Zwar sprach ich die objektiven Grundlagen der natürlichen Moralität von Beginn der Sendereihe immer wieder an und stellte sie ihrem Gegenteil gegenüber; ich habe aber dieses Gegenteil, den moralischen Relativismus, nie umfassend und im Besonderen erläutert. Dem möchte ich heute abhelfen, so dass man eine gesonderte Episode als Referenz für die spätere Verwendung bekommt.
Moralischer Relativismus ist eine Ideologie, die behauptet, dass Richtig und Falsch subjektive Festlegungen seien, die von Menschen getroffen werden, abhängig von äußeren Umständen bestimmter Zeiten und Orte, z.B. aufgrund Traditionen, Gewohnheiten, herrschaftlichen Vorlieben, individuellem oder gesellschaftlichem Nutzen, praktischen Erwägungen, zeitgeistlichem Konsens usw. Sie haben daher keine natürliche Wirksamkeit, sondern nur zeitlich und räumlich begrenzte Gültigkeit, können verändert und außer Kraft gesetzt werden. Gleichwohl gelten diese von Menschen verordneten Regeln als verbindlich und ihre Einhaltung wird erwartet. Zuwiderhandlungen haben keine natürlichen Konsequenzen, sondern werden von Menschen bestraft, sofern sie überhaupt entdeckt wurden.
Das bedeutet:
- Rechte können eingeführt, verändert und wieder abgeschafft werden.
- Unterschiedliche Auffassungen über Recht und Rechtsgüter führen zu schweren Konflikten, die schließlich durch neue moralisch relative Regelungen vermieden werden sollen.
- D.h. wenn sich das Verständnis von Recht oder die Einstellung zum Rechtsgut ändert, ändert sich auch das Recht.
- Wenn die Verfasser positiven Rechts es wollen, können sie jederzeit Rechte stornieren, die sie dir zugestanden haben. Dann ist Eigentum plötzlich nicht mehr Eigentum, sondern verpflichtet zu Abgaben; Freiheit nicht mehr Freiheit, sondern Privileg. Ein Recht kann zum Unrecht werden und umgekehrt. Strafen können in beliebiger Härte verhängt werden. Etwas zu Unrecht Erklärtes kann straffrei gestellt werden. Etwas, das gestattet ist, kann auf anderem Wege sanktioniert werden.
- Rechte können ungleich verteilt sein:
- Was für den einen Menschen richtig ist, ist für den anderen falsch.
- Was im einen Land gilt, wird im anderen Land verschieden geregelt.
- Was gestern korrekt war, ist heute falsch.
- Die gedachte Ungleichverteilung von Rechten führt zu legalisierter Sklaverei verschiedener Ausprägung.
- Rechte brauchen eine andere Begründung
- Gottesgnadentum, „Deus vult.“
- Tradition „Das war schon immer so.“
- Das Ritual macht es zum Recht.
- Utilitarismus: weil es mir / uns nützt → Schaden zuzufügen (= Unrecht) wird zu „Recht“ gemacht.
Moralischer Relativismus ist die Voraussetzung für positives (menschengemachtes) Recht, welches die Präsenz eines irdischen Gesetzgebers bedingt.
Moralischer Relativismus ist eine Ideologie, die behauptet, dass Richtig und Falsch subjektive Festlegungen seien, die von Menschen getroffen werden. In einem Buch über die Entwicklung der Menschenrechte im rechtspositivistischen Rahmen schreibt die Historikerin Lynn Hunt:
Rechte können nicht ein für alle Mal definiert werden, weil sich ihre emotionale Grundlage ständig ändert, zum Teil als Reaktion auf Deklarationen von Rechten. Rechte bleiben in Frage gestellt, weil sich unsere Vorstellung davon, wer Rechte hat und was diese Rechte sind, ständig ändert…(29) – Lynn Hunt, Inventing Human Rights
Richtiger zu sagen wäre: Rechte können nicht erschöpfend positiv definiert werden, weil ihre Zahl unendlich ist. Definiert man sie über das, was generell kein Recht sein kann, wird ihr Umfang eindeutig. Hunt scheint das Menschenrecht, die natürlichen Rechte des Menschen, im eigentlichen Sinn für eine Erfindung (analog einer Fiktion oder eines Artefakts) zu halten. Rechte haben jedoch nichts mit Emotionen zu tun. Das wäre relative Moralität. Rechte sind objektiv Teil der Wirklichkeit, wie wir im weiteren Vortrag sehen werden, und sie werden entdeckt, nicht imaginiert. Vielleicht bedarf es aber bestimmter Katalysatoren, die das Gewahrwerden solcher natürlichen Rechte als offensichtliche universelle Tatsache erlauben.
Im achtzehnten Jahrhundert (und in der Tat bis in die Gegenwart) wurden nicht alle „Menschen“ als gleichermaßen fähig zu moralischer Autonomie angesehen. Es ging um zwei verwandte, aber unterschiedliche Qualitäten: die Fähigkeit zur Vernunft und die Unabhängigkeit, für sich selbst zu entscheiden. Beide mussten vorhanden sein, wenn ein Individuum moralisch autonom sein sollte…(28) – Lynn Hunt, Inventing Human Rights
Hunt stellt „Menschen“ mit gutem Grund in Anführungszeichen, denn hier spicht sie über die Unterscheidung zwischen Mensch und Sapiens. Der Sapiens hat die Fähigkeit zur Vernunft, aber ihm fehlt die geistige Unabhängigkeit, für sich selbst zu entscheiden. Er ist geistig-moralisch abhängig von Autorität. Dies ist jedoch, wie Kant treffend feststellte, eine selbstverschuldete Unmündigkeit. Ganzen Gruppen von Leuten die Fähigkeit zur Vernunft abzusprechen steht im Kern der wandelnden Geltung der Rechte, wie Hunt dann auch weiter ausführt:
Die Menschenrechte hängen sowohl von der Selbstbeherrschung als auch von der Anerkennung ab, dass alle anderen Menschen ebenfalls selbstbeherrscht sind. Es ist die unvollständige Entwicklung des Letzteren, die zu all den Ungleichheiten der Rechte führt, die uns im Laufe der Geschichte beschäftigt haben… (29) – Lynn Hunt, Inventing Human Rights
Hier sehen wir, wozu relative Moral führt: Zur Aberkennung der Menschenrechte und damit zur Freigabe von Misshandlung jeglicher Art – von Eigentumsverletzungen über Freiheitsberaubung und Sklaverei bis hin zu Massenmord. Jedes fühlende Wesen hat aber unabhängig seiner sonstigen Eigenschaften ein Recht darauf, in Ruhe gelassen zu werden. Dieses Recht wird nur durch die Rechte anderer fühlender Wesen eingeschränkt, die Notwehr anwenden können, wenn sie angegriffen werden. Rechte sind in ihrer Existenz NICHT von der Anerkennung anderer abhängig, sondern werden lediglich verletzt, wenn sie nicht anerkannt werden.
Auch wenn sie behaupteten, dass diese Rechte bereits existierten und sie sie lediglich verteidigten, schufen die Abgeordneten [der frz. Nationalversammlung] etwas radikal Neues: Regierungen, die sich auf die Garantie universeller Rechte beriefen. (116) – Lynn Hunt, Inventing Human Rights
Wenn Rechte universell existieren, wie die Philosophen und Politiker der Aufklärung völlig korrekt behaupteten, dann wirken sie auch universell und bedürfen nicht der Garantie durch Regierungsgewalt. Es hätte auffallen müssen, dass Gewalt und Recht einander diametral entgegenstehen. Gewalt ist die Verletzung bzw. Verleugnung eines Rechts, und das führt nach dem Gesetz der Kausalität zu negativen Wirkungen. Der menschliche Regulator schwingt sich durch eigenes Dekret zur „Autorität“ und zum „Herrscher“ über andere auf, dh er nimmt lebende Wesen in Besitz; doch in Wirklichkeit sind alle Lebewesen stets nur sich selbst zu eigen, sind daher frei und können nicht besessen werden. Die Regierungen haben sich, um ihre Existenz zu rechtfertigen, als Parasiten auf die Rechte gesetzt und behaupten, sie zu garantieren und zu schützen, während sie ihr erfundenes Regelwerk mit genau jener Gewalt durchsetzen, gegen die sie zu schützen vorgeben. Tatsächlich besteht jede Regierungstätigkeit in der willkürlichen Festlegung, wer ein Mensch, also schützenswert, ist und welche Rechte er hat. Willkürlich festgelegtes – sog. positives – Recht basiert auf relativer Moral, und diese bedeutet, wie oben ausgeführt, Sklaverei. Die Arbeit jeder Regierung besteht in der massenhaften gewaltsamen Verletzung von Menschenrechten.
Nur weil eine Handlungsweise mit Gewalt durchsetzbar, weit verbreitet oder schon seit langem üblich ist, macht sie das nicht zu einem Recht. Nur weil eine Regel nützlich, profitabel, von Mehrheiten unterstützt, von gesellschaftlichen Funktionsträgern in Roben gutgeheißen, mit rituellen Handlungen auf speziellem Papier festgehalten, gestempelt, autographiert und in Amtsblättern kundgetan wird, ist sie nicht notwendigerweise gut. Recht, das keine Gerechtigkeit schaffte, wäre ein Unrecht. Recht kann aber immer nur Recht sein, niemals Unrecht. Dass ungerechte Vorschriften schon vor Jahrtausenden zur Alltagserfahrung geworden sind, bedeutet nicht, dass es so sein müsse, richtig wäre oder es keine objektive Moralität gäbe.
Warum lassen Menschen sich das also gefallen? – Weil sie selbst moralische Relativisten sind; ob aus Furcht vor Strafen, aus Überzeugung oder aus Gleichgültigkeit spielt dabei keine Rolle. Wüssten sie es besser, wäre dem relativistischen Unrecht durch Notwehr und Verweigerung hingegen schnell ein Ende gesetzt.
Moralischer Relativismus entsteht aus Ignoranz. Einige der offensichtlichsten und fundamentalsten Tatsachen des Universums werden nicht erkannt oder anerkannt:
- Eigentum am Selbst
- Empathie / Gewissen
- objektive Existenz von…
- Handlungen
- Schaden und Nicht-Schaden → Falsch und Richtig
- Ursache und Wirkung → Das Universum funktioniert nach Regeln
- Ohne universelle objektive Grundlage haben auch menschliche Regeln keine Basis. Es ist nicht einzusehen, weshalb Menschen unterschiedliche Macht haben sollen oder bestimmte Taten verboten sein müssten. Was hindert mich daran, Dir einfach den Kragen rumzudrehen oder Dir Deinen Besitz zu nehmen, wenn grad keiner hinschaut, der es verhindern oder strafen könnte? Ich bin sicher, das würde Dir, wie allen anderen Menschen, nicht gefallen; viele haben auch Angst vor Chaos. Was wäre schlecht an „Chaos“, wenn es kein objektives Gut oder Schlecht geben kann? Man könnte es per Dekret zum Guten erklären.
Moralische Relativisten stehen ihrer Ignoranz wegen auf Kriegsfuß mit der Wirklichkeit. Daher verletzen sie nicht lediglich andauernd die Rechte anderer, indem sie Schaden initiieren, sondern sie erfinden tausend Vorwände, um das Unrecht zu recht-fertigen.
Moralischer Relativismus führt zu
- Etatismus in allen seinen Ausprägungen, denn ohne natürlichen Gesetzgeber braucht man einen künstlichen;
- Materialismus, denn man verleugnet die geistige Ebene;
- Solipsismus, denn man verleugnet die objektive Existenz des Universums;
- Szientismus, denn man erliegt der Illusion der fünf Sinne;
- Atheismus, denn man verleugnet die universelle Ordnung und damit deren Schöpfer;
- Postmodernismus, moderner Skeptizismus, philosophischer Relativismus, Marxismus &Co.;
- Satanismus, denn der Mensch beansprucht den Schöpferthron, indem er „Autorität“, „Ordnung“ und „Recht“ zu fabrizieren versucht.
Relative Moral entfaltet keine eigene Wirkung. Der Verstoß gegen sie muss von Menschen mit Sanktionen belegt werden. Wird der Verstoß nicht bemerkt oder mangelt es an Schergen, welche die Sanktionen umsetzen, ist sie impotent – ganz im Gegensatz zum Naturrecht, wo sowohl der Täter als auch sein Umfeld geistig-emotional durch die Tat beeinträchtigt werden und das gesellschaftlich ausagieren. Gute Taten verbessern das gesellschaftliche Klima, also Freiheit, Gerechtigkeit, Frieden und Wohlstand, schlechte wirken dem entgegen.
Moralische Relativisten sehen es als eine Anmaßung, wenn ich behaupte, etwas sei objektiv richtig. Manche integere Menschen üben sich in falscher Bescheidenheit, wenn es darum geht, Situationen den Prinzipien entsprechend zu beurteilen.
Da relative Moral offensichtlich viele Gerechtigkeitsprobleme mit sich bringt und nachweislich zu negativen Konsequenzen führt, sollte jeder, der richtig handeln möchte, nach Wegen suchen, wie er dies erreichen kann. Wenn es das Ziel von Regulierung jeglicher Art ist, Gerechtigkeit zu schaffen, dann darf im Ergebnis keine Ungerechtigkeit entstehen. Die einzige widerspruchfreie Quelle des Rechts kann daher niemals in subjektiven Einschätzungen, sondern muss in der objektiven Wirklichkeit zu finden sein.
Wenn es ein Gesetz von Ursache und Wirkung gibt, kann dies nur aufgrund objektiver Gegebenheiten in der Wirk-lichkeit funktionieren. Wenn A dann B – überall und jederzeit, also universell, ungeschmälert und unausweichlich. Es kann dann nur derjenige Mensch in seinem Bestreben Erfolg haben, der die Wirk-lichkeit erkennen und beurteilen kann und entsprechend handelt. Dass die Gattung Mensch schon seit ungezählten Generationen existiert, beweist, dass wir dazu in der Lage sind und es auch tun.
Selbstverständlich kann ich niemand Richtig und Falsch vorschreiben, denn ich bin nicht der Schöpfer des Rechts. Aber ich kann und muss es jederzeit selbst erkennen und selbst danach handeln. Ich muss mich also festlegen, und ich tue dies ganz selbstverständlich in jedem Moment, und wenn ich daran zweifle, ob ich ein gewisses Recht besitze, halte ich mich zurück. Mein rechtes Handeln kann ich selbstverständlich durch rechtes Sprechen begleiten. Meine Zuhörer müssen sich aber bewusst machen, dass Richtig und Falsch – die Prinzipien der objektiven Moralität – nicht in meinen kulturell gefärbten Worten zu finden sind, sondern in dem Ort, auf den ich verweise: der objektiven Wirklichkeit.
