Es gibt keine Zufälle. Daher ist niemand von uns zufällig hier. Warum aber sind wir hier? Warum bin ich hier? Bin ich gekommen, um ein Statist zu sein? Besteht meine ganze Rolle darin, mich die ganze Zeit herumschubsen zu lassen? Wer wäre ich denn gern? Wer könnte ich sein? Ich denke, es hat Sinn, sich auf die Suche nach dem Grund des eigenen Hierseins zu begeben.
Was befähigt mich, über die Natur des Menschseins zu sprechen? Kann ich einen Doktor in Philosophie vorweisen? Oder bin ich wenigstens Theologe? Ich bin keins von beiden. Ich bin einfach, und ich betreibe Philosophie als Selbst-Studium. „Erkenne dich selbst,“ rät das Orakel von Delphi, jenem, der die Welt erkennen will. Denn „wie es innen ist, so ist es auch außen,“ orakelt Hermes Trismegistus. Und so fasste ich mir ein Herz, hörte in mich hinein und bediente mich meines Verstandes.
Ich bin kein Lehrer und Du bist kein Schüler. Du bist nicht Deine Identifikation, Du bist unbegrenztes Bewusstsein, das menschliche Erfahrungen macht, wie David Icke es in völligem Einklang mit den esoterischen Traditionen formuliert. Vielleicht ist das leichter zu verstehen als meine häufig wiederholte Aussage, dass Dein eigentliches Ich im Spirit besteht, welcher den Geist benutzt, um den Leib zu steuern. Der Spirit ist dieses unbegrenzte aber individuierte Bewusstsein, ein holographischer Splitter des ALLs. Der ihm dienstbare Geist – nicht nur die Ratio, sondern im weiteren Sinne auch alle anderen inneren Bewegungen [Denken (Kognition), Fühlen (Intuition), Spüren (Emotion)] – bildet das Ego-Bewusstsein. Das Ego ist nicht der Meister des Hauses, sondern nur der Hausmeister. Wir brauchen es, um in der Realität zu navigieren. Unkontrolliert neigt das Ego dazu, sich selbst als Wesen zu sehen. Da es keine eigene Identität besitzt, bekleidet es sich, um sichtbar zu werden wie „Der Unsichtbare“ aus dem H.G.Wells-Roman, mit sozialen Rollen und materiellen Besitztümern der menschlichen Existenz.
Was den de-facto-Materialisten daran hindert, die wahren Verhältnisse zu erkennen, ist genau diese Ego-Identifikation mit der durch die fünf körperlichen Sinne erfahrbaren Welt. Was sie im innersten zusammenhält – das Geistige – ist nicht sicht-, hör-, schmeck-, riech- oder ertastbar. Doch die Welt aus Zeit und Raum, die wir mit unseren fünf Sinnen erfassen können, stellt nur einen infinitesimalen Teil der Wirklichkeit dar. Wir sind praktisch blind für fast alles, was neben den sichtbaren physikalischen Phänomenen existiert. Erst wenn wir den Gedanken zulassen, dass da mehr sein kann und wahrscheinlich auch muss – dieser drängt sich während eines Lebens häufig auf –, gelingt es uns, weitere Teile der Wirklichkeit zu erschließen. Das galt einmal für Mikrowellen und schwarze Löcher, sollte nun aber erneut auch für außerirdische Wesen (welche man früher Götter nannte), Telepathie, das Manifestieren und den Äther gelten – bis hin zu Geistern, Bewusstseinsebenen und dem Schöpfer. Was gemeinhin als Realität betrachtet wird, ist nicht nur wegen unserer eng begrenzten körperlichen Wahrnehmungsfähigkeit bloß ein Abglanz der Wirklichkeit: Die Wahrnehmung wird aufgrund des eingeschränkten Diskurses noch viel mehr reduziert. Der Diskurs macht Realität zum sozialen Konstrukt. Realität, die Welt der Dinge, ist jedoch nicht die Wirklichkeit, das Universum der Wirkungen, und sie muss nicht notwendigerweise mit dieser korrespondieren. Sie kann sogar, wie es heute der Fall ist, fast völlig auf dem Kopf stehen.
Daher fällt es vielen Leuten ungeheuer schwer, den Rahmen, in dem Realität sich abspielt, die Wirklichkeit, zu sehen, was aber die Voraussetzung wäre, den Rahmen, in dem sich die Wirklichkeit wiederum abspielt, auch nur erahnen zu können. Denn die Welt der universellen Gesetze – das Universum – ist seinerseits nur eines von vielen Universen unter dem Dach einer höheren Wirklichkeit, die sie geistig erzeugt. Nach Esoterikern, Okkultisten, Mystikern und manchen Philosophen begreifen stets nur einige wenige Wissenschaftler, dass die Wirklichkeit, derer wir Teil sind, ein geistiges Konstrukt ist – weniger konkret, als die Meisten annehmen. Anders ausgedrückt – und darüber spreche ich gleich in der nächsten Episode (e112: Die Welt als Bewusstsein) – handelt es sich beim Universum aus ihrem Verständnis um eine virtuelle Realität, ein Simulakrum. Die Hindus nennen es Maya, die illusionäre Welt der Erscheinungen. Der Buddhismus sieht im Universum eine Projektion leerer Formen (sunyata), die aufgrund karmischer Saaten entsteht. Der Daoismus versteht darunter einen Schleier, der das wahre Dao verbirgt.
Die esoterischen Traditionen anerkennen also die Existenz einer absoluten, unveränderlichen, unendlichen Wirklichkeit, doch die Welt, in der wir leben, ist für sie eine relative, veränderliche und begrenzte. Relativ (auf etwas bezogen) ist sie deshalb, weil sie nur im Geist ihres absoluten Schöpfers geträumt, gedacht oder gesprochen wird und in ihrer spezifischen und vergänglichen Ausformung von der veränderlichen Wahrnehmung der in ihr lebenden begrenzten Wesen abhängt.
Das Ego nimmt die Wahrnehmungen und bewertet sie nach ihrer Nützlichkeit für seine Befriedigung bzw. für sein Überleben. Daraus formt es Wünsche und Abneigungen; es vergleicht den Ist- mit dem Soll-Zustand; es entwirft Idealzustände und ersinnt Handlungsweisen, die es diesen annähern sollen. Solange dies unter Kontrolle des Spirit bleibt, ist es dem Leben und der Bewusstwerdung dienlich. Doch wenn das Ego sich selbständig macht, ist es ruhelos aktiv und nicht mehr in der Lage, die Welt als das zu sehen, was sie ist. Es formt ein absurdes separatistisches Weltbild, das Leid erzeugt. Um die Bewusstwerdung erneut aufzunehmen, muss man sein altes Weltbild aufgeben.
Um Ego-Identifikation bzw. die Illusion der fünf Sinne aufzulösen, können Dir Schattenarbeit, transzendentale Meditation oder eine durch Entheogene induzierte temporäre Befreiung vom Ego helfen. Unwillkürlich geschieht die Befreiung häufig über Schicksalsschläge, die uns daran hindern, weiterzumachen wie bisher, und so unsere Identifikation infrage stellen: Wer bin ich denn nach meiner Entlassung, wenn nicht Hausfrau, Hochschulprofessor, Mechaniker? Wenn ich nach dem Tod meines Kindes nicht länger Mutter oder Vater sein kann, wer bin ich dann? Wenn ein schwerer Unfall mich daran hindert, meine Pläne in die Tat umzusetzen, was soll ich dann hier? Wer bin ich nach einem Burnout, der mir die Sinnlosigkeit von Jahrzehnten des politischen, sozialen oder Umwelt-Aktivismus‘ vor Augen führt?
Du erkennst dann, dass Du nicht die Etiketten bist, die Du Dir selbst anheftest oder anheften lässt. Lässt Du Dich von Sprachbildern täuschen, wenn Du sagst: „Ich bin dies, ich bin das. Ich bin ein Mensch, ich bin Deutscher, ich bin Geringverdiener, ich bin Nichtwähler, ich bin alt“ usw.? Glaubst Du, Deine soziale Rolle zu sein, in Abwesenheit derer Du eine Identitätskrise durchläufst, oder verstehst Du Deine Rollen als sich stets wandelnde Erfahrungen, die Du in der materiellen & sozialen Welt hast?
Sprachlich ist es in der Übergangsphase, in der man dieser Wahrheit bewusster wird, daher sinnvoll, seine Sätze entsprechend umzustellen. Ich bin nicht mein Körper, ich habe einen Körper. Ich bin nicht meine Gedanken, Vorlieben, Befürchtungen, ich habe sie. Ich bin kein Mensch, ich habe menschliche Erfahrungen. Statt zu sagen: Ich bin Deutscher, ich bin Rocker, ich bin Handwerker, ich bin Vater, erläutert man: ich wurde in Deutschland geboren, ich mag Rockmusik, ich habe einen handwerklichen Beruf erlernt, ich habe zwei Kinder – oder man verzichtet so oft als möglich auf jegliche Etiketten. Entscheidend bleibt aber, was geistig vor sich geht. Haftest Du Deinen Rollen an, weil Du Dich mit ihnen identifizierst, oder unterscheidest Du zwischen Dir, dem Eigentümer, und dem, was zu Dir gehört: Deinem Eigentum?
Ego-Identifikation erzeugt falsche Differenzen: Spaltung. Weil ich mich mit einer Rolle indentifiziere, die stets als eine Rolle des „Guten“ gesehen wird, ist alles, das dieses Arrangement beeinträchtigen kann, Teil des „Schlechten“ in der Welt. Es gibt jedoch auch eine Identifikation, die keinen solchen Dualismus erzeugt: Wer Du bist, wenn Du Dich nicht als getrennt empfindest. Die Unterscheidung zwischen der einen und der anderen Sichtweise trennt zwei fundamental verschiedene Selbst-, Menschen- und Weltbilder: Separation und Einssein. Weil Separation die wahre Natur des Seins verleugnet, erzeugt sie negative Handlundskonsequenzen. Ich nenne diese Haltung daher ‚Negativ‘ oder manchmal auch ‚Satanisch‘; an dem Schaden, den sie anrichtet, erkennt man, dass sie objektiv falsch ist. Ihr Gegenstück, die wirklichkeitsbejahende Haltung, nenne ich ‚Positiv‘; manche bezeichnen sie mit dem Wort ‚Heilig‘.
Die einen – Sapiense – wollen ihren Ego-Willen durchsetzen gegen die Freiheit und die Rechte Anderer; die anderen – Selbst-verwirklichende Menschen – anerkennen die Wirklichkeit, wie sie ist, sowie die Freiheit und die Rechte Anderer. Diese Spaltung ist real und die beiden Seiten sind miteinander völlig inkompatibel. Sie besteht im Unterschied zwischen Lüge und Wahrheit, Sklaverei und Freiheit, sowie zwischen Unrecht und Menschenrecht. Hierüber kann es keine Kompromisse geben. Die eine Haltung bringt Dich in Opposition zum Seienden und resultiert unweigerlich in Zerstörung; die andere harmonisiert Dich mit der Wirklichkeit der Schöpfung.
Kosmologische Dualität
Mit einem Adlerblick auf die menschliche Existenz kann man alle Dualismen der separativen Weltsicht als illusionär erkennen. Kopf und Zahl sind Teil derselben Münze, können integriert und damit zugleich überwunden (transzendiert) werden. Der weibliche und der männliche Leib beispielsweise sind unterschiedliche körperliche Seinsformen des Menschen. Keiner ist richtiger oder falscher, besser oder schlechter als der andere. Überwinden Frau und Mann ihre Differenzen, um sich zu vereinen, entsteht neues Leben. Bleiben sie getrennt, sterben sie irgendwann, ohne Nachfolger zu hinterlassen. Nur gemeinsam haben die beiden Seinsformen Sinn. Einigkeit in Verschiedenheit ist der Schlüssel zur Harmonie.
Übrig bleibt nach solchem Verständnis ein einziger Widerspruch: die kosmologische Dualität der beiden fundamentalen Weltsichten, Separation und Einssein, wie schon in Episoden 23 (Daseinszustände) und 24 (Ausdrucksformen) erläutert.
| KOSMOLOGISCHE DUALITÄT | ||
| Haltung: | Positiv / Heilig | Negativ / Satanisch |
| Weltbild: | Einssein | Separation |
| Die Welt ist… | kontinuierliche Wirklichkeit | 3d-Realität |
| Zustand der Welt: | lebensfördernde Ordnung | lebensfeindliches Chaos |
| Ich bin… | individualisiertes Bewusstsein | Ego, Körper & soziale Rolle |
| Verhältnis zur Welt: | Harmonie, Akzeptanz | ich will!, Opposition |
| Das Leben besteht im… | Bewusstwerden | Überleben |
| Verhältnis zu anderen: | freiwillige Interaktion | kontrollierend |
| Freiheit durch… | das Wahre, Schöne, Gute | Deklaration, Illusion, Separation |
| Energetisch: | Syntropie | Entropie |
| Entwicklungsrichtung: | Evolution | Involution |
| Darstellung: Jürgen Hornschuh, bannbrecher.de | ||
Es ist völlig unmöglich, Ausdrucksformen und Daseinszustände der jeweils anderen Seite zu verwirklichen, solange das Weltbild intakt ist. Ansetzen muss man stets beim Weltbild. Nur aus ihm kann sich alles Weitere entwickeln.
Von der Identifikation mit der separativen Weltsicht zur Weltsicht des Einsseins gelangt man durch einen Prozess, der als Aufwachen bezeichnet wird. Aufwachen ist das Erkennen und Anerkennen einer größeren Wirklichkeit als der 3d-Realtiät, die wir mit den fünf Sinnen wahrnehmen. Aufwachen wird möglich, nachdem Risse im separatistischen Weltbild entstanden sind, Risse, die aus der Reibung der Illusion mit der Wirklichkeit entstehen. Aufwachen bedeutet, dass man sich bewusst, vorsätzlich, auf die Reise bzw. auf den Weg in die Erkundung dieser Wirklichkeit begibt, also auf die Seite des Weltbilds des Einsseins. Zwischen absolut satanisch und maximal heilig gibt es eine Polarität unendlich vieler Graustufen. Der oder die Reisende hat einen langen Weg vor sich, doch dieser beginnt mit dem ersten Schritt. Wo immer ein Mensch sich auf dem Spektrum befindet, er begibt sich durch diesen Schritt über den Graben, der die beiden Lager dualistisch trennt, und entfernt sich mit jedem weiteren von den Zuständen und Ausdrucksformen des Bösen. Er geht vom Dunkel des Unbewussten ins Licht des Bewusstseins. Der Weg besteht in der Betrachtung des inneren Schattens, wo sich all jene Hindernisse befinden, die Dich von der Reise abhalten. Den Schatten auszuleuchten heißt, Deine Anhaftungen, Traumata und Selbsttäuschungen zu sehen und zu heilen.
Wie aber erreicht man wahres Einssein, wenn dieses positive Weltbild einem negativen gegenübersteht?
Eine Reisende beginnt den Prozess des Aufwachens in der Haltung des Dualismus. Sie erkennt, dass es ein anderes Weltbild gibt, das sich von ihrem unterscheidet. Sie wendet sich von der Identifikation mit ihrem alten Leben ab, integriert ihre Erfahrungen damit aber in ihr neues Sein. Spätestens am Ende des Weges, bei vollständigem Erwachen, hat sie zutiefst verstanden, dass sie keinen Wechsel in ein anderes Team vollzogen hat, sondern lediglich einen Richtungswechsel auf ihrem Lebensweg.
Vollständiges Erwachen nennen wir Erleuchtung. Dort beginnt die nächste Etappe des Weges auf der Jakobsleiter, nun jedoch nicht mehr behindert durch Illusion, Anhaftung oder Krankheit. Alle Begrenzung und damit alle Gegensätzlichkeit hat sich aufgelöst. Alle Formen der Existenz sind gleichermaßen gültig, alle Handlungen gleichwertig, dh Formen sind gleichgültig; es gibt nur noch Existenz. Das wird als Erfahrung der Leere, des Nirwana verstanden. Es gibt keine Ego-Identifikation, keinen Gegner und kein Konfliktdenken mehr, sondern nur Bewusstsein, das bewusster werden will.
Dies ist der gegenwärtige Stand meiner Forschungen auf dem Weg der Bewusstwerdung. Du musst – nein: darfst! – es nicht einfach glauben, wohl aber biete ich es Dir zur Inspiration für Deine eigenen Erkundungen an.
