Episode 106: Das Gleichnis vom Schwenker und seinem Inhalt

Aus der Überzeugung, ja dem Wissen heraus, dass der Mensch für eine ganz bestimmte Aufgabe geschaffen wurde, deren Ausführung ihn überhaupt erst als Menschen definiert, entstand eines Morgens, unter dem Eindruck einer Begegnung mit im Geiste Ivan Illichs zusammengekommenen Freunden, spontan diese Parabel vom Schwenker und seinem Inhalt.

Der Cognacschwenker ist allgemein gesprochen ein Glas, das mit anderen Gläsern gewisse Eigenschaften teilt. Gläser sind Gefäße für Flüssigkeiten und bestehen aus festem durchsichtigen Material, aber keine Glassorte ist wie die andere. Jede Glassorte hat ihren spezifischen Zweck, für den sie eine typische, zweckdienliche Form annehmen muss. Der Schwenker ist so geformt, dass er dem Geruch und Geschmack des Weinbrands zur Entfaltung verhilft. Zwar kann er durchaus auch andere Flüssigkeiten aufnehmen, aber weder können diese in ihm geschmacklich recht zur Geltung gelangen, noch kann das dem Cognac, der eigentlich hineingehört, in ihrer Gegenwart gelingen. Ein mit Bier gefüllter Schwenker hat keinen Platz mehr für den exklusiv ihm bestimmten edlen Tropfen. Er muss geleert und von Verunreinigungen restlos gereinigt werden, bevor er wieder in der Lage ist, seine eigentliche Aufgabe zu erfüllen.

Ähnlich ist das auch mit dem Menschen als einem Gefäß für geistige Inhalte. Er ist für ganz bestimmte solche Inhalte geformt, nämlich die Erkenntnis des gottgegebenen Unterschieds zwischen Richtig und Falsch, Gut und Böse. Das unterscheidet den Menschen von allen anderen Gefäßen. Wenn er dieser Bestimmung nicht gerecht wird, wenn er also nicht den geeigneten Inhalt in sich aufnimmt, sondern sich bis unter den Rand mit profanem Material vollstopfen lässt, missbraucht er sein Gefäß bzw. lässt es missbrauchen, bleibt also nur das Potenzial, das in ihm angelegt aber nicht aktiviert ist, und verhindert sogar den zweckmäßigen, bestimmungsgemäßen Gebrauch seiner selbst. Er bleibt eine bloße Hülle, ein homo sapiens. Das schmälert zwar nicht seine natürlichen Rechte, stellt aus meiner Sicht jedoch eine traurige Vernachlässigung seiner Entfaltungsmöglichkeiten dar. Solange das Gefäß des Sapiens nicht am geistigen Missbrauch zerbricht, bleibt das Potenzial bestehen. Unbehoben kann diese Conditio allerdings zur Verschwendung eines ganzen Lebens führen.

Literatur

  • H20 und die Wasser des Vergessens / Ivan Illich. – Rowohlt, 1987

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