Wie angekündigt habe ich mir den Brief des Apostels Paulus an die Römer vorgeknöpft, der gern zitiert wird, um zu beweisen, dass die christliche Lehre von Anfang an korrupt und dazu gedacht war, weltliche Autorität zu rechtfertigen. Das Gegenteil ist der Fall. Wir finden in Paulus einen astreinen Naturrechtler, der besser als viele andere Zeitgenossen die weitreichenden Implikationen des Evangeliums für rechtes Handeln verstanden hat. Aufgrund seiner tiefsinnigen Deutungen und der emsigen Missionstätigkeit dürfte Paulus maßgeblich für die schnelle Verbreitung der christlichen Lehre verantwortlich gewesen sein, und er wäre wohl entsetzt über die Unterdrückungsideologie, zu der sie seit dem 4. Jh. gemacht worden ist.
Auch wenn es auf den ersten Blick anders scheint, wir reden heute nicht über Religion sondern über okkulte Weisheit. Die exoterischen Riten und Glaubensbekenntnisse der kulturellen Religionen der Welt – Buddhismus, Judentum, Islam, Christentum usw. – fußen auf esoterischem Wissen. In anderen Worten: Sie haben einen wahren Kern, der nicht vermittelt und geglaubt werden braucht, sondern erkannt werden muss und kann. Es handelt sich um Wissen über die Natur des Menschen, seine Stellung in der Schöpfung, das gute Zusammenleben und die Gesetze, die die Schöpfung beherrschen.
Beim Lesen gibt es ein Problem: Wir sind mit dem im Altertum wohl geläufigen Metaphern und Redewendungen nicht mehr vertraut und wir übersetzen die Wörter zu etwas, das sie nicht meinten. So taucht das Wort „aber“ (ὁ δὲ) zahlreich auf, ohne dass eine Gegensätzlichkeit erkennbar wäre. Es handelt sich schlicht um eine Aufzählung, die mit „und“, „daraufhin“, „dann“ oder „des weiteren“ übersetzt werden könnte. Das biblische „aber“ ist in einer altertümlichen, heute unbekannten Weise verwendet; es bedeutet „wiederum“ und sollte in modernen Ausgaben entsprechend übersetzt werden.
Auf ähnliche Weise erschufen wir neue Begriffe wie „Erbsünde“ oder „ewiges Leben“, die jeder Wirklichkeit entbehren. Wörtlich gelesen sind weite Strecken der Bibel daher reiner Unsinn, wie beispielsweise im folgenden Zitat:
Wie es nun durch eine Übertretung für alle Menschen zur Verdammnis kam, so auch durch eine RechtsTat für alle Menschen zur Rechtfertigung des Lebens. – Röm 5,18
Ein Satz wie dieser entbehrt jeder Logik und Lebenserfahrung. Sinn ergibt er erst durch Übertragung, also die allegorische Auslegung. Wir werden später mit ihm befassen. Wenn das Universum, wie die Theologen stets bekräftigten, durch das Wort Gottes in Existenz gesprochen worden ist und auch die Bibel das Wort Gottes darstellt, dann muss es eine Entsprechung zwischen den von uns durch Beobachtung erkannten Naturgesetzen und den biblischen Beschreibungen derselben geben. Man muss also den Text nach kodierten (okkultierten) Erkenntnissen abklopfen und kann von den entsprechenden Textstellen auf weitere Erkenntnisse schließen, die der Verfasser hatte.
Ohne gewisse Vorkenntnisse der universellen Prinzipien ist das kaum zu leisten. Das NT ist an Wissende gerichtet. Wer nicht bereits im Geiste lebt, wie Paulus es ausdrückt, dh Augen hat zu sehen und Ohren zu hören, wie es durch die gesamte Bibel hindurch und in mehreren Weisheitstraditionen heißt, für den ist der biblische Text entweder kompletter Unsinn oder er muss unter ebenso kompletter Vernichtung logischen Denkens wortwörtlich geglaubt werden. Denn wir finden in ihm keine Informationen, die materielle Tatsachen dokumentieren, sondern Metaphern, die Gesetzmäßigkeiten symbolisch veranschaulichen. Nur wer diese uralten Metaphern und Symbole zu deuten imstande ist, die den Menschen im antiken Mittelmeerraum geläufig waren, hat Zugang zum esoterischen Inhalt, dh der eigentlichen Lehre, die in ihm okkultiert (versteckt) ist. Nur um Weniges besser geht es uns mit modernem Vokabular. Auch hier müssen wir im Geiste Wörter in Bilder übertragen, um den Sinn des Gesagten zu erfassen. So sollte man im Folgenden bei jeder Nennung des Wortes Gott geistig die Worte ALL, universelles Gesetz und Gerechtigkeit bzw. Wirklichkeit substituieren, ohne den Bezug zum höheren Willen des Schöpfers zu verlieren. Gleichermaßen sollte Jesus Christus mit dem Licht der Wahrheit, dem rechten Weg und dem Leben identifiziert werden, und Glaube sollte als Treue zur Wahrheit gesehen werden, nicht als Akzeptanz von Dogmen.
Speziell im NT finden wir extrem umfassendes Wissen über das Naturrecht, nicht nur aus dem Mund der Jesus-Figur sondern auch aus der Feder des Paulus. Letzterem wird oft vorgeworfen, er habe Sklaverei, Sexismus und Etatismus gerechtfertigt. Liest man allerdings seine Briefe zur Gänze, findet man ein derart tiefes Verständnis der Jesus-Botschaft, dass die beanstandeten Stellen undenkbar von ihm so gemeint sein können, wie sie oberflächlich klingen. Sie sind also entweder falsch übersetzt, falsch ausgelegt oder nicht aus Paulus’ Feder. Dem will ich heute anhand des Römerbriefs nachgehen.
Im Römerbrief, 1. Kapitel, benennt Paulus das Evangelium als göttliche Kraftquelle und Offenbarung der göttlichen Gerechtigkeit und sagt: Der Gerechte wird aus dem Glauben (pisteos) =Gelübde zur treuen Beziehung (zu Jesus = Wahrheit) leben. Leute, die diese Offenbarung nicht anerkennen, haben keine Entschuldigung für ihre Ungerechtigkeit und Lügen. Ihre Beweggründe nennt er Nichtigkeiten, die sie verfolgten, weil sie ein finsteres Herz (= Mangel an Mitgefühl) haben. Er vergleicht sie mit Tieren und sagt, dass sie den Tod verdienen, den ihr fleischliches Sein mit sich bringt, will sagen, sie ziehen das Unheil durch ihre innere Haltung und die daraus resultierenden Taten auf sich selbst. Paulus ist aber durchaus nicht hartherzig, wie wir später sehen werden.
In Röm 2 sagt Paulus, man solle nicht richten, sondern dieses Gottes Gerechtigkeit überlassen, entsprechend der Werke (=Karma). Dass diese Gerechtigkeit ihre Zeit nehme, sei eine Gnade, denn das ermögliche es uns, umzukehren, um uns am Absoluten auszurichten. Die Gerechten erhalten Frieden und das ewige Leben (zoin aiónion = den Wechsel überdauernde fortgesetzte Existenz), die Ungerechten Bedrängnis und Angst – eine ganz alltägliche Erfahrung, dass Furcht und böse Taten Hand in Hand gehen (e23). Weltlicher Erfolg oder klerikaler Status sind jedoch nicht der Maßstab, nach dem Gerechtigkeit ausgeteilt wird, sondern dies geschehe entsprechend der Taten (Röm 2,13), nicht aufgrund von Schein, sondern aufgrund des Seins. Aufrichtigkeit ist gefragt.
In Röm 3 hält Paulus fest, dass Gott (das So-Seiende) immer gerecht ist, also das Universelle Gesetz Gerechtigkeit wirkt, und zwar stets, nicht aber die Gesetzeswerke der Menschen. Alle haben gesündigt, sind also schuldig geworden; Erlösung (apolytróseos = vollst.Tilgung) erwächst aus dem Glauben an Jesus, dh in moderner Auslegung: Wir tilgen diese Schuld durch unser Gelübde zur treuen Beziehung zur Wahrheit. Dies erinnert an Joh 14,6: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich.“
In Röm 4 sagt Paulus, jeder wird nach seinen Taten Karma erfahren, und wer andere für sich handeln lässt, wird für seine Unterstützung beurteilt. Zuvorderst stünde für Gott außerdem das Bekenntnis; das äußere Bezeugen dieses Bekenntnisses, also das Ritual (der Beschneidung) besiegle legiglich das Bekenntnis und genüge für sich allein nicht. Er sagt auch, das Gesetz mache den Verbrecher, und das Gelübde mache den Heiligen. Der Gesetzesbrecher werde bestraft, der Gelübdebrecher begnadigt.
In Röm 5 wird Adam als Todesbringer beschrieben, denn seine Tat war a) Hybris (zu tun, was nur Gott zusteht) und b) Ungehorsam gegenüber Gottes Gesetz. Jesus wird als Lebensbringer beschrieben, d.h. wir schwören im Glauben an die Wahrheit Hybris und Ungehorsam als Todesbringern ab. Dies ist die Dynamik von positivem und negativem Weltbild (e23). Es lässt sich gleich am ersten Vers ablesen: „Da wir nun gerechtfertigt worden sind aus Glauben, so haben wir Frieden mit Gott durch unseren Herrn Jesus Christus“ – übersetzt: Da wir aufgrund unseres rechten Denkens nun richtig handeln, leben wir in Frieden mit der Schöpfung, und das haben wir dem Streben nach Wahrheit zu verdanken.
Beim Studium des Originaltextes entdeckte ich den interessanten Umstand, dass die Aussage, Jesus sei für unsere Sünden gestorben, durchaus auch heißen könnte, er sei wegen dieser gestorben, was ebenso viel Sinn hat. Wie Sokrates hat er sich geopfert, um durch die Hingabe seines Leibes die Bedeutung der Wahrheit zu bezeugen; denn was wäre seine Botschaft wert, wenn niemand für sie einsteht? Aber der Grund des Martyriums lag im Versuch der Sünder, ihre Lügen gewaltsam zu bewahren.
In Röm 6 stirbt der Mensch der Sünde ab und aufersteht zum neuen Leben in der Wahrheit. Es ist ein „ewiges Leben“, weil der Erweckte nie wieder in Hybris und Ungehorsam zurückfällt. Sein negatives Karma ist vergolten. Der Tod beherrscht ihn nicht mehr, wie er den Sünder beherrscht, der sündigt, weil er den Tod fürchtet. Ewiges Leben muss hier als Freiheit von Angst vor dem Tod verstanden werden. Der Mensch wird nicht mehr seinen egoischen Gelüsten folgen und auch nicht den sündigen Befehlen anderer, sondern er macht sich zum Werkzeug der Gerechtigkeit. Nur diese beiden Möglichkeiten gibt es für den Menschen: frei vom Recht und damit Sklave der Sünde, oder frei von der Sünde und damit Sklave des Rechts zu sein.
In Röm 7 sagt Paulus, dass der Mensch Gottes Gesetz nicht entgehen kann, denn es wirkt universell. Weil wir nicht wussten, was wir taten, dienten wir dem Tod. Durch Jesu Botschaft vom Licht der Wahrheit sind wir vom alten Gesetz des starren Wortes befreit (= alter Bund, Dekalog, normative Regeln), um nun im neuen Gesetz des Geistes (= neuer Bund, Goldene Regel, persönliche Erkenntnis der wahren Moralität) leben zu können. Wir brauchten das alte, menschengemachte Gesetz, weil wir moralisch orientierungslos waren. Es zu haben war besser, als es nicht zu haben, aber es war eben nur das kleinere Übel – und damit ganz klar ein Übel, denn unter seiner Fremdsteuerung begingen wir Sünden auf menschliches Geheiß. Der Fehler, eine Sünde zu begehen, kann hingegen unter dem neuen Gesetz Lehrmeister fürs Leben sein. Das kann natürlich nur gelten, wenn man aufrichtig im Geist lebt. Alle anderen werden weiter Unfug treiben und dies zu vertuschen oder zu rechtfertigen versuchen.
In Röm 8 geht Paulus weiter auf die Verschiedenheit der beiden Gesetzessysteme ein. Das Fleisch strebe nach der Sünde und damit nach dem Tod, der Geist aber nach Frieden und Leben, ein Motiv, das schon in Mt zu finden ist („Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach.“ [Matthäus 26,41]). Gottgefällig, also in Harmonie mit den Naturgesetzen, kann nur sein, wer im Geist wandelt, dh wem Wahrheit und Gerechtigkeit wichtig sind. Etwas verwirrend kann die offensichtlich unrichtige Behauptung wirken, der sterbliche Leib werde dann lebendig gemacht. Dies ist lediglich die Wiederholung (aus Röm 2, ewiges Leben = den Wechsel überdauernde fortgesetzte Existenz), erläutert in Röm 8,13: „wenn ihr aber durch den Geist die Handlungen des Leibes tötet, so werdet ihr leben.“ – Wahres Leben kann es nur geben, wenn man aus dem Geist lebt, was es einem ermöglicht, der Versuchung zu widerstehen und unrechtes Handeln zu unterlassen. Wir werden auf diese Weise zu Kindern und „Erben“ (klironómoi = Gaben) Gottes (= EINE Wirklichkeit, Gerechtigkeit) an der Seite Christi (=Wahrheit), dh wir bekommen göttliche Begabungen (Einssein, Freiheit, Moralität) und sind Christus gleich (Gott allein ist es jedoch, der Recht fertigt, Röm 8,33). Somit besteht laut Paulus die Nachfolge Christi in der Nachahmung seines Denkens und Handelns, nicht in der Verehrung als unerreichbares göttliches Wesen. In der Nachfolge werden wir göttlich, ohne Götter zu sein. Auf unsere Bewusstwerdung wartet die gesamte Schöpfung, denn sie strebt demselben Ziel zu und braucht unsere Hilfe.
Auch in Röm 9 strickt Paulus das Thema des Wechsels der Gefolgschaft vom geschriebenen auf das geistige Gesetze weiter. Als Israeliten, also auserwähltes Volk, bezeichnet er jene, die neben Christus zu Söhnen Gottes geworden sind. Abstammung und Herkunft spielten für Gott keine Rolle mehr.
Der Abschnitt ab Röm 9,9 scheint dem direkt zu widersprechen, wenn mit Bezug auf den psychopathischen „Gott“ des AT geschrieben steht, dass das Heil (Gerechtigkeit) nicht von Wollen oder Werken abhänge, sondern allein von Gottes Willkür. Tatsächlich spricht er jene Juden an, die sich nicht zum Christus bekennen wollen. Guter Wille und religiöse Rituale genügen von nun an nicht mehr. Wenn die gebürtigen Juden die Bedingungen des neuen Bundes nicht akzeptieren wollen, verbleiben sie unter dem alten Gesetz der Willkür, wie es die Logik verlangt. Ob man einem oppressiven oder liebenden Regime unterworfen ist, hängt von der persönlichen Wahl des Bekenntnisses ab. Wer sich an Jesus stößt, verfällt dem ersteren; wer sich trotz des Gezeters um seine Person zu ihm (der Wahrheit) bekennt, erfährt das Heil.
Röm 10 anerkennt den guten Willen der Anhänger des geschriebenen Gesetzes, klärt aber gleichzeitig, dass es ihnen an Wissen mangele. Weil sie die universelle göttliche Gerechtigkeit nicht erkannten, folgten sie ihrem eigenen willkürlichen Recht. Nur Christus (die Wahrheit) führe zur Gerechtigkeit und nur das Herz (die Liebe) eröffne den Weg zu ihr. Dieser Weg stehe unterschiedslos allen offen. Da die frohe Botschaft überall verkündet worden sei, beruhe der Wissensmangel auf verschlossenen Ohren, also Ignoranz.
Röm 11 bezeichnet die Christen als dank charitos Erwählte. Charitos wird mit Gnade übersetzt, also Gottes Hilfe, Wohlwollen, Gunst oder Sündenvergebung, oder andernfalls mit Anmut, also natürlicher Schönheit. Beides sind brauchbare Bilder, um den Adepten einer Weisheitslehre zu beschreiben. Den anderen werde ihre Schlafsucht zum Schicksal werden, und ihr Schicksal allen übrigen zum abschreckenden Beispiel. Die Geretteten sind jedoch nichts Besonderes, denn letztlich werden alle Erbarmen finden.
Röm 12 eröffnet, dass Gottes Wille zum Wahren, Schönen und Guten führt, wenn wir ihn zu erkennen versuchen. Zwar seien wir alle verschieden begabt, aber doch Teil des selben Körpers (Christi), und gehalten, jeder nach seinen Fähigkeiten zum gemeinsamen Ziel beizutragen. Als Tugenden werden Aufrichtigkeit, Liebe, Fleiß und Beharrlichkeit genannt. Von List und Rachsucht sei abzusehen und Feinden stets eine Tür zur Umkehr offenzuhalten, denn das Böse wird nicht durch das Böse überwunden, sondern durch das Gute.
Nun zum berühmt-berüchtigten 13. Kapitel. In scheinbar unmissverständlicher Klarheit fordert Paulus auf, der Obrigkeit hörig zu sein. „Jede Seele unterwerfe sich den übergeordneten 〈staatlichen〉 Mächten! Denn es ist keine 〈staatliche〉 Macht außer von Gott, und die bestehenden sind von Gott verordnet“, tönt es gleich in Röm 13,1 nach Elberfelder Übersetzung. Doch bei allem, was Paulus bis dahin über das Gesetz gesagt hat, ist es völlig unmöglich, dass er nun eine 180°-Kehre hinlegt und verlangt, dass dem Gesetz des Fleisches, wie er das eingangs nannte, gehorcht würde. Wenn dies keine spätere Verfälschung ist, finden wir dann eine Interpretation, die im Einklang mit Paulus’ offensichtlich tiefem Verständnis der naturrechtlichen Christusbotschaft steht? Ja, das ist möglich. Eingedenk Jesu geschickter doppeldeutiger Aussage, dem Kaiser zu geben, was des Kaisers ist (Mt 22,21), auf die Paulus in Röm 13,7 anspielt, ist nur solchen Gewalten – er verwendet hier das Wort exousìa – Gehorsam zu leisten, die gerecht sind, wobei er nur solche Gewalten als gerecht bezeichnet, die von Gott eingesetzt wurden und ihm gehorchen. Andernfalls steht ihnen genau wie dem Kaiser nichts zu. Und da sie alle aus reiner Willkür regieren, schuldet niemand ihnen irgendetwas. Exousía (ἐξουσία = Kraft, Macht, Autorität) kann außerdem nicht nur, wie die meisten Bibelvarianten es tun, mit staatlicher Gewalt oder Obrigkeiten übersetzt werden, sondern auch mit den neutralen Wörtern Kräfte oder Gewalten, welche genauso gut natürlichen Ursprungs sein können. Die korrekte Übersetzung müsste lauten: „Jede Seele sollte sich den höheren Gewalten fügen, denn es gibt keine Gewalten außer von Gott, und diese sind von Gott eingerichtet.“ Der Etatist hört hier, dass er der Obrigkeit Gehorsam schulde, der Adept aber wird – da die Autoritäten weder natürliche Kräfte noch die Autoren der Naturgesetze sind – das genaue Gegenteil verstehen.
[Anmerkung: In Röm 13,3 benutzt Paulus statt exousía (Gewalten) einmalig das Wort archontes (Herrscher, in anderen Zusammenhängen auch: kosmische Mächte), wenn er sagt: „Denn die Obrigkeit ist für dich kein Grund zur Furcht, wenn du Gutes tust, sondern zur Anerkennung. Wenn du aber Böses tust, dann fürchte dich, denn sie trägt nicht umsonst das Schwert; sie ist Gottes Dienerin, eine Rächerin zur Strafe des Übeltäters.“ Er spricht bewusst die konkreten, irdischen Träger der Macht an, als von Gott Abhängige ohne eigene Legitimität. Damit wird ihre Autorität relativiert. Deren rechtmäßige Ausübung hängt davon ab, ob sie dem göttlichen Willen (Liebe, Gerechtigkeit, Naturrecht) entspricht. Herrscher tragen das Schwert – aber nicht umsonst. Wenn sie es missbrauchen, verlieren sie ihre Legitimität.]
Paulus drückt sich in Röm 13, genau wie Jesus in Mt 22, bewusst ambivalent aus, um der Gemeinde die volle Wahrheit zu sagen, ohne in die direkte Konfrontation mit den Autoritäten zu gehen. Das beweist er abschließend, indem er schreibt, dass es genüge, den Nächsten zu lieben, um keinem etwas schuldig zu bleiben. „Die Erfüllung des Gesetzes ist also die Liebe“ (Röm 13,8-9), sagt er ausdrücklich, völlig in Einklang mit der Botschaft des Evangeliums und mit dem Naturrecht. In diesem Satz finden wir auch die Auflösung des Missverständnisses von Aleister Crowleys zentralem Satz: „Do what thou wilt shall be the whole of the law“, der dekontexutalisiert wird von einem weiteren Satz: „Love is the law, love under will.“
Röm 14 fordert, jeder müsse nach seiner eigenen Fasson leben dürfen und sei dafür nur Gott Rechenschaft schuldig. Nichts sei an sich unrein, daher sei alles Urteil subjektiv und menschliches Gericht unrecht. Das Reich Gottes sei nicht in koscherem Essen zu finden, sondern in Gerechtigkeit und Friede und Freude im Heiligen Geist, also in holistischer Intelligenz und objektiver Moralität (Himmelreich = Harmonie, Einssein, Freiheit von inneren Konflikten). Diese Freiheit solle jedoch nicht genutzt werden, um den Nächsten zu provozieren oder schlechtes Verhalten gutzuheißen. Man solle darüber hinaus nur aus Glaube (iSv Überzeugung von der Richtigkeit) handeln; alles andere sei falsch.
Die Unfähigkeit anderer, das Gesetz zu erfüllen, sollte uns laut Röm 15 nicht überheblich werden lassen. Es ist vielmehr unsere Pflicht, ihnen hierbei hilfreich und freundschaftlich zur Seite zu stehen, um die Herrlichkeit Gottes – ALLes Seienden – zu loben.
In Röm 16 ermahnt Paulus die Gemeinde, solchen Menschen kein Gehör zu schenken, die dem Geist der Lehre widersprechen, denn sie dienten statt der Wahrheit dem Ego. In seinen abschließenden Worten bezieht Paulus sich auf die „Predigt von Jesus Christus, nach der Offenbarung des Geheimnisses, das ewige Zeiten hindurch verschwiegen war, jetzt aber offenbart und durch prophetische Schriften nach Befehl des ewigen Gottes zum Glaubensgehorsam an alle Nationen bekannt gemacht worden ist.“ So identifiziert er das Evangelium (=frohe Botschaft) als die Veröffentlichung der ewig wahren Lehre der Weisheit, die in den hermetischen Traditionen über die Jahrtausende gehütet aber auch okkultiert worden ist.
Fazit: Der Römerbrief des Paulus aus dem NT der Bibel ist ein 2000 Jahre altes freiheitliches Manifest, in dem die generellen Regeln für gutes Verhalten begründet werden. Wer den Text buchstäblich liest, begegnet einem geisteskranken Götzen, der schaltet und waltet, wie er will und der die Willkürherrschaft der Monarchen und Regierungen schützt, gleichzeitig aber Liebe predigt. Erst durch die allegorische Auslegung, und manchmal eine Neuübersetzung, gelingt es, die groben inneren Widersprüche zu glätten. Dann aber entfaltet sich ein Meisterwerk der Weisheit, das nicht geglaubt sondern verstanden und gelebt werden sollte. Indem er den Bogen zwischen verschiedenen Teilen der Bibel spannt, beweist Paulus, der Jesus nie zu Lebzeiten kennengelernt hat, dass er die christliche Botschaft wohl besser als manche der Evangelisten verstand, die Episoden aus dem Leben ihres Meisters zusammenhanglos hintereinander reihten, teilweise vielleicht ohne ihren tieferen Sinn zu begreifen. Interessanterweise finden wir dieselbe Tiefe nur im zuletzt geschriebenen der vier Evangelien, dem des Johannes (gegen Ende des 1.Jh.), der wohl ein Zeitgenosse des Paulus war.
Literatur
- Römerbrief (Novum Testamentum Graece, NA28)
- Bibelserver (vergleichende Bibellesung)
- Die verlorene Magie Jesu – Die verbotene Lehre Jesu / Hörbuchwelt
