Episode 110: Ethik- und Moralbegriffe

Ich wurde unlängst von einer Zuhörerin gefragt, wie ich denn Ethik und Moral auseinanderhalte, denn was ich über Moral sagte, passte nicht zu den Definitionen, die sie selbst benutzte. Hier die Antwort, zusammen mit einem Einblick in die Begriffsverwirrung, die sich auf diesem Feld breitgemacht hat.

Sowohl bei Ethik als auch bei Moral geht es um die Frage, was richtig und was falsch sei. Was aber unterscheidet Ethik von Moral? Oder sind diese Wörter Synonyme für ein und denselben Begriff? – Wir sehen im Folgenden verschiedene Modelle, die für die Unterscheidung von Richtig und Falsch verwendet werden und worin diese Modelle begründet sind. Dass Ethik und Moral ihre jeweilige Identität verloren haben und quasi mit Werten, Sitten oder Gesetzestreue gleichgesetzt werden, ist kein Zufall, sondern nützt einer Gesellschaft, in der erwartet wird, man müsse den Vorgaben ihrer Anführer folgen.

Die Autorität behauptet von sich, das gesellschaftlich Gute erwirken zu wollen und dafür den bedingungslosen Gehorsam ihrer Untertanen zu brauchen. Das Problem hiermit ist jedoch der mangelnde Nachweis, dass das Gute damit überhaupt erreicht werden kann. Wie soll man mit einer normierten, uniformen Zwangsmaßnahme allen davon Betroffenen gerecht werden? Selbst wenn ein Beweis geliefert würde, müsste der Befehlsempfänger ihn prüfen und ggf. den Befehl verweigern. Dann aber verliert ein Befehl seine Eigenschaft als bedingungslos zu befolgende Regel – wodurch das Erteilen von Befehlen von vorn herein sinnlos wird.

Das Nachdenken darüber, was das Gute ausmacht, und worin sein Gegenteil besteht, ist eine den Menschen definierende Fähigkeit und Tätigkeit, und die notwendige Voraussetzung für jegliches Handeln eines Individuums. Nichts hieran lässt sich an Mehrheitsentscheidungen, Autoritäten oder Ethikkommissionen abgeben, und keine Maßnahme lässt sich generell über eine Gruppe fühlender Wesen verhängen, ohne dass dabei Täter wie Opfer ihrer Würde entkleidet werden. Güte und Gerechtigkeit entstehen zwischen zwei Menschen, nicht zwischen zwei Gruppen oder zwischen Individuum und Gruppe.

Wird eine Gruppe (z.B. „BRD“) als handelnde Instanz erachtet, muss das in ihr aufgehende Individuum sein eigenes Verständnis von Richtig und Falsch aufgeben, dh das Nachdenken hierüber, also seine Menschlichkeit, an den Nagel hängen. „Wir Deutschen“ liefern Waffen an Saudi-Arabien, auch dann, wenn Rekrut Heinrich Müller, der an der praktischen Ausführung beteiligt ist, persönlich dagegen ist. Er wurde gar nicht gefragt, sondern nur abkommandiert, und er befolgt den Befehl trotz seines meuternden Gewissens.

Ist eine Gruppe (z.B. „Russland“) wiederum das Ziel der Handlungen Dritter, dann wird nicht untersucht, inwiefern diese Handlung der Bäuerin Nadja Nullachtfuffzikowa gefällt oder ob es ihrem Verhalten gerecht wird. Zwischen ihr, die nie einer Fliege ein Haar gekrümmt hat, und der russischen Regierung, die einen Krieg befehligt, wird nicht unterschieden, sondern man versucht beide gleichermaßen zu vernichten.

Wie auch immer man Ethik und Moral von einander trennt – und davon gibt es eine Reihe verschiedener Ansätze, die ich im folgenden erläutern werde –, wären die beiden eben genannten Beispiele bei logischer Überlegung eindeutig als unrecht einzustufen, denn sie überspringen die individuelle Prüfung des Einzelfalls und verletzen damit die Würde der Betroffenen. Ethikkommissionen, sofern sie dazu gedacht sind, Handelnden die moralische Prüfung ihrer Entscheidung abzunehmen oder ihnen ein Gütesiegel aufzudrücken, um den von Maßnahmen Betroffenen ihre Zweifel an deren Rechtmäßigkeit abzusprechen, sind daher aus meiner Sicht unmoralische Kartelle gegen die Menschenwürde.

Wie aber definiert man nun Ethik und Moral?

  • Etymologischer Ansatz
    • Ethik geht zurück auf das griechische Wort ethikos: den Charakter betreffend, sittlich, und dies wiederum auf ethos: Gewohnheit Sitte (Brockhaus).
    • Moral geht zurück auf das lat. Wort moralis: die Sitten betreffend. Dieses geht wiederum zurück auf das lat. Wort mos/moris: zur Regel gewordener Wille, Sitte, Brauch – auf das auch unser Wort Mut zurückzuführen ist.
    • Ethik und Moral liegen in ihrer ursprünglichen Bedeutung sehr nahe bei einander, auch wenn Ethik wohl eher auf das Individuum angewendet und Moral mit einer externen Komponente versehen gewesen scheint. Ob dies historisch korrekt ist, kann ich nicht beurteilen, aber es führt uns direkt zur folgenden Betrachtungsweise:
  • Frage nach dem Rechtssubjekt
    • unter Ethik werden die Grundsätze verstanden, die das Handeln des Individuums bestimmen.
    • Moral hingegen wird durch die Regeln der Gesellschaft bestimmt.

[Moral ist die] Gesamtheit von ethisch-sittlichen Normen, Grundsätzen, Werten, die das zwischenmenschliche Verhalten einer Gesellschaft regulieren, die von ihr als verbindlich akzeptiert werden. – Duden

„Es ist Krieg in dieser Welt, ein Krieg zwischen Moral und Ethik. Um das zu verschleiern, werden diese beiden Wörter gleichgesetzt – um zu verschleiern, dass die Ethik des Einzelnen und die Moral der Gesellschaft auseinandergelaufen sind und sich weit von einander entfernt haben. Denn nur die Moral kann von den Kontrolleuren manipuliert und für ihre Zwecke missbraucht werden, und nur über die Moral können Menschenmassen kontrolliert werden. Es liegt an jedem Einzelnen von uns, zu entscheiden, auf welcher Seite wir kämpfen, und wir müssen uns für eine Seite entscheiden, denn heute hat der Mensch nur noch die Wahl zwischen zwei Möglichkeiten: moralisch zu sein und unethisch, oder ethisch zu sein und unmoralisch. Hörst du auf die Gesellschaft und auf das, was andere dir sagen, oder hörst du auf die Gesetze des Lebens, die innere Stimme, welche die Natur eigenhändig in dein Herz geschrieben hat?“ – Chnopfloch: Fachidioten, Gurus und der Krieg. August 2021

  • Frage nach der Anwendbarkeit
    • In der Philosophie ist Ethik das theoretische Nachdenken über die Moral, deren Begründung.

„[Ethik ist die] philosophische Disziplin oder einzelne Lehre, die das sittliche Verhalten des Menschen zum Gegenstand hat; Sittenlehre, Moralphilosophie“ – Duden

„die philosoph. Wissenschaft vom Sittlichen.“ – Brockhaus

  • Moral besteht in den konkreten (praktischen) Erwägungen und den Handlungen, zu denen sie führen. Im Naturrecht ist jede Handlung moralisch, die keinen Schaden verursacht. Wer Anderen Schaden zufügt, also gegen ihre natürlichen Rechte verstößt, handelt unmoralisch.

„[Moral ist] sittliches Empfinden, Verhalten eines Einzelnen, einer Gruppe; Sittlichkeit“ – Duden

„Sammel-Bez. für die der gesellschaftl. Praxis zugrundeliegenden und als verbindlich akzeptierten ethisch-sittl. Normen(systeme) des Handelns und der Werturteile, der Tugenden und Ideale einer bestimmten Gesellschaft, bestimmter gesellschaftl. Gruppen und der ihnen integrierten Individuen bzw. einer histor. Epoche; sittl. Haltung eines einzelnen oder einer Gruppe“ – Brockhaus

Hermetisch betrachtet ist Moral die angewandte Kunst der in der ethischen Wissenschaft theoretisch erkannten Wahrheit. Im Naturrecht ist das Nachdenken über Richtig und Falsch die Voraussetzung für moralisch richtiges Handeln. Wer nicht ethisch denkt, kann nicht moralisch handeln, d.h. er nimmt seine Rechte nicht wahr und verletzt mit hoher Wahrscheinlichkeit die seiner Mitmenschen. Seit ich mich mit Naturrecht befasse, benutze ich hauptsächlich diese Unterscheidung der beiden Begriffe.

  • Frage nach der Ebene der Aktivität

Ethik besteht in allen geistigen Vorgängen, die zum Handeln führen.

Moral besteht in der rechten Handlung.

Dies ist eine Abwandlung der vorangegangenen Unterscheidung, die streng zwischen dem Geistigen und Physischen trennt.

  • Frage nach der Notwendigkeit

Mark Passio spricht manchmal davon, dass er gern Ethik vermitteln würde, dass dies jedoch fruchtlos sei, solang die naturrechtlichen Grundlagen unverstanden bleiben.

Ethik bestünde also im tieferen Verständnis des über das notwendige Mindestmaß hinausgehenden guten Verhaltens, z.B. Hermetische Wissenschaft und Kunst, Gottesliebe und Nächstenliebe, Techniken friedfertigen Lebens und Konfliktlösungsmethoden.

Naturrechtliche Moralität ist wie die Regeln des Schachspiels: unveränderlich, bestimmend, aber lediglich die notwendige Mindestanforderung für den geordneten Ablauf eines Spiels.

Ein gutes Spiel bedarf höherer Kenntnisse als nur der Regeln. Wenn ich Naturrecht lehre, bediene ich im Grunde das Kindergarten-Niveau notwendiger Moralität als Fundament für eine höhere Moralität, welche die Ethik ist.

Es hilft nicht weiter, wenn man ethisch zu handeln versucht, ohne zu wissen, was objektiv das moralisch Gute ist. Unwissen führt zu falschem Verhalten. Versuchungen und Bedrohungen werden das Bemühen schnell wieder beenden.

Neben diesen Auffassungen kann Moral auch die Lehre von der Sittlichkeit (= synonym zur Ethik) oder die Bereitschaft zum Handeln bedeuten (z.B. Arbeitsmoral).

Weitere Handlungsregeln

…die dem Bereich des rechten Verhaltens zugeordnet werden. Ich unterscheide erstens solche, die auf externem Anstoß beruhen, dh sie ändern sich von Zeit zu Zeit und von Kultur zu Kultur, sowie zweitens solche, die dem eigenen Streben nach dem Guten entspringen.

1.) Externe Motivation

auf was „wir“ uns als „korrekt“, „richtig“, „moralisch“ oder „gut“ geeinigt haben:

Rechtsvorschrift, lat.: rectus, gerade, gestreckt, schlicht, richtig, sittlich. = normatives Recht (Gesetze / Verordnungen / Urteile)

Norm, lat.: nōrma ‘Winkelmaß, Richtschnur, Regel, Vorschrift’. = Richtschnur, Regel, Vorschrift, Konvention; auch: was alle machen.

Konvention, lat.: convenire, zusammenkommen. = Übereinkunft, Vertrag, Verhaltensnorm, Brauch, Versammlung

Sitte, mhd.: site, Art und Weise, wie man lebt und handelt = Brauch, Gewohnheit, (moralischer) Anstand’

Wert, urspr. Gegenstück, gegenüber. = Preis, Geltung. Eine Hierarchie der Präferenzen hinsichtlich gewünschter Ziele; ändert sich von Mensch zu Mensch, von Zeit zu Zeit, von Kultur zu Kultur.

2.) Interne Motivation

was ich selbst als korrekt, richtig, moralisch und gut erkenne:

Tugend, urspr. Tauglichkeit, Brauchbarkeit, Tüchtigsein, als Ggs zu Laster und Sünde. = Bewundernswerte Charaktereigenschaft, die befähigt, das Gute zu tun.

Brockhaus: Da Tugend beim Menschen meist auch sittliche Haltung voraussetzt, nahm das Wort in Annäherung an den lat. Begriff virtus mehr und mehr diese Bedeutung an… Kant definierte Tugend als die moralische Stärke in Befolgung seiner Pflicht, die stets neu und ursprünglich hervorgebracht werden müsse.

Es gibt eine breite Palette solcher Stärken, z.B. Pünktlichkeit oder Ehrlichkeit

Bekannt sind vor allem die 4 klassischen Kardinaltugenden (Weisheit, Mäßigung, Tapferkeit, Gerechtigkeit), die später durch die 3 theologischen Tugenden (Glaube, Hoffnung, Liebe) zu den sieben abendländischen Tugenden erweitert wurden. Diese sollten nicht verwechselt werden mit den sieben sog. himmlischen Tugenden (Demut, Nächstenliebe, Freundlichkeit, Geduld, Keuschheit, Enthaltsamkeit, Fleiß), welche die Gegenstücke zu den sieben sog. Todsünden (Stolz, Habgier, Neid, Zorn, Wollust, Völlerei, Trägheit) sind.

Das Gute urspr. Gut=Besitz, Vermögen, indoeurop.: ghadh, Gatte, passend, vereinigt. Im Sinne der naturrechtlichen Morallehre das auf Wohl des Nächsten gerichtete moralisch korrekte Handeln. Nicht vereinbar mit der Norm.

Schluss

Die Begrifflichkeiten der Moralität sind im deutschen Sprachgebrauch nicht eindeutig. Abhängig vom Kontext können widersprüchliche Definitionen aufeinanderstoßen. Ähnlich wie bezüglich Freiheit, Rechten, Geist oder Seele muss durch direkte Nachfrage oder über den sachlichen Zusammenhang erkundet werden, was mit einem Wort gemeint ist. Man mag das unglücklich finden, aber es eröffnet die Gelegenheit, für selbstverständlich gehaltene Zusammenhänge gemeinsam neu aufzurollen.

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