Zustand des Menschen ist ein Zustand des Krieges eines jeden gegen jeden.“ (–Leviathan). Fälschlicherweise schreibt er der menschlichen Natur drei Hauptkonfliktursachen zu: Konkurrenz, Misstrauen und Ruhmsucht, die, wie wir heute wissen, einer fehlerhaften Programmierung des Bewusstseins in frühen Jahren entspringen, nicht einer unabänderlichen Natur. Im Gegensatz zu Hale sagt er aber auch, dass wir aufgrund der Vernunft tatsächlich zu rechtem Verhalten finden können und dass Legalität nicht mit Moralität verwechselt werden dürfe. Er führt zwei wichtige Konzepte ein: das Ius naturale (das natürliche Recht): Die Befugnis, sich mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu verteidigen; und das Lex naturalis (das natürliche Gesetz): Die Pflicht, sein Leben mit allen Mitteln zu schützen. „Ein Gesetz ist eine durch die Vernunft gefundene allgemeine Regel, durch die es dem Menschen verboten ist, das zu tun, was sein Leben zerstört, weil es ihm die Mittel zur Erhaltung desselben nimmt. Obwohl diejenigen, die von diesem Thema sprechen, gewohnt sind, jus und lex, Recht und Gesetz, zu verwechseln, sollten sie doch unterschieden werden, weil das Recht in der Freiheit besteht, etwas zu tun oder zu unterlassen, während das Gesetz uns an eines von beiden bindet. Das heißt, Recht und Gesetz sind so verschieden wie Pflicht und Freiheit.„ (–Leviathan)
Er spricht auch über die Angst vor der Freiheit aufgrund der Möglichkeit des Chaos. Heute verstehen wir, dass das Chaos ein Lehrer ist und dass wir, um die wahre Freiheit zu erlangen, keine Angst haben dürfen und das Wissen um die Moral unter dem Naturrecht fördern müssen. Angst ist die Hauptursache für Gewalt und Sklaverei, die im Namen der schützenden Autorität ausgeübt werden. Angst ist somit die Hauptursache für unnatürlichen Tod und weiteres Chaos, bis der Teufelskreislauf durch Ablegen der Angst unterbrochen wird.
Im 17. Jahrhundert wurden überall in Europa Lehrstühle für Naturrecht eingerichtet. Der Heidelberger Professor Samuel von Pufendorf (1632–1694) war mit Thomasius wohl der erste, der in Deutschland Naturrecht regulär lehrte. Er lehnte Hobbes’ Vorstellung ab, der Naturzustand des Menschen bestehe im Krieg aller gegen alle. Er ging von einem friedlichen Urzustand aus und sagte: „Der Mensch ist von höchster Würde, weil er eine Seele hat, die ausgezeichnet ist durch das Licht des Verstandes, durch die Fähigkeit, die Dinge zu beurteilen und sich frei zu entscheiden, und die sich in vielen Künsten auskennt“ (–De jure naturae et gentium). Bekannt blieb er uns hauptsächlich, weil er das Heilige Römische Reich Deutscher Nation als Monstrum bezeichnete.
Mit John Locke (1632–1704) trat der erste vollständig aufgeklärte Naturrechtsphilosoph auf den Plan, der das Naturrecht aus dem Recht am eigenen Körper ableitete und Freiheit von Herrschaft postulierte. Er erklärte: „Der Mensch hat eine natürliche Freiheit, da alle, die in der gleichen gemeinsamen Natur Fähigkeiten und Kräfte teilen, von Natur aus gleich sind und an den gleichen gemeinsamen Rechten und Privilegien teilhaben sollten“, da „der Naturzustand ein Naturgesetz hat, das ihn regiert, das jeden verpflichtet.“ Die Vernunft, die dieses Gesetz sei, lehre alle Menschen, die es beherzigen wollen, dass sie alle gleich und unabhängig seien und niemand einen anderen an seinem Leben, seiner Gesundheit, seiner Freiheit oder seinem Besitz verletzen dürfe. Der Herrscher aber erlasse Gesetze nicht aus Menschenfreundlichkeit, sondern weil er seine Besitztümer davon abhalten wolle, sich gegenseitig zu schädigen. „Jeder Mensch hat das Eigentum an sich selbst. Daher hat jeder nur ein Recht auf sich selbst.“ „Die natürliche Freiheit des Menschen bedeutet, dass er frei ist von jeder höheren Gewalt auf Erden und nicht dem Willen oder der gesetzgebenden Gewalt eines Menschen untersteht, sondern allein das Gesetz der Natur zu seinem Rechtsgrundsatz erhebt.“ „Die Arbeit seines Körpers und das Werk seiner Hände, so können wir sagen, sind im eigentlichen Sinne sein. Was immer er also jenem Zustand entrückt, den die Natur vorgesehen und in dem sie es belassen hat, hat er mit seiner Arbeit gemischt und hat ihm etwas hinzugefügt, was sein eigen ist – folglich zu seinem Eigentum gemacht.“ (–Über die Regierung, 1689).
Richard Cumberland (1631–1718), der sich auf John Selden bezieht, stellt fest, dass ein Naturgesetz existiert, ausgehend von unveränderlicher Wahrheit und Gewissheit, aus der sich Handlungsverpflichtungen ergeben. „Das Naturgesetz ist ein Satz aus der Natur der Dinge, aus dem Willen der Ersten Ursache, der dem Geist ganz offen präsentiert oder eingeprägt wird und auf eine Handlung hinweist, die dem Gemeinwohl der Vernunftgemäßen dient, denn wenn sie ausgeführt wird, folgen Belohnungen, wenn sie versäumt wird, folgen aus der Natur der Vernunftgemäßen ausreichende Strafen“ (–De Legibus Naturae). Die „Strafe“ des Missetäters kommt aus den natürlichen, logischen Folgen seines Handelns und bedarf keines strafenden Gottes und keiner Justiz. Dies ist das karmische Gesetz.
Christian Thomasius (1655–1728) lehrte wie Pufendorf als einer der ersten Naturrecht in Deutschland, ab ca. 1690 in Halle, wo die erste reguläre Professur dafür eingerichtet wurde.
Gershom Carmichael (1672–1729) wird als der Vater der Schottischen Common-Sense-Schule bezeichnet, die eine Reihe wichtiger Aufklärungsdenker hervorbrachte, welche wiederum die Gründungsväter der amerikanischen Revolution beeinflussten. Er sagte, kein Mensch habe das Recht, einen anderen zu versklaven.
Die englische Proto-Feministin Mary Astell (1666–1731) pflichtete John Locke bei, den sie als den ersten wahren Denker rühmte. Alles Denken und Handeln müsse sich an der Wahrheit ausrichten. „Niemand, der nur an sich und seine Besitztümer denkt, kann ein guter Mensch sein.“ „Wir dürfen eine geringere Sünde nicht unter dem Vorwand begehen, eine größere zu vermeiden, aber wir dürfen, ja wir sollten lieber den größten Schmerz und Kummer ertragen, als die geringste Sünde zu begehen.“ Kein Geschlecht befinde sich stets im Recht. Sie erkannte den Status der Frau in ihrer Zeit als den einer Sklavin des Mannes. Ein Mann habe jedoch nicht das Recht auf absolute Gewalt über seine Frau; das gebe es nicht einmal im Staat. Sie klagte an, dass man Frauen von Geburt an das Recht auf Wissen verweigere und sie dann für geistig unfähig erkläre, während sie doch tatsächlich den Männern ebenbürtig seien.
Francis Hutcheson (1694–1746) trug dazu bei, den Weg für eine politische und soziale Philosophie der Vernunft zu ebnen, die die menschlichen Freiheit auf der Grundlage der natürlichen Rechte stärkt. „Die natürliche Gleichheit des Menschen besteht vor allem darin, dass diese natürlichen Rechte allen gleichermaßen zustehen. Die Gesetze Gottes und der Natur verbieten es den Größten und Klügsten unter den Menschen, den Geringsten irgendein Elend zuzufügen oder sie eines ihrer natürlichen Rechte zu berauben… Wir müssen daher zu dem Schluss kommen, dass keine natürliche oder erworbene Eigenschaft ein uneingeschränktes Recht geben kann, Macht über andere zu erlangen, ohne deren Zustimmung.“ (–A System of Moral Philosophy). Die Macht des Staats müsse begrenzt bleiben. Niemand, auch nicht ein Afrikaner, dürfe zu einem rechtlosen Gut gemacht werden. Das Volk habe unzweifelhaft das Recht auf Widerstand.
Der von Locke und Pufendorf beeinflusste Schweizer Philosoph Jean-Jacques Burlamaqui (1694–1748) war ein Vertreter der Idee des Gesellschaftsvertrags. Da der Mensch ein soziales Wesen sei, brauche er die Gesellschaft anderer, die seine Freiheit schütze. Der Staat habe jedoch nur eine Existenzberechtigung, wenn er dem natürlichen Ziel des Individuums, glücklich zu sein, diene. Diese Vorstellung finden wir in Dokumenten der amerikanischen Revolution wieder. Er erklärte: „Mein Vorhaben ist es, diese Regeln zu erforschen, die allein die Natur dem Menschen vorschreibt, um ihn sicher zu dem Ziel zu führen, das jeder im Auge hat und auch haben sollte, nämlich das wahre und solide Glück“ (–Prinzipien des Naturrechts). Diese Wissenschaft umfasst für ihn die wichtigsten Prinzipien der Moral, der Jurisprudenz und der Politik, d.h. alles, was sowohl für den Menschen als auch für die Gesellschaft am interessantesten ist. Es könne für ein Wesen, dem seine Vollkommenheit und sein Glück ernsthaft am Herzen liegen, nichts wichtigeres geben.
Die vielgerühmten Aufklärungsphilosophen Montesquieu (1689-1755), Voltaire (1694–1778) und Rousseau (1712–1778) waren Etatisten und moralische Relativisten, die zwar mit ihren veröffentlichten Gedanken halfen, die absolutistische Monarchie abzuschaffen, jedoch nicht, um den Menschen zu befreien, sondern um ihn in das neue Gefängnis des Parlamentarismus zu locken. Sie schwafeln von Gemeinwohl und Gleichheit, die die Menschen vor einem aufgeklärten Monarchen oder sozialistischen oder demokratischen Gremien haben sollten, denen sie ihre Freiheit opfern müssten. Den geistigen Errungenschaften ihrer Vorgänger haben die drei kaum etwas hinzuzufügen außer dem Vegetarismus. Mit Hinblick auf John Locke (1632–1704) muss man ihre Philosophie geradezu als Rückschritt betrachten. Was nicht heißt, es gäbe keine zitierwürdigen Aussagen von ihnen. So sagte Rousseau: „Keine Unterwerfung ist so vollkommen wie die, die den Anschein der Freiheit wahrt. Damit lässt sich selbst der Wille gefangennehmen.“ „Ich bin durch meine Laster Sklave und frei durch meine Gewissensbisse.“ (– Émile)
Aber Ähnliches findet man auch bei Gotthold Ephraim Lessing (1729–1781), der meinte, „Es sind nicht alle frei, die ihrer Ketten spotten“, wie auch später bei Goethe, der wiederholte: „Niemand ist hoffnungsloser versklavt als jene, die fälschlicherweise glauben, frei zu sein.“ Lessing ging wie viele seiner Vorgänger davon aus, dass Menschen durch die Vernunft erkennen können, was rechtlich und moralisch richtig ist. Zu den Grundprinzipien des natürlichen Rechts gehören für ihn beispielsweise das Gebot der Toleranz, der Respekt vor der menschlichen Würde und die Pflicht zur Gerechtigkeit. Es hat universelle Gültigkeit, über alle Kulturen und Zeiten hinweg. Es ist eine Art „moralischer Kompass“, den jeder Mensch besitzt. Positives Recht, das gegen die Grundsätze der Vernunft und der Humanität verstößt, ist für Lessing fragwürdig. Während er zwar sagt: „Kein Mensch muss müssen“, sieht er gleichzeitig die Gefahr, ohne Disziplin auf den falschen Weg zu kommen: „Laß dich den Teufel bey Einem Haare fassen; und du bist sein auf ewig?“ (–Nathan der Weise)
Revolution
Benjamin Franklin (1706–1790) war einer der Gründerväter der USA, deren Philosophie die Freiheit des Individuums betonte. Die meisten waren jedoch keine Anarchisten, sondern vertraten die Auffassung, die Summe der individuellen Willensäußerungen führe zum besten Ergebnis. Ihre Gedanken entstammen zwar der ursprünglichen Freimaurerei und enthalten hermetisches Wissen, aber sie haben sich noch nicht von der Vorstellung gelöst, der Staat werde benötigt, die Gesellschaft zu schützen. Franklin sagte u.a.:
- „Diese (US-) Regierung kann nur in Despotismus enden, wie es andere Formen vor ihr getan haben, wenn das Volk so verdorben wird, dass es eine despotische Regierung braucht, da es zu keiner anderen fähig ist.“
- „Gottesfurcht bedeutet Rebellion gegen Tyrannen“
- „Redefreiheit ist der Hauptpfeiler einer freien Regierung, Wenn diese Stütze entfernt wird, ist die Verfassung einer freien Gesellschaft aufgehoben und die Tyrannei an ihrer Stelle errichtet.“
- „Jene, die die unerlässliche Freiheit aufgeben, um vorübergehend ein bisschen Sicherheit zu erhalten, verdienen weder Freiheit noch Sicherheit.“ (–Reply to the Governor)
- „Die Wahrheit bleibt die Wahrheit, auch wenn sie uns manchmal kränkend und unangenehm erscheint.“
Franklin wandte sich bereits vor der Revolution gegen die Sklaverei – 100 Jahre vor ihrer tatsächlichen Abschaffung. Er sagte, dass der Genuss von Zucker, Tee und anderen Annehmlichkeiten das Leid der Sklaven nicht wert sei. Sklaverei werde eines Tages eine Quelle großen Übels darstellen.
1776 heißt es in der Unabhängigkeitserklärung der USA: „Wir halten diese Wahrheiten für selbstverständlich, dass alle Menschen gleich geschaffen sind, dass sie von ihrem Schöpfer mit bestimmten unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind, dass unter diesen das Leben, die Freiheit und das Streben nach Glückseligkeit sind.“ Bei näherer Betrachtung können wir feststellen, dass Eigentum, welches für Grotius und Locke eine wichtige Stellung im Naturrecht einnahm, im Text der Unabhängigkeitserklärung ausgelassen wurde.
In der französischen Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte von 1793 hingegen taucht Eigentum in Artikel 2 auf, direkt nach der Priorisierung von Glück und dem Auftrag der Regierung, den Genuss der Rechte zu sichern – ein Widerspruch, der praktische Auswirkungen hat.
Olympe de Gouges (1748–1793) war eine französische Aktivistin, die im Zuge der Revolution ein Manifest über die Rechte der Frau und Bürgerin veröffentlichte. Sie verlangte Gleichstellung mit dem Mann und berief sich dabei auf die Naturgesetze. Sie erklärte die Verfassung für ungültig, denn der Mann wolle im Zeitalter der Aufklärung und Vernunft „in durch nichts mehr zu rechtfertigender Unwissenheit despotisch über ein Geschlecht herrschen, das über alle geistigen Fähigkeiten verfügt.“ (–Manifest). Dem hielt der Konvent entgegen, dass „Kinder, Irre, Minderjährige, Frauen und Kriminelle kein Bürgerrecht genießen.“ – eine Haltung, die unverkennbar die fundamentale Dummheit der Revolutionäre beweist und notwendig, wie geschehen, in Gewalt enden musste. De Gouges wird wegen Hochverrat enthauptet, und hunderttausende andere mit ihr. Napoleon reißt die Macht an sich und stürzt ganz Europa in den Krieg mit ca. 5 Millionen Toten. Danach restauriert der Bruder des guillotinierten Königs die Monarchie.
Der irische Politiker und Philosoph Edmund Burke (1729-1797), später bekannt geworden durch seine Verteidigung der amerikanischen Revolte und seine Aufrufe zur Versöhnung, verfasste 1756 eine Rechtfertigung der natürlichen Gesellschaft, in der er unverblümt anarchistische Ansichten äußerte – nicht nur als Kritik an schlechter Regierung, wie so viele andere, sondern als Ablehnung von Regierung schlechthin. Er schrieb, sie sei zwar eingerichtet, um gewaltsame Übergriffe zu verhindern, aber: „Die Sache! Die Sache selbst ist ein Übergriff.“ „Macht rottet Stück für Stück jede humane und freundliche Tugend aus dem Geist aus.“ „Wer schützt uns vor den Beschützern?“ Sie alle abzulehnen sei logischer, als den einen aus konstruierten Gründen, die mehr mit Interessen als Prinzipien zu tun hätten, zu folgen und den anderen nicht zu folgen. Ihrer aller Logik – die Logik der Theologen und der Juristen – sei unnatürlich. „Wir sollten ihre Träume von der Gesellschaft und ihre Visionen von der Religion zurückweisen und uns für die vollkommene Freiheit einsetzen.“ (–A Vindication of Natural Society).
Im Gegensatz zu Washington, der ein Föderalist und Verfassungsfreund war, wandte sich Patrick Henry (1736–1799) gegen die Union und ihre Verfassung, denn er fürchtete um die Freiheit der amerikanischen Einzelstaaten und des Individuums. „Gib mir Freiheit oder gib mir den Tod“ ist sein bekanntester Ausspruch, mit dem er den Eintritt Virginias in den Unabhängigkeitskrieg bewerkstelligte. Er sah das Eigentum und die Selbstverteidigung als zentrale Pfeiler der Freiheit: „Wann hat es jemals Freiheit gegeben, wenn dem Volk das Schwert und der Geldbeutel entzogen wurden?“ Wie Franklin wandte er sich außerdem gegen die Institution der Sklaverei, fand deren Abschaffung jedoch unpraktikabel.
Samuel Adams (1722–1803), ebenfalls einer der Gründerväter, prägte den Spruch: „Keine Besteuerung ohne Repräsentation!“ Es ging ihm jedoch nicht um ein Vertretung der Kolonien im englischen Parlament, sondern um die Unabhängigkeit der Kolonien. Gegenstand der Loyalität sei nicht die Autorität und das Interesse eines einzelnen herrschenden Menschen. „Lieber als Freier sterben, denn als Sklave leben,“ verkündete er. Ein jeder könne frei sein, wenn er die Freiheit ihrem Wert entsprechend verteidigte. Doch „Weder die beste Verfassung noch die vernünftigsten Gesetze werden die Freiheit und das Glück eines Volkes sichern, dessen Sitten allgemein verdorben sind,“ warnte er. Würden die Moral und Prinzipien vergessen, führe dies geradewegs in den Untergang. Zu diesen Prinzipien zählte Samuel Adams auch das Eigentum. Er nannte soziale Gleichmacherei und Gemeineigentum illusorisch und unpraktikabel, und es sei auch niemandes Recht, sich freiwillig in die Sklaverei zu begeben.
Immanuel Kant (1724–1804) suchte nach Kriterien rechten Verhaltens. Dies führte ihn zum kategorischen Imperativ, einem „Grundgesetz der reinen praktischen Vernunft“, wie er es nannte: „Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Princip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.“ (–Kritik der praktischen Vernunft) Im Grunde hat er damit die Goldene Regel neu formuliert, jedoch mit einem großen Unterschied: Das zugrundeliegende Prinzip ist ein natürliches, dh. ewig und überall für alle Vernunftwesen gültiges Gebot. Wenn der Wille sich auf Grundlage der Vernunft auf das Gute richtet, ist die daraus resultierende Handlung gut, dh moralisch richtig. Zwischen Richtig und Falsch gebe es keine Grauzonen. Wo er allerdings behauptet, auch gegenüber einem Mörder müsse die Wahrheit gesagt werden, wenn ihm dies bei der Verübung seines Verbrechens helfe, irrt er, denn das wäre Beihilfe zu etwas Schlechtem. Daher wäre die Wahrheit zu sagen etwas Schlechtes, oder anders ausgedrückt: Etwas moralisch Richtiges zu tun würde zu falschen, unmoralischen Ergebnissen führen. Nur den Willen des Mörders zu beachten, missachtet den Willen und das Recht des potenziellen Opfers, zu überleben. In solchen Fällen greift das Notwehrrecht.
Thomas Paine (1737–1809), ebenfalls US-Gründervater und Verfasser mehrerer wichtiger Naturrechtsschriften wie Common Sense, The Rights of Man und The Age of Reason, hätte Kant ebenfalls widersprochen. „Schweigen wird zu einer Art Verbrechen, wenn es als Deckung oder Ermutigung für die Schuldigen dient“ (–Pennsylvania Packet), sagte er. Da sein ethisches Verständnis sehr groß war, gehörte er zu den wenigen, die Sklaverei schon im 18. Jahrhundert vehement ablehnten. Prinzipiell hielt er auch eine regierungsfreie Gesellschaft für möglich, wenn die Moralität der Bevölkerung dies erlaube; angesichts der tatsächlichen Verhältnisse sei Regierung aber das kleinere Übel. Kein weiser Mensch gebe einem anderen Macht über sich. „Regierung ist, genau wie die Kleidung, das Kennzeichen der verlorenen Unschuld“ (–Common Sense). In einer absoluten Monarchie sei der König das Gesetz; in einem freien Land sei das Gesetz König. Um dieses müsse man sich bemühen, denn „Wer die Segnungen der Freiheit ernten will, muss sich den Strapazen ihrer Erhaltung unterziehen.“ (–The Crisis No. IV)
Friedrich Heinrich Jacobi (1743–1819), ein mit französischen und deutschen Intellektuellen gut verknüpfter Freimaurer, hätte dem wohl zugestimmt, denn er sagte: „Der Despotismus ist bequemer als die Freiheit, wie das Laster bequemer als die Tugend ist.“ Er betont die Selbständigkeit des Einzelnen, die nicht durch Institutionen vorgeschrieben werden dürfe. Er kritisiert dogmatische Religion ebenso wie autoritäre Politik: Beides schränke die wahre innere Freiheit ein. Sein Ideal ist eine Gesellschaft, in der der Mensch aus eigener Einsicht und Verantwortung handelt – nicht aus Zwang oder äußerem Befehl. Seiner Ansicht nach führt eine rein rationale Weltsicht zur Determinismus-Falle, in der alles vorbestimmt scheint und der Mensch keine echte Freiheit besitzt.
John Adams (1735–1826), Gründervater, zweiter US-Präsident und Cousin des oben erwähnten Samuel Adams, sah das schon immer vorhandene Bemühen der Mächtigen, andere des Wissens um Richtig und Falsch zu entledigen, und damit auch ihrer „Rechte, die nicht durch menschliche Gesetze aufgehoben oder eingeschränkt werden können.“ Wenn dies durch die Regierung versucht werde, hätten die Menschen das Recht, ihr die Gefolgschaft zu entziehen (–A Dissertation on the Canon and Feudal Law). Doch letztlich war auch er ein Etatist.
Thomas Jefferson (1743–1826), ein weiterer Gründervater und dritter Präsident der USA, war der Hauptverfasser der Unabhängigkeitserklärung, in welcher zum ersten Mal allgemeine Menschenrechte in einem offiziellen Dokument erwähnt werden. Dort hieß es: „Wir halten diese Wahrheiten für selbstverständlich, dass alle Menschen gleich geschaffen sind, dass sie von ihrem Schöpfer mit bestimmten unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind, darunter Leben, Freiheit und das Streben nach Glück.“ Und er sagte: „Der Baum der Freiheit muß von Zeit zu Zeit mit dem Blut der Patrioten und der Tyrannen begossen werden. Dies ist der Freiheit natürlicher Dünger.“ Daher war er gegen ein stehendes Heer, das stets zur Unterdrückung eingesetzt werden kann, und für eine Bürgerwehr: „Für ein Volk, das frei ist und frei bleiben will, ist eine gut organisierte und bewaffnete Miliz die beste Sicherheit.“ Er war ein früher Warner vor der Macht der Banken: „Ich glaube aufrichtig, wie Sie, dass Bankanstalten gefährlicher sind als stehende Armeen; und dass das Prinzip, unter dem Namen Finanzierung, Geld auf Kosten der Nachwelt auszugeben, großmaßstäblicher Betrug an der Zukunft ist.“ und: „Nur die Lüge braucht die Stütze der Staatsgewalt, die Wahrheit kann von alleine aufrecht stehen.“ Auch war er ein Gegner der Sklaverei.
James Madison (1751–1836), ebenfalls Gründervater und vierter Präsident der USA, wird als Vater der Verfassung und der ersten Zusätze bezeichnet. Trotz vieler brillanter Äußerungen, die ein tiefes Verständnis des Naturrechts beweisen, mangelte es ihm in der persönlichen Praxis an Konsequenz. Zwar sagte er, „Wo es Sklaverei gibt, wird die republikanische Theorie noch unglaubwürdiger“, was durchaus richtig ist, aber seine eigenen Sklaven ließ er nicht frei. Wie Jefferson war er ein Gegner stehender Heere. Revolutionär war seine Haltung zu Religiosität, die er mit anderen Gründervätern teilte: „Die Religion eines jeden Menschen muss der Überzeugung und dem Gewissen eines jeden Menschen überlassen bleiben“ (–Virginia Declaration of Rights).
Industrialisierung / 19.Jh.
Der britische Philosoph, Autor und Historiker William Godwin (1756-1836) wird von manchen als erster Anarchist bezeichnet, obwohl er selbst dieses Wort nicht für die freie Gesellschaft benutzte, sondern für einen Zustand des Mangels an Moral und der unvernünftigen Rebellion gegen Führung. Er glaubte, Demokratie sei ein Übergangsstadium zur wahren Anarchie, die er den Zustand der natürlichen Freiheit nannte. Die Menschen würden nach und nach einfach den Dialog mit dem Staat einstellen, sobald sie durch Vernunft von der Freiheit überzeugt wären: „Es ist ernsthaft zu wünschen, dass jeder Mensch klug genug sein sollte, sich selbst zu regieren, ohne dass er durch irgendeine Zwangsmaßnahme eingeschränkt wird.“ (–An Enquiry Concerning Political Justice). Er lehnte Strafe ab und trat für die Gleichberechtigung der Frau ein. Gleichzeitig befürwortete er sozialistische Umverteilung von Gütern. Diese Haltung gab er später aber auf.
Der französische Libertäre Frederick Bastiat (1801–1850) war ein Feind der Umverteilung, speziell sozialistischer und sozialdemokratischer Prägung. Die Aufgabe des Staates bestehe bestenfalls in der gemeinschaftlichen Organisation des individuellen Rechtes auf legitime Verteidigung. „Existenz, Fertigkeiten, Erwerb — mit anderen Worten: Persönlichkeit, Freiheit, Eigentum. Siehe: der Mensch. Diese drei Dinge sind es, von denen wir fern aller Demagogie sagen können, dass sie aller menschlichen Gesetzgebung vorhergehen und darüber stehen. Nicht weil die Menschen Gesetze erlassen haben, gibt es Persönlichkeit, Freiheit und Eigentum. Im Gegenteil, weil Persönlichkeit, Freiheit und Eigentum vorherbestehen, erlassen die Menschen Gesetze.“ Wenn Gesetze zu Schaden am Eigentum führten, dann seien sie organisierte Ungerechtigkeit. Da das auf so gut wie alle Gesetze zutrifft, kommt er zu dem Ergebnis: „An welchen Punkt am wissenschaftlichen Horizont ich auch den Ausgangspunkt meiner Untersuchungen lege, immer ende ich unverändert dabei: die Lösung des sozialen Problems liegt in der Freiheit.“ (–Das Gesetz)
Henry David Thoreau (1817–1862), US-amerikanischer Schriftsteller und Naturphilosoph, sagte, dass der Respekt vor dem positiven Recht auch die Wohlgesinnten zu Handlangern des Unrechts mache. „Man sollte nicht den Respekt vor dem Gesetz pflegen, sondern vor der Gerechtigkeit,“ meinte er. „Wenn tausend [Bürger] in diesem Jahr ihre Steuern nicht bezahlen würden, wäre das keine gewaltsame und blutige Maßnahme; hingegen wäre es eine, sie zu bezahlen und so dem Staat die Möglichkeit zu geben, Gewalt zu begehen und unschuldiges Blut zu vergießen. Dies ist in der Tat die Definition einer friedlichen Revolution, wenn eine solche überhaupt möglich ist“ (–Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat). Man solle auch keiner sinnlosen Arbeit nachgehen: „Wenn du etwas getan hast, wodurch du bloß Geld verdient hast, so bist du wahrlich faul oder noch schlimmer gewesen“ (–Leben ohne Grundsätze).
Pierre Joseph Proudhon (1809-1865) war ein französischer Anarchist, der deutliche Worte für die Umtriebe der Regierung fand: „Die Beherrschung des Menschen durch den Menschen, gleichviel hinter welchem Namen sie sich verbergen mag, ist Unterdrückung; die höchste Vollkommenheit der Gesellschaft findet sich in der Vereinigung von Ordnung und Anarchie.“ (–Was heißt Eigentum?). Mehr noch: „Anarchie ist Ordnung ohne Herrschaft.“ (–Bekenntnisse eines Revolutionärs). Gleichzeitig misinterpretiert er das Wesen des Eigentums, und statt es als objektive Begründung der Anarchie zu begrüßen, verteufelt er es nach sozialistischer Manier. Er prägte den Satz „Eigentum ist Diebstahl.“ (–Bekenntnisse).
Während die Gründerväter Sklaverei im 18. Jh. zumeist nur als lästiges Übel debattierten, begann im 19. Jahrhundert die Diskussion ernsthaft Fahrt aufzunehmen, weil diese Praxis der Industrialisierung im Wege stand. Für den Fortbestand argumentierte z.B. der amerikanische Anwalt George Fitzhugh (1806-1881), und zwar mit genau denselben Argumenten, die den Staat als solchen schützten. Er sagte: „Dem denkenden Menschen kann sich nie die Frage stellen, wer frei sein soll. Denn niemand sollte frei sein. Jede Regierung ist Sklaverei… Es ist die Pflicht der Gesellschaft die Schwachen zu beschützen; aber Schutz kann nicht effizient sein ohne die Macht der Kontrolle; daher ist es die Pflicht der Gesellschaft, die Schwachen zu versklaven… Die Freiheit ist ein Übel, das die Regierung zu beseitigen die Aufgabe hat. Das ist der einzige Zweck der Regierung.“ (–Sociology for the South) So ekelerregend Bekenntnisse wie diese sind, muss man Jurist George Fitzhugh, Senator James Hammond, Pastor Thornton Stringfellow und anderen Ideologen fast dankbar sein, es einmal so direkt zum Ausdruck gebracht zu haben: Regierung ist Sklaverei, und das ist weder das Produkt vereinzelter fauler Äpfel noch ein zu tolerierender Nebeneffekt, sondern der erklärte Zweck der Einrichtung.
Ralph Waldo Emerson (1803–1882) weigerte sich, die Gesellschaft als Masse zu bezeichnen, sondern sah in ihr eine Ansammlung von Individuen. Er brachte zum Ausdruck, dass das Wesen des Menschen Originalität, Beweglichkeit, Freiheit und Klarheit sei, und wenn diese fehlten, höre er auf, ein Mensch zu sein: „Wo immer ein Mensch hinkommt, gibt es eine Revolution. Das Alte ist für Sklaven.“ (–Divinity School Address). Ihm wohne eine natürliche Religiosität inne, die wir heute Spiritualität nennen: „Jede natürliche Tatsache ist ein Symbol für eine geistige Tatsache.“ (–Nature). Er glaubte an ein der Natur innewohnendes Gesetz des Karmas, das sie letztlich allen Unrechts entledigen werde: „Am Ende wird die Menschheit schließlich an der Zivilisation sterben“ (–Society and Solitude). „Nichts, das schlecht ist, kann erhalten werden.“ Es lohne den Aufwand nicht: „Jeder derzeitige Staat ist korrupt. Gute Menschen sollten die Gesetze nicht zu genau befolgen“ (–Politics), denn „Jede Gesellschaft ist eine Verschwörung gegen die Menschlichkeit jedes ihrer Mitglieder.“ Und so beschloss er: „Von nun an gehöre ich der Wahrheit. Ihr sollt wissen, dass ich von nun an keinem Gesetz mehr folge, das niedriger steht als das ewige Gesetz“ (–Self-Reliance).
Michail Bakunin (1814-1876), einer der ersten, die sich selbst Anarchisten nannten, schreibt: „Die Freiheit des Menschen besteht einzig darin, daß er den Naturgesetzen gehorcht, weil er sie selbst als solche erkannt hat und nicht, weil sie ihm von außen her von irgend einem fremden Willen, sei er göttlich oder menschlich, kollektiv oder individuell, auferlegt sind“. Jede Form von Regierung stelle nichts anderes dar, „als die Beherrschung der Massen von oben nach unten durch eine intellektuelle und eben dadurch privilegierte Minderheit“ (–Gott und Staat) Ein Staat ohne Sklaverei, offen oder verdeckt, sei unvorstellbar. In jedem Fall sei Autorität jedoch eine Anmaßung, weil niemand das Leben eines anderen zu dessen Nutzen regeln könne und auch niemand eine solche Führung brauche. Er mahnte, dass die Freiheit des Einzelnen nur in der Freiheit aller Individuen verwirklicht werden könne: „Frei zu sein bedeutet, unter freien Menschen zu leben und aufgrund ihrer Freiheit frei zu sein“ (–Man, Society, and Freedom). Allerdings ging er auch mit Ideen des Atheismus und Sozialismus schwanger und forderte Gemeineigentum.
Der amerikanische Rechtsanwalt, Philosoph und Unternehmer Lysander Spooner (1808–1887) hatte ein sehr tiefes Verständnis des Naturrechts. Er erkannte, das legale Handlungen Gewalt darstellen können und illegale Handlungen, wenn sie niemand schädigen, eigentlich ein Menschenrecht sind. Gerechtigkeit könne es nur geben, wenn sie natürlichen Ursprungs und universell gültig sei. Kein Mensch und auch keine Gruppe von Menschen, die sich Regierung nennt, könne Rechte schaffen, einschränken, verändern oder abschaffen. „Was ist dann Gesetzgebung?“, fragte er. „Es ist die Anmaßung einer absoluten, unverantwortlichen Herrschaft über alle anderen Menschen, die man seiner Macht unterwerfen kann, durch einen Mann oder eine Gruppe von Männern. Es ist die Anmaßung eines Mannes oder einer Gruppe von Männern, alle anderen Menschen ihrem Willen und Dienst zu unterwerfen. Es ist die Anmaßung eines Menschen oder einer Gruppe von Menschen, alle natürlichen Rechte, alle natürliche Freiheit anderer Menschen vollständig abzuschaffen, alle anderen Menschen zu ihren Sklaven zu machen, allen anderen Menschen willkürlich zu diktieren, was sie tun und nicht tun dürfen, was sie haben und nicht haben dürfen, was sie sein und nicht sein dürfen. Es ist, kurz gesagt, die Anmaßung eines Rechts, das Prinzip der Menschenrechte, ja das Prinzip der Gerechtigkeit selbst von der Erde zu verbannen und an seine Stelle den eigenen persönlichen Willen, das eigene Vergnügen und das eigene Interesse zu setzen. All dies und nichts anderes ist in der Vorstellung enthalten, dass es so etwas wie eine menschliche Gesetzgebung geben kann, die für diejenigen, denen sie auferlegt wird, verbindlich ist.“ Seine Ansichten erschüttern die naturrechtlichen Ansichten anderer, die immer noch an ihren Privilegien, ihrem Staatsglauben und an der Notwendigkeit einer Regierung festhalten. Er stellt fest: „Alle bedeutenden Regierungen der Welt – sowohl die jetzigen als auch die vergangenen – waren bloße Räuberbanden, die sich zum Zwecke der Plünderung, Eroberung und Versklavung ihrer Mitmenschen zusammengeschlossen haben.“ (–Treatise on Natural Law). Und die Versklavung betrifft eben nicht nur jene, die in Ketten liegen, sondern auch jene, die die Früchte ihrer Arbeit in Form von Steuern abgeben müssen.
Die Okkultistin und Begründerin der Theosophischen Gesellschaft Helena Petrovna Blavatsky (1831-1891) hätte sich dem mit Sicherheit angeschlossen. Ihr Motto lautete: „Es ist keine Religion und kein Gesetz höher als die Wahrheit!“ (–Geheimlehre). Ihr Wissen um die Naturgesetze gewann sie auf ihren Reisen rund um die Welt, insbesondere nach Tibet , wo sie mit hermetischen Meistern gesprochen und deren Lehren studiert hat. Blavatsky sah den Materialismus als eine Gefahr, denn er sei „anti-philosophisch, Geist verneinend und fördere darüber hinaus Brutalität, Verlogenheit und vor allem Selbstsucht“ (–Briefe). Ihre Lehre enthielt über die blanke Rechtmäßigkeit hinausweisende Mitmenschlichkeit und das allgemeine Ziel einer Anhebung des Bewusstseins der Spezies. „Wer von der Weisheit des universellen Verstandes profitieren will, muss diese durch die gesamte Menschheit erreichen, ohne Unterschied von Ethnie, Hautfarbe, Religion oder sozialem Status“ (–Practical Occultism). Die Theosophie bereitete schon im 19.Jh. den Boden für den späteren Erfolg von Buddhismus und Hinduismus in der westlichen Kultur. Aus ihr ging auch die Anthroposophie Rudolf Steiners hervor und sie war die Starthilfe Jiddu Krishnamutis. Da alles Wissen zum Guten wie zum Bösen verwendet werden kann, ist es kaum verwunderlich, dass die Theosophie, das Göttliche Wissen, schon bald von dunklen Gestalten wie Alice Bailey und Annie Besant in den Dienst ihrer Weltbeherrschungsreligion gestellt worden ist und zur Mutter von New Age und New World Order wurde.
20. Jahrhundert
Um die Jahrhundertwende kommt es zu einem Revival der Hermetik, als unter dem Pseudonym Die Drei Eingeweihten das Kybalion erscheint. Die kurze Schrift fasst die universellen Hauptgesetze des Bewusstseins in sieben Punkten zusammen und erläutert diese in verständlicher Sprache.
Rudolf Steiner (1861-1925) hatte ein derart umfassendes Wissen über die Wirklichkeit, dass man ihn ein Universalgenie nennen könnte. Er schrieb zu praktisch allen lebensrelevanten Themen und zeigte dabei extrem tiefe Einsicht. „Um die Welt wirklich zu kennen, schauen Sie tief in Ihr eigenes Wesen. Um sich selbst wirklich zu kennen, muss man sich wirklich für die Welt interessieren.“ „Der Erkenntnisprozeß ist […] der Entwicklungsprozeß zur Freiheit“, sagte er (–Wahrheit und Wissenschaft). „Frei ist der Mensch, insofern er in jedem Augenblick seines Lebens sich selbst zu folgen in der Lage ist.“ Aber: „Das Wissen hat nur dadurch Wert, dass es einen Beitrag liefert zur allseitigen Entfaltung der ganzen Menschennatur.“ (–Die Philosophie der Freiheit). „Anthroposophie [menschliche Weisheit] ist ein Erkenntnisweg, der das Geistige im Menschenwesen zum Geistigen im Weltenall führen möchte… Anthroposophen können… nur Menschen sein, die gewisse Fragen über das Wesen des Menschen und die Welt so als Lebensnotwendigkeit empfinden, wie man Hunger und Durst empfindet“ (–Anthroposophische Leitgedanken). Steiner ist der tatsächliche geistige Erbe Blavatskys, doch auch seine Anthroposophische Gesellschaft wurde schon bald nach seinem Ableben für andere Ziele kooptiert. Keine Institution von irgendwelcher Bedeutung kann diesem Schicksal entgehen. Das Menschenrecht ist das Eigentum des Individuums, die Verantwortung für sein Handeln ist das Eigentum des Individuums, und so muss auch die natürliche Gemeinschaft das Eigentum von Individuen bleiben und darf keine eigene Individualität entwickeln.
Carl Jung (1875–1961) war derjenige, der als Wissenschaftler am dichtesten an die hermetische Erkenntnis der menschlichen Seele herankam und ihre Verbindung zu einem größeren Ganzen verstand. „Das Individuum, das nicht in Gott verankert ist, vermag der physischen und moralischen Macht der Welt auf Grund seines persönlichen Dafürhaltens keinen Widerstand zu leisten. Dazu bedarf der Mensch der Evidenz seiner inneren, transzendenten Erfahrung, welche allein ihn vor dem sonst unvermeidlichen Abgleiten in die Vermassung bewahren kann“ (–Zivilisation im Übergang), sagte er und beschrieb damit die Voraussetzungen für ein gesundes Verhältnis des Individuums zu den beiden Elementen, die über uns hinausweisen: das Geistig-Spirituelle und das Gemeinschaftliche. „Wo die Liebe herrscht, da gibt es keinen Machtwillen, und wo die Macht den Vorrang hat, da fehlt die Liebe. Das eine ist der Schatten des andern“ (–Über die Psychologie des Unbewussten), sagte er, und: „Wer nach außen schaut, träumt; wer nach innen schaut, erwacht.“ (–Briefe). Dieses Erwachen ist Bewusstwerdung, und Bewusstwerdung sei stets schmerzhaft.
Clive Staples Lewis (1898–1963) wandte sich in einer polemischen Schrift nicht deshalb gegen Sklaverei, weil er sie grundsätzlich ablehnte, sondern weil er niemand in der Lage sah, der Herr zu sein. Der irische Schriftsteller, der vor allem für die Chroniken von Narnia bekannt ist, erklärte: „Das Tao, das manche Naturrecht oder traditionelle Moral oder die ersten Prinzipien der praktischen Vernunft oder die ersten Binsenweisheiten nennen mögen, ist nicht irgendein Wertesystem. Es ist die einzige Quelle aller Werturteile. Wenn es abgelehnt wird, wird aller Wert abgelehnt.“ (–The Abolition of Man). „Gott kann mit allem, was geschieht, gut umgehen, aber der Verlust ist real.“ (–Perelandra)
Sogar Tolkien sagte einmal: „Meine politischen Ansichten tendieren mehr und mehr zur Anarchie, philosophisch verstanden, was die Abschaffung von Kontrolle bedeutet, nicht von bärtigen Männern mit Bomben und so weiter“. Die unanständigste Betätigung für einen Menschen, selbst eines Heiligen, der sie zumindest nicht annehmen wollte, sei es, andere Menschen zu beherrschen. Nicht einer von einer Million sei dafür geeignet, und am wenigsten diejenigen, die danach strebten.
Der weitgehend vergessene katholische Rechtslehrer Heinrich Rommen (1897–1967) wies auf die Prinzipien- und damit Haltlosigkeit positiven Rechts hin, insbesondere wo es um die Legitimität des Staates geht. Weil es keine Grundlage habe, versage es im Krisenfall. Er schrieb: „Positivismus ist immer staatstheoretische Unfruchtbarkeit, Ende, nicht Anfang und Höhepunkt des Denkens über den Staat.“ (–Der Staat in der katholischen Gedankenwelt). Einziges Staatsziel könne nur die Verwirklichung des Gemeinwohles sein. Wo die Herrschaft diesem zuwider handelt, hätten die Untertanen passives und aktives Widerstandsrecht. Auch wenn es naturrechtlich betrachtet kein Gemeinwohl gibt, weil es stets das Wohl des Einzelnen ist, das zählt, und sein Wohl nicht gegen das anderer Menschen aufgewogen werden darf, hat Rommen mit seiner Aussage grundsätzlich recht. Als Naturrechtler ist er insgesamt jedoch unzeitgemäß, da er dem Staat nicht grundsätzlich die Existenzberechtigung abspricht und überdies das Recht der Kirche auf Beteiligung in ihm fordert.
Jacques Maritain (1882–1973), ein Mitverfasser der Universellen Erklärung der Menschenrechte der UN, war ein Verfechter der naturrechtlichen Ethik. Er schrieb: Politische Philosophie müsse sich unabhängig von Links oder Rechts schlicht an der Wahrheit ausrichten. „Wir brauchen nicht Wahrheiten, die uns dienlich sind, sondern solche, denen wir dienen können.“ (–Degrees of Knowledge). „Nichts ist vergeblicher als der Versuch, die Menschen aufgrund philosophischer Mindestmaße zu einen.“ (–Integral Humanism). „Frei zu sein ist die Essenz jedes intelligenten Wesens“ (–Freedom in the Modern World). Er erkannte, „dass Gerechtigkeit die Ordnung und Ungerechtigkeit die schlimmste Unordnung fördert, und … dass die Ursache der Wohlfahrt und der Freiheit der Menschen und die Ursache der politischen Gerechtigkeit wesentlich miteinander verbunden sind.“ (–Christianity and Democracy)
Im Gegensatz zu den meisten anderen Naturrechtlern war Ayn Rand (1905–1982) Atheistin. Sie glaubte an den freien Willen und lehnte die aufklärerische Ontologie ab. Ihre ganze Ideologie drehte sich um den Eigennutz. Die Rechte des Individuums leitete sie aus dessen rationalen Egoismus ab, der sich gegen die Interessen anderer Individuen abgrenzt. Sie war kein Gegner des Staates, verneinte aber das Gewaltmonopol und den Sozialstaat. Das Problem mit dem utilitaristischen Ansatz besteht in seinem weniger-als-rationalen Ansatz, der sich rein am eigenen Vorteil orientiert und statt guter Gründe Recht-Fertigungen vorschiebt: Wünsche, Impulse, Gefühle, Glück. Diese zu haben und zu verfolgen ist durchaus ein natürliches Recht, doch genügen sie nicht, um die Rechte des Anderen zu schützen, sondern geben Anreiz, sie zu verletzen.
Jiddu Krishnamuti (1895-1986) lehrte, dass alles Verstehen und Tun von Beobachtung ausgehen müsse. Von der Theosophischen Gesellschaft in jungen Jahren zum Weltlehrer und Messias erklärt und zum Oberhaupt ihres indischen Ordens gemacht löste er diesen jedoch auf: „Ihr könnt andere Organisationen gründen und auf jemand anders warten. Damit habe ich nichts zu tun. Ich habe kein Interesse daran, neue Gefängnisse zu errichten und neue Dekorationen für diese Gefängnisse zu kreieren. Mein einziges Interesse liegt in der absoluten, uneingeschränkten Befreiung des Menschen“ (–Rede 3.8.1929). Die Welt benötige eine Revolution, doch diese sei eine des Bewusstseins, nicht der Politik.
Manly P. Hall (1901-1990) sprach davon, dass das Universum den okkulten Lehren zufolge von Intelligenz, Liebe und Gesetz regiert wird, wobei das Gesetz das Größte ist. Liebe und Intelligenz dienen dem Gesetz, sind vielmehr das Gesetz, und das Gesetz dient allen Wesen unparteiisch.
„Es erschien dem orientalischen Geist nicht unvernünftig, dass es diese unsichtbare Hierarchie geben musste, dass es eine gewaltige unsichtbare Maschinerie geben musste, die den sichtbaren Phänomenen des Lebens diente, und dass diese Maschinerie sich um alles kümmern musste – von der Bewegung des Kosmos bis zum Fall des Sperlings… Die Weisen Asiens waren davon überzeugt, dass die sichtbare Welt, wie wir sie wahrnehmen, nur ein Anhängsel eines großen unsichtbaren Prozesses ist, den wir nicht sehen, den wir aber schätzen und verstehen lernen können… Diesen alten Weisen war klar, dass der Mensch nicht einfach dazu da war, eine materielle Welt aufzubauen, sein persönliches Vermögen, seine Macht oder seinen Grundbesitz zu mehren oder zu erobern; es gab etwas viel Wichtigeres im Leben. Er war hier, um ein Diener des gewaltigen Plans zu sein, der ihn am Leben hielt und von dem er ein Teil war.“…
„Einige werden behaupten, dass es möglich ist, ethisch zu sein, ohne an einen göttlichen Plan zu glauben. Das ist womöglich wahr,… aber der Preis der Ehrlichkeit auf dieser Glaubensgrundlage ist sehr hoch… Man wird ständig dem Druck der äußeren Umstände ausgesetzt sein und immer wieder in Versuchung geraten, fast jenseits seiner menschlichen Kraft, zu widerstehen. Man wird keine Grundlage für eine innere Stärke haben, die seine ethische Überzeugung stützen könnte. Es ist daher viel besser zu erkennen, dass die Ethik eine solide Tatsache ist, unantastbar und vom gesamten Universum gestützt… Wir müssen an eine Kraft glauben, die größer ist als unsere eigene, oder unsere eigene geringe Kraft wird versagen.“…
„Die Suche nach der Wahrheit ist fast vollständig eine Frage des Motivs. Das Motiv ist das Allerwichtigste… Das esoterische System basiert auf dem ultimativen Motiv. Das ultimative Motiv ist der Dienst an der Wahrheit selbst, eine vollständige Hingabe an den Dienst an den Realitäten der Existenz.“ (–The Adept Tradition in Modern Living)
Mit anderen Worten folgt die Welt einem großen Plan, doch der Mensch hat das Recht erhalten, aus freiem Willen die rechte Wahl zu treffen. Dieser moralische Determinismus steckt im Gebet, „Dein Wille geschehe.“ Wenn der Mensch versucht, sich gegen die eiserne Logik der Natur aufzulehnen, kommt er in einen Kampf mit den Prinzipien, denen er selbst seine Existenz als Mensch verdankt, und so müssen seine Handlungen gegen die Natur zu seinem eigenen Untergang führen.
Für den Rechtspositivisten sind alle diese Erörterungen natürlich nur Aberglaube. Ihm geht es lediglich um Recht-Fertigungen für seine fiktiven Konstrukte von Legalität. Selbst die Nazis entblödeten sich nicht, sich auf das Naturrecht zu berufen, wenn es ihnen opportun schien. Am Schluss aber warf Freisler sogar das positivistische Gesetzbuch auf den Boden und sagte, dass er es nicht brauche, was zeigt, dass Rechtspositivisten Moralrelativisten sind, die keine objektive Gerechtigkeit erkennen und deshalb beliebig urteilen. Sie glauben, dass die Rolle des Menschen darin besteht, die Natur zu überwinden, aber der Mensch hat die Natur noch nie besiegt, er hat die eine oder andere Falte ihres riesigen Schleiers gelüftet. In Wirklichkeit erfindet der Mensch nichts, sondern entdeckt, was ist und gilt. Er beherrscht die Natur nicht, sondern ist aufgrund seiner Kenntnis verschiedener Gesetze und Geheimnisse in der Lage, andere Lebewesen, die sie nicht kennen, zu übervorteilen – auf dieselbe Weise, wie Okkultisten die Mehrzahl der Menschen übervorteilen, die sie aktiv am Wissen hindern. Sie streuen Sand in die Augen anderer, indem sie die perversen Ideologien des Egozentrismus, moralischen Relativismus, Sozialdarwinismus und der Eugenik verbreiten, während alles Natürliche als Dschungel und Wildnis abtun. Das Wissensgefälle zwischen Herrscher und Beherrschten ist das ganze Geheimnis und die Hauptstütze der Macht.
Der amerikanische Wirtschaftsphilosoph Murray Rothbard (1926–1995) erkannte zutreffend, dass hinter den vielen Bewegungen zur sozialen Gerechtigkeit eine andere Agenda steht: „Hinter dem honigsüßen, aber offenkundig absurden Einstehen für Gleichheit, steckt ein rücksichtsloser Trieb, sich selbst (die Elite) an die Spitze einer neuen Machthierarchie zu setzen.“ Gleichheit hört dort auf, wo sie das Machtgefälle nivellieren soll. Deutlich sichtbar werde die Absurdität von Demokratie, wo behauptet wird, ein durch staatlichen Zwang Geschädigter verletze sich selbst, da er doch Teil des Souveräns sei. (–The Anatomy of the State). „Der Staat ist der gemeinsame Feind aller Menschen.“ (–The Noblest Cause of All). „Alle Regierungen sind zum Zwecke der Ausübung von Gewalt gebildet worden“ (–Power and Market), sagt Rothbard, und das erstrecke sich auch auf die Außenbeziehungen: „Alle zwischenstaatlichen Kriege sind ungerecht.“ (–Interview). „Der Staat… ist die einzige Organisation in der Gesellschaft, die ihre Einnahmen nicht durch freiwillige Gaben oder Zahlungen erhält, sondern durch Zwang“ (–The Anatomy of the State).
Der belgische Rechtsphilosoph Frank Van Dun (1947–) hat zum Nichtangriffsprinzip (NAP) gearbeitet. Er unterscheidet legal von rechtmäßig und leitet daraus ab, dass das Individuum das Recht habe, sich aus einem legalen Rahmen zu entfernen, denn der Versuch, es zu hindern, verstoße gegen das NAP. Das westliche positive Recht hingegen würdige den Menschen auf eine künstliche Person herab, eine bloße Ressource, die dieses Recht nicht habe. Besitz sei ein Mittel zum Handeln, dh Leben, und sei der Freiheit daher nachgestellt. Besitzrechte dürften daher die individuelle Freiheit nicht einschränken, etwa wenn fremder Besitz den Zugang zum eigenen Land verhindert. Redefreiheit schließe nicht ein, dass man zur Rechtsverletzung aufrufen dürfe. Er äußerte sich außerdem kritisch zur Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der UN, weil diese widersprüchliche Regelungen enthalte, die keine Sicherheit bieten. Immerhin, diese gesteht weltweit zu: „Jeder hat das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person.“ (–AEMR Art.3) Vielleicht hätte man es dabei belassen sollen. Aber dann könnte man Menschen nicht als Vieh in staatlichen Schafkoppeln halten, um ihre Arbeitskraft auszubeuten. Und so hängt am Schluss dieser Erklärung die Behauptung, Jeder habe angeblich „Pflichten“ gegenüber der Gemeinschaft, in der allein die freie und volle Entfaltung seiner Persönlichkeit möglich sei. Er sei in seinen Rechten und Freiheiten „nur“ den Beschränkungen des (positiven) Gesetzes unterworfen und dürfe diese Freiheiten auch nicht gegen die Ziele der UN anwenden. (–AEMR Art.3). Alles in allem eine Mogelpackung, genau so perfide wie das Grunzgesetz. Die Rechte eines jeden Individuums gehören ihm selbst und müssen von ihm selbst oder von anderen freiwillig oder mit Zustimmung in Kenntnis der Grundsätze der Selbstverteidigung und des Nichtangriffs geschützt werden.
Gegenwart / 21. Jahrhundert
Das Informationszeitalter ist nun im 21. Jahrhundert angekommen, und wir können über die gesamte Geschichte und alle Kulturen nachdenken, um die volle Natur des Naturrechts oder das gesamte Thema des Rechts zu erkennen. Unser Verständnis des Naturrechts nimmt mit der Zeit immer mehr zu, da die Wahrheiten im Laufe der Zeit immer deutlicher werden.
Der US-Rechtsgelehrte Robert P. George (1955–) bringt in Erinnerung, dass das Zugeständnis freiheitlicher Rechte an immer weitere Gruppen nicht bedeutet, dass es das moralische Recht der Frau wäre, ihr ungeborenes Kind zu töten: „Es ist einfach und unkompliziert. Wir versuchen, es kompliziert zu machen, aber es ist einfach und unkompliziert. Im Mutterleib entwickelt sich ein neues menschliches Leben, und bei der Abtreibung geht es darum, dieses Leben zu töten.“ (–Interview). Und zwar mit ganz wenigen Ausnahmen, in denen das Leben der Mutter auf dem Spiel steht, wegen persönlicher Präferenzen. Dass dies nicht moralisch richtig sein kann, ist offensichtlich. Auch die Ursache ist klar: „Die schlimmste Form der Sklaverei, die es gibt, ist die gegenüber den eigenen Gefühlen, Leidenschaften oder Wünschen. Das Ziel, das Unterfangen, ein menschliches Leben zu führen, ein wahrhaft menschliches Leben, besteht darin, sich selbst zu beherrschen… Wenn wir das auf der persönlichen Ebene versäumen, wird es auf gesellschaftlicher Ebene nicht funktionieren.“ (–Interview). Er rät: „Seid bereit, euer Kreuz auf euch zu nehmen und Jesus nachzufolgen – sogar bis zum Golgatha. Sprecht die Wahrheit in Liebe und lasst niemanden im Zweifel darüber, wo ihr steht. Legt ein getreues Zeugnis ab. Seid sanftmütig wie die Tauben, aber klug – sogar listig – wie die Schlangen. Macht keine Kompromisse bei euren Prinzipien – aus Angst oder gar in der Hoffnung, lohnende Ziele zu erreichen. Verfallt nicht dem Irrtum, dass ein guter Zweck ein schlechtes Mittel rechtfertigt.“ (–Interview). Und er sagt: „Die Wahrheit ist das Fundament und die Bedingung der Freiheit. Wäre es nicht wahr, dass der Mensch es verdient, dass seine Grundfreiheiten geachtet und geschützt werden, würde der Tyrann kein Unrecht begehen, wenn er sie verletzt. Relativismus, Skeptizismus und Subjektivismus in Bezug auf die Wahrheit bieten keine sichere Grundlage für die Freiheit. Wir sollten die bürgerlichen Freiheiten achten, weil die Normen, die uns dazu verpflichten, sie zu achten und zu schützen, gültig, solide, mit einem Wort: wahr sind.“ (–Twitter)
Mit dem Aufkommen des Internets entstand ein weiterer Weg der Verbreitung philosophischer Wahrheiten. Eine ganze Reihe neuer Naturrechtslehrer griff nicht nur die alten Vorbilder wie Aquinas, Locke oder Spooner auf, sondern entwickelte das Rechtsverständnis weiter, besonders in den USA. Unter ihnen befindet sich Larken Rose (1960er–), der aufgrund seiner Weigerung, Steuern zu zahlen, mit dem Staat in Konflikt kam. Er ist Anarchist oder – wie er das nennt – Voluntarist, sieht also ausschließlich freiwillige Interaktionen als rechtmäßig an. In hunderten von leicht verständlichen Kurzvorträgen erläutert er das Nichtangriffsprinzip und das Notwehrprinzip aus einer säkularen Perspektive, die sich vor allem auf das Eigentum am eigenen Körper stützt. Rose ist außerdem Verfasser von Romanen und Sachbüchern zum Naturrecht und Urheber des Kinofilms Jones Plantation, in dem die Sklaverei des Etatismus thematisiert wird. Er sagt beispielsweise: „Wenn genügend Menschen die Wirklichkeit verstünden, könnten Tyrannen buchstäblich wegignoriert werden. Sie können aber niemals weggewählt werden.“
Seit ca. 2007 sehen wir den ehemaligen Satanspriester Mark Passio (1974–) aktiv werden, der das Naturrecht in Vortragsreisen, Seminaren, Konferenzauftritten und Podcastserien mit Hinblick auf die okkulten Wissenschaften lehrt. Er weist darauf hin, dass der Zustand der Menschheit seit Jahrtausenden in Sklaverei besteht, weil jene, die herrschen – die Okkultokratie –, die universellen Gesetze vor den Beherrschten verbergen. Er selbst bezeichnet sich daher als De-Okkultist, also einer, der die Gesetze allen verfügbar macht. Passio, der auch einen Lehrfilm mit dem Titel The Science of Natural Law gedreht hat, definiert des Naturrechts folgendermaßen: „Das Naturrecht ist die Gesamtheit der universellen, inhärenten, objektiven, nicht vom Menschen geschaffenen, ewigen und unveränderlichen Bedingungen, die die Folgen des Verhaltens von Wesen regeln, die in der Lage sind, den Unterschied zwischen schädlichem und nicht schädlichem Verhalten zu erkennen.“
Dieser Auffassung zufolge ist jede Handlung, die anderen fühlenden mit einem Willen ausgestatteten Wesen keinen Schaden initiiert, ein natürliches Recht. Das Verständnis des Naturrechts ist darauf ausgerichtet, unser eigenes Gewissen mit der objektiven Moral in Einklang zu bringen. Das bedeutet, dass wir definitiv wissen, welche Verhaltensweisen richtig sind, weil sie anderen empfindungsfähigen Wesen keinen Schaden zufügen, und welche Verhaltensweisen falsch sind, weil sie anderen empfindungsfähigen Wesen Schaden zufügen. Schaden entsteht durch die Beeinträchtigung, Schädigung oder Zerstörung rechtmäßig erworbenen Eigentums gegen den Willen des Eigentümers. Jeder Rechtsverstoß ist eine Form von Diebstahl, bei dem jemand etwas gewaltsam, also gegen dessen Willen, genommen wird. Der menschliche Glaube ist völlig irrelevant, wenn es um die Existenz und das Wirken des Naturgesetzes geht, genauso wie er irrelevant ist in Bezug auf andere Naturgesetze wie Schwerkraft, Trägheit, Impuls, Thermodynamik oder Elektromagnetismus. Naturgesetze können ganz genau so entdeckt und erkannt werden – und müssen es auch, damit wir ein gutes Leben haben können. „Die Summe der Freiheit in einer Gesellschaft entspricht der Summe der Moralität in einer Gesellschaft.“ Wer das versteht, befindet sich im Besitz der wichtigsten, mächtigsten und geheimsten Information, die es überhaupt gibt.
Nach über 80 Philosophen, die ich herausgepickt habe, sind wir nun am Ende des Vortrags angekommen. Hunderte, wenn nicht tausende weitere müssen unerwähnt bleiben, oft schlichte Menschen, die nie publiziert, dafür aber um so konsequenter aus Intution gelebt haben, was andere durch Vernunft begründeten. Heute, da uns alles Wissen der Welt mit wenigen Tastendrücken verfügbar ist, haben wir gleichzeitig die umfassendste Naturrechtslehre und die größte geistige Versklavung aller Zeiten. Die Herausforderung besteht hauptsächlich in zwei Dingen: zum einen die ungeheuren Berge von Informationsmüll, die die korrekten Tatsachen unter Halb- und Unwahrheiten begraben, und zum anderen den weit verbreiteten fundamentalistischen Materialismus mit seinem Mangel an inneren Qualitäten, die die innere Entdeckung der Wahrheit erlauben würden. Es fehlt an Spirit, Mitgefühl, Aufmerksamkeit, Wille und Mut, es grassieren Faulheit, Gier, Dummheit und Wehleidigkeit. In allem materiellen und informationellen Überfluss ist es heute schwieriger denn je, moralische Lehren zu vermitteln, die im 18. und frühen 19. Jahrhundert noch zu Logengründungen in jeder kleinen Stadt geführt haben.
Doch nur weil einige der Inhalte religiös zu sein scheinen, heißt das nicht, dass sie es auch sind. Das Studium des Naturrechts ist durch die Jahrtausende als eine Wissenschaft behandelt worden, deren Erkenntnisse nicht in die Hände Unwürdiger gegeben werden durften. Nun, da sie fast ausschließlich für korrupte Zwecke benutzt werden – nämlich die Menschen in Knechtschaft zu halten –, ist die Zeit angebrochen, das Wissen frei zu verteilen, um das Ungleichgewicht aufzuheben. Es fällt aber leichter, Sand in jedermanns Augen zu streuen, als diese wieder von Fremdkörpern zu reinigen. Und so wird es der steigende Leidensdruck sein, der irgendwann das Ruder herumreißt.
Kultur spielte durch die Geschichte eine große Rolle beim Maß, in dem Naturrecht erkannt, vor allem aber beim Maß, in dem es angewendet wurde. Trotz der revolutionären Lehre des Christus fehlten speziell in Europa lange Zeit schlicht die spirituellen Werkzeuge, die seine Erkenntnis und Umsetzung erlaubt hätten. Vielleicht liegt es gerade am Abbau, ja der Zerstörung von Kultur in unseren Tagen, die mit einer völligen Entgrenzung und Enttabuisierung einhergeht, dass der Blick auf die ganze Tragweite der natürlichen Gesetze frei wird, ungehindert von Traditionen und Gewohnheiten. Erst seit relativ kurzer Zeit erkennen manche Menschen – bei weitem nicht alle –, dass Sklaverei, Misshandlung, Tötung und Unterdrückung auch dann falsch ist, wenn der Empfänger dieser Naturrechtsverletzungen ein Mensch anderen Geschlechts, anderer Hautfarbe, Herkunft, Überzeugung usw. ist. Noch weniger Menschen erkennen die Widernatürlichkeit jeder Autorität und Regierung. Auch das Verhältnis zu Tieren wandelte sich stark in Abhängigkeit von kulturellen Einflüssen. Ethischer Vegetarismus und Veganismus sind in Europa kaum älter als 150 Jahre und bleiben bis heute Randerscheinungen, wenn auch mit wachsendem Umfang, der sich u.a. in der Bewegung für die Verankerung von Tierrechten im Rechtspositivismus äußert.
Alle Lebewesen wissen, dass Freiheit eine absolut notwendige Vorbedingung ihrer Existenz ist. Dies wird nur von wenigen bestritten. Weshalb die Naturrechtsphilosophie überhaupt Fortschritte machen kann, wenn das ihr zugrunde liegende Prinzip so klar auf der Hand liegt, hat mit kulturell bedingten blinden Flecken zu tun, die wir Schritt um Schritt abbauen: dass Hautfarbe, Geschlecht, Besitz, Glaube, Meinung, Herkunft, Beruf und andere Unterscheidungsmerkmale das Recht auf Freiheit weder schmälern noch mehren. Niemand hat das Recht, ein anderes fühlendes Wesen in der Ausübung seines freien Willens zu beeinträchtigen. Und während wir noch darum ringen, die Menschheit von der Tyrannei der Regierungen zu befreien, müssen wir bereits unser Augenmerk auch auf jene richten, deren Rechte am häufigsten übersehen werden: den Tieren. Denn die Frage ist nicht, ob sie intelligent sind, sondern ob sie den Willen zur Freiheit haben und leiden, wenn dieser missachtet wird.
Literatur
- The Complete History Of Natural Law / Cory Endrulat. – 2021

Danke, für deine tollen Beiträge!
Freue mich sehr darüber.
Dass meine Arbeit Anklang findet, freut wiederum mich. Ich hoffe, Du hast praktische Verwendung dafür. Danke fürs Zuhören und Kommentieren!