Es war einmal vor langer, langer… laaanger Zeit ein altes Mütterchen, das träumte von einer Stadt der Gutwilligen. Und der Traum war wie eine Pralinenschachtel – am Anfang süß, am Ende blieb nur eine leere Schachtel, über der sich die Töchter und Söhne darum zankten, worin denn nun eigentlich der Inhalt bestanden habe. Und sie füllten den Baugrund mit leeren Schachteln nach dem Abbild der ersten. Weil sie aber den Sinn des Traumes nicht verstanden hatten, geriet eine hässlicher als die andere.
Angesichts der seit 2021 anhaltenden Übernahme Aurovilles durch indische Technokraten, die hier mit der Brechstange die Agenda 2030 der UNO und ihrer sogenannten Entwicklungsziele durchsetzen, möchte ich eine abschließende Analyse wichtiger Faktoren für das systematische Scheitern des Projekts vorbringen, welche ich bisher noch nicht angeführt habe. Dass außer mir niemand sonst in solchen Worten und Zusammenhängen spricht, hat mit meiner besonderen Perspektive zu tun: Dank über 20 Jahren intensiver Recherchen stehen mir die tatsächlichen gesellschaftlichen Triebkräfte (gegenüber den vorgeblichen) klar vor Augen. Ich habe 14 Jahre als in Auroville gelebt und sowohl im Landbau als auch in einer Bücherei als auch selbständig literarisch gearbeitet. Ich bringe eine gute Allgemeinbildung und vielseitig gelagerte geistige Interessen mit und messe gute Philosophie an ihrer Umsetzbarkeit in der wirklichen Welt. Daher habe ich versucht, gerade die schwierigsten sozialen Aspekte wie Eigenverantwortung und Geldlosigkeit zu praktizieren. Ich habe die Lehren Sri Aurobindos und der Mutter im Licht praktischer Erfahrung und okkulter Initiation kritisch hinterfragt und bejahe sie weitgehend.
Meine Äußerungen können sowohl als Warnung an andere intentionale Gemeinschaften betrachtet werden, wie auch als Hinweis an Aurovilianer, die noch immer auf günstige Gerichtsurteile warten oder auf wundersame Besserung hoffen. Wo ich verallgemeinernde Aussagen treffe, spreche ich von der Summe aller individuellen Beiträge und ausdrücklich nicht von jedem einzelnen Bewohner. Einige Wenige – zu wenige – verkörpern echtes Wahrheitsstreben oder gar ein hohes realisiertes Bewusstsein.
Mutters Idee der Gemeinschaft Auroville sollte durch eine Großkommune von bis zu 50.000 Einwohnern in Südindien verwirklicht werden. Das damit einhergehende Stadtbauprojekt ist der vordergründige Zankapfel zwischen den heute ca. 3000+ Einwohnern und einer tyrannisch agierenden staatlichen Stiftung, die die Immobilien verwaltet. Obwohl Auroville in erster Linie eher eine innere Haltung als ein Ort ist (dazu gleich mehr), haben viele Einwohner sich eine Betrachtung Aurovilles als architektonisches, technisch zu verwaltendes Objekt aufdrängen lassen. Sie definieren den Konflikt ohne es zu wissen, als Auseinandersetzung zwischen sozialistischen (Stiftung) und kommunistischen (Einwohner) Kräften.
Über die Geschichte des Konflikts bis Anfang 2024 berichtete ich in der Bannbrecher & Dammbrecher Episode 48. Seither hat sich die Lage für die Einwohner weiter verschlimmert. Die Details sind für die heutige Analyse allerdings unerheblich. Wir schauen uns stattdessen einige universelle Prinzipien an, die hier zum Tragen kommen.
Geistesgeschichte
Auroville wurde 1968 nahe Pondicherry (Indien) von Mirra Alfassa (genannt „Die Mutter“, 1878-1973) gegründet, der spirituellen Partnerin Sri Aurobindos (1872–1950), eines Philosophen, Yogi und nationalen Helden Indiens. Die geistige Grundlage – Aurovilles Fokus, Aufgabe und Philosophie – stammt aus dem Integralen Yoga Sri Aurobindos, einer Synthese aus Vedanta und Tantra (nicht-weltflüchtige Spiritualität, die die Göttlichkeit im Irdischen erkennt), westlichem Evolutionismus (mit Hegel, Teilhard de Chardin, Kabalistik und Freimaurertum als Vertretern, welche das Bewusstsein als treibende Kraft einer menschlichen Evolution sehen) und einer eschatologischen Vision, der zufolge der Menschheit eine Bewusstseinsmutation bevorstehe.
Sowohl Alfassa wie auch Aurobindo hatten mehr als nur flüchtige Berührungspunkte mit okkultistischen Ideen der europäischen Freimaurerei. Als französische Diplomatentochter ägyptisch-türkischen Geblüts studierte Mirra Alfassa in den Jahren 1905-06 beim polnisch-jüdischen Okkultisten Louis Bimstein (1848-1927), der auch unter den Namen Max Théon und Aia Aziz bekannt war. Théon führte 1884 die Hermetische Bruderschaft von Luxor in England ein und fungierte dort als Großmeister. Laut Alfassa war Théon eine der Inspirationsquellen Helena Petrovna Blavatskys, der Gründerin der Theosophischen Gesellschaft. Er heiratete Mary Woodroffe Ware, später bekannt als Alma Théon, ein bekanntes Medium und die Gründerin der Universal Philosophical Society in London, die seine spirituelle Partnerin geworden war. Es ist mehr als wahrscheinlich, dass Max Théons Lehren über Alfassa die Lehren Aurobindos beeinflussten.
Den Kontakt zu den Théon’s und zum Okkultisten Louis Themanlys stellte Alfassas Bruder Matteo her, der kurz nach der Jahrhundertwende in Pondicherry residierte, einer winzigen französischen Kolonie in Südinidien. Matteo Alfassa war es auch, über den Mirra im Jahr 1914 Sri Aurobindo kennenlernte. Matteo verhinderte als Berater des Kolonialministers außerdem, dass Aurobindo Ghose, wie er bürgerlich hieß, auf Druck der Briten ins Exil gezwungen werden konnte. Aurobindo hatte sich 1908 an einem Mordkomplott gegen einen britisch-indischen Offiziellen beteiligt und war nach der Verbüßung einer Gefängnisstrafe ins französische Pondicherry gezogen. Er hatte der Politik entsagt, aber die Briten hielten ihn für weiterhin gefährlich.
Als Sohn eines wohlhabenden Bengalen wurde Aurobindo 1879, im Alter von sieben Jahren, mit seinen beiden Brüdern nach England geschickt, von wo er erst 14 Jahre später, 1893, zurückkehrte. Die drei lebten im Liberal Club von South Kensington, wo Fabianische Ideen kursierten. Aurobindo studierte am King’s College in Cambridge, auf Empfehlung des Historikers und Bildungswissenschaftlers Oscar Browning, der für seine ungewöhnlichen Ideen bekannt war. Mit einem scharfen und offenen Verstand ausgestattet mussten Aurobindo auch die Vorstellungen der 1875 gegründeten Theosophischen Gesellschaft und des 1888 gegründeten Hermetic Order of the Golden Dawn bekannt gewesen sein, die zum intellektuellen Milieu jener Zeit gehörten. Von seiner Mitgliedschaft in einer Loge ist jedoch nichts bekannt. Tatsächlich distanzierte er sich in späteren Schriften von theosophischen Lehren, aber interessanterweise gehörte er dem antikolonialen Geheimbund Lotus and Dagger an, in dem die Mitglieder einen Eid auf die Befreiung Indiens schworen, und er fusionierte später westliche Mythologie und Evolutionismus mit seinen yogisch erworbenen Kenntnissen indischer Weisheitslehren zum Integralen Yoga.
Ich möchte an dieser Stelle anmerken, dass die europäischen Revolutionen durchweg von Freimaurern geführt wurden, welche fast als Einzige freiheitlichen Lehren anhingen, und Aurobindo nach seiner Rückkehr, obwohl im Britischen Kolonialdienst, nichts Wichtigeres zu tun hatte, als das System zu untergraben. Seine Schriften spiegeln so eindeutig okkulte Sichtweisen, dass von einem direkten Kontakt mit entsprechenden Kreisen ausgegangen werden kann.
Es sollte also niemand verwundern, dass sich die meisten der Ideen Aurobindos und Alfassas direkt auf den bekannten Fundus hermetischen Wissens (einschließlich des Naturrechts) zurückführen lassen, den die beiden allerdings um praktische Aspekte und den Blick aufs große Ganze erweiterten. Die Vereinigung von innerer und äußerer Erkenntnis, individueller und menschheitlicher Bewusstwerdung, westlicher und östlicher Weisheit sowie der göttlichen Durchdringung des Alltags gaben dem Integralen Yoga seinen Namen.
Eine Vier-Punkte-Charta fasst die Ziele Aurovilles zusammen: Auroville gehört der ganzen Menschheit. Es soll ein Ort körperlicher und geistiger Entwicklung sein, an dem scheinbare Gegensätze und Differenzen vereint werden. Hier sollten nur Menschen leben, die sich als Diener des höchsten (göttlichen) Bewusstseins betrachten und bereit sind, mit anderen Menschen an der Verwirklichung og. Ziele zusammenzuarbeiten. Von organisatorischen oder baulichen Vorgaben war in der Charta nicht die Rede. Das konkrete Vorgehen sollte auf allen Feldern im Zuge der fortschreitenden Bewusstwerdung nach Bedarf erarbeitet werden. Auroville ist übrigens keine spirituelle Gemeinschaft, kein Ökodorf und keine Transition Town, sondern dient der integralen Aktivierung aller menschlichen Fähigkeiten zu evolutionären Zwecken.
Auf Einzelheiten der Auroville-Vision und -Realität gehe ich in meinem Essayband „Auroville und das Naturrecht“ ein, den man von meiner Website als PDF herunterladen kann. Es handelt sich übrigens um eine überarbeitete und erweiterte Auflage, die diesen Vortrag hier enthält.
Praktische Kritik
Trotz ihrer großartigen Vision, die auf Jahrtausende alten esoterischen bzw. okkulten Erkenntnissen beruht, stößt die Auroville-Idee auf praktische Hindernisse, die im Bewusstsein der Bewohner ihren Ursprung haben.
Zwar gab Alfassa völlige geistige Freiheit, da letztlich jede Suche nach Wahrheit zur selben Quelle führt. Ihr Ansatz war völlig undogmatisch, doch gleichzeitig fußte er auf der spezifischen und nicht leicht zu erfassenden Lehre des Supramentalismus, einem Bewusstseinswachstum, das körperliche Auswirkungen hat. Aufgrund des heterogenen Entwicklungsstands seiner Einwohner wurde Auroville zur Stadt der drei Geschwindigkeiten, in der profanes Arbeitsethos neben New-Age-Vorstellungen und Praktiken des Integralen Yogas nebeneinander existieren. Hier fehlen in weiten Teilen die geistigen Grundlagen zur gemeinsamen Weiterentwicklung, was zu schweren Reibereien bei der Konzeption von Arbeit führt. Der Vorwurf, nicht genug bzw. nicht der Vision gemäß zu arbeiten steht bei Meinungsverschiedenheiten permanent im Raum.
Zusätzliche Spannung ergibt sich also aus dem scheinbaren Widerspruch zwischen individueller Freiheit und gemeinschaftlicher Entwicklung, der sich erst ab einem gewissen Bewusstseinsstand auflöst. Der Schlüssel hierzu ist das objektive Wissen um die göttliche Ordnung, in welche sich die Individuen ergeben. Nur Menschen, die die universelle Wahrheit erkennen und anerkennen, haben die Voraussetzung, eine Gemeinschaft wie Auroville zur Blüte zu führen. Wie der göttliche Wille sich durch uns Menschen manifestieren sollte, bleibt für die meisten Einwohner jedoch nebulös, da ihnen die geistigen Werkzeuge hierfür fehlen. Obwohl Alfassa von der Trivium-Methode wusste, empfahl sie diese nicht klar erkenntlich als notwendiges Werkzeug des Erkenntnisgewinns. Hingegen dienen weder ein die individuellen Präferenzen harmonisierender Konsens noch ein demokratischer Mehrheitswille oder gar eine diktatorische Komitee-Herrschaft Aurovilles Zielen. Und doch wird all das von verschiedenen Fraktionen beworben und praktiziert, während die Mehrheit stillschweigend mit der jeweiligen politischen Realität konform geht. Furcht vor „Konsequenzen“ regiert das Verhalten der überwältigenden Mehrheit. Statt Freiheit etabliert sich strukturelle Macht.
Ein weiteres missverstandenes Ideal, das des Nicht-Anhaftens an materiellen Besitz, führte in der Praxis zur kategorischen Verneinung jeglichen Besitzes und zur Flucht vor Verantwortung. Immobilien und Gerätschaften werden als Gemeingut angesehen, während sie sich de jure im Besitz einer staatlichen Stiftung befinden. Beide Rechtskonstruktionen (Gemeingut und Staatsbesitz) sind aufgrund universeller Gesetze unrecht, da Eigentum und Besitz sich stets am Individuum festmachen, welches allein Verantwortung für die Sache hat und auch nur haben kann. Die Wirklichkeit erlaubt keinen unpersönlichen Kollektivbesitz, daher ist er, wie sich durch die Geschichte immer wieder gezeigt hat, langfristig unpraktikabel. Den stets ungerechten, oft inkompetenten Übergriffen, die aus der vermeintlichen „Verantwortung“ eines jeden für alles resultieren, begegnen andere Aurovilianer, die still Besitzrecht auf ihre Immobilien beanspruchen, mit diversen argumentativen Tricks oder dem heimlichen Schaffen von Fakten. Das Axiom der Besitzlosigkeit wird jedoch von niemand offen angezweifelt.
Das zeigt sich auch in der Geldfrage. Laut Alfassa sollte Geld nur dort eingesetzt werden, wo es unvermeidbar ist, also im Handel mit der Außenwelt. Im Inneren sollten Möglichkeiten gefunden werden, auf den Austausch von Zahlungsmitteln zu verzichten, damit finanzielle Überlegungen uns nicht davon abhalten, das Richtige zu tun. Jeder sollte von egoistischen Regungen befreit die in Auroville gebrauchten Güter und Dienste erarbeiten helfen. Das individuelle Wohl sollte aus dem Aggregat der Arbeit aller Individuen resultieren, nach dem heute als Ubuntu bekannten Prinzip. Doch auch dieses Merkmal eines gemäß Integralem Yoga funktionierenden Auroville verlangt ein fortgeschritteneres Verständnis der Gründungsphilosophie. In Ermangelung der Vorstellungskraft, dass wirtschaftliche Aktivitäten auch ohne Geld möglich sind, wird über Preise gefeilscht, denn jeder lässt sich für seine Leistungen bezahlen. Das zu einem großen Teil aus staatlichen Subventionen und Privatspenden stammende Geld wird aus dem öffentlichen Bild retuschiert, indem man es über Buchgeld- und neuerdings über Bankkonten laufen lässt.
Es gibt weitere spirituelle Postulate, die man auf niedrigem Bewusstseinsniveau, oft sogar in quasi-materialistischer Geisteshaltung umzusetzen versucht, etwa die Idee, dass das göttliche Bewusstsein letztlich alles ordnen wird. Das tut es bereits jetzt; nur eben nicht zum Wohlgefallen der Einwohner, die ihrer persönlichen Verantwortung für die Ordnung des Gemeinwesens nicht nachkommen. Ähnlich wie beim Geld können sich die Meisten nicht vorstellen, dass ein Zusammenleben ohne Führung möglich ist; daher die mannigfaltigen Probleme. Solche würden zur Strategieänderung aufrufen, wollte man nur einmal sein Menschenbild hinterfragen. Statt innerer Arbeit wird emotionaler Druck auf andere ausgeübt. Obwohl im öffentlichen Diskurs ausgeblendet, herrschen Bürokratie, Korruption, Machtmissbrauch, Unehrlichkeit und spirituelle Selbstgerechtigkeit. Das Gemeinwesen leidet unter weit verbreiteter Wirklichkeitsverweigerung, während die Lehren Aurobindos und Alfassas alles nötige Wissen enthalten, den Niedergang umzukehren. Statt es anzuwenden, beten viele die beiden als Heiligenfiguren an und hoffen passiv auf deren Intervention.
Dass die Präsenz einer Vielzahl sich schädlich verhaltender Individuen eine Gesellschaft in die Krise treibt bzw. dem gegenüber der weitgehende Respekt vor der Unverletzlichkeit des Nächsten soziale Blüte ermöglicht, ist eine triviale, durch Beobachtungen gestützte Weisheit. Es gibt falsches und es gibt richtiges Verhalten: Verhalten, das Schaden initiiert und solches, das keinen verursacht bzw. sogar Gutes tut. Je nach Entscheidung ernten wir die zugehörigen karmischen Folgen. Hieraus wäre abzuleiten, dass das Maß der kollektiven Freiheit in einer Gesellschaft durch das Maß der kollektiven Moralität in ihr bestimmt wird: Wie häufig entscheiden sich die beteiligten Individuen für richtiges Verhalten, das keinen Schaden anrichtet, gegenüber falschem, schädlichem Verhalten? Aus der Beobachtung des Ist-Zustands kann man ablesen, dass das Verhalten der meisten Aurovilianer offensichtlich dem Gründungsgedanken zuwiderläuft. Gute Absichten allein reichen eben nicht aus, um Gerechtigkeit herzustellen. Ziele gleich welcher Art können nur erreicht werden, wenn die dafür nötigen Bedingungen eingehalten werden. Wirkung kann nur erzielt werden, wenn die Ursachen richtig gesetzt werden. Ursachen können nur richtig gesetzt werden, wenn die universellen Wirkprinzipien und Gesetzmäßigkeiten bekannt sind und beachtet werden. Das ist mit Karmayoga gemeint. Das sagt schon das Wort (Karma = das Wirken bzw. die Wirkung). Und an dieser minimalen Bildung bzw. Einsicht mangelt es eklatant. In Auroville wird Karma als Pflicht zur Arbeit interpretiert oder als seelisches Sündenkonto.
„Die Stadt, die die Welt braucht“, wie ihr Motto lautet, braucht so kein Mensch. Die Welt ist bereits voll von Ballungszentren, deren Einwohner ihre Freiheit der finanziellen Sicherheit opfern, die sich lieber konform verhalten, statt eine eigene Ethik zu entwickeln, und die lieber ignorant bleiben, statt die eigenen Fehler zu korrigieren. Gute Absichten müssen auf solidem Wissen beruhen und zu Rechtem Handeln führen. Andernfalls bleiben sie lediglich Wunschvorstellungen, die entweder keine Wirkung entfalten oder Schaden anrichten.
Fundamentalkritik
Nun stellen sich Manchem gleich mehrere Fragen: Was hätte die Mutter von Beginn an anders organisieren müssen, um hilfreiche Impulse zu setzen? Lässt sich das nachträglich korrigieren? Oder führt die Gründung einer Stadt überhaupt in die richtige Richtung?
Die Charta ist aus meiner Sicht ein Meisterwerk der universellen Spiritualität – frei von Dogma, offen für alle. Sie bietet die Möglichkeit einer Begegnung jenseits unserer Unterschiede, was sogar unser Verhältnis zur Natur positiv beeinflusste. Diesbezüglich ist bis zum Technokratenputsch von 2021 eine positive Integration gelungen, weil ohne sie ein Verweilen auf dem heißen, verödeten Plateau nördlich von Pondicherry unmöglich gewesen wäre. Zu Wiederaufforstung und kleinteiligem traditionellem Landbau gab es keine Alternative. Wäre auf sozialer Ebene ebenso aufmerksam verfahren worden, sähe die Lage heute anders aus. Immerhin: Für viele Teilnehmer wirkt die internationale Begegnung als Weltbild erweiternd, und auch auf technischem Gebiet gab es Verbesserungen.
Es fehlte jedoch vom Start weg eindeutig an strukturierter Methodik, zwischen Wunschdenken und Wahrheit zu unterscheiden. Statt eines Masterplans in Form eines Galaxiemodells hätte es klarer Leitlinien und eines Instrumentariums geistiger, spiritueller und sozialer Techniken bedurft, die typisch menschlichen Herausforderungen zu meistern. Man kann in einem Menschenleben schließlich nicht alles neu aus eigenen Beobachtungen ableiten, aber man kann mit Ignoranten auch keine intentionalen Gemeinschaften aufbauen. Wohl wissend, dass sie mit ihren 88 Jahren nicht mehr lang als Quell der Weisheit zur Verfügung stehen würde, hätte die Mutter Ältestenräte als mahnendes und inspirierendes, allein der Wahrheit verpflichtetes Gremium nicht nur empfehlen, sondern auf sie bestehen müssen.
Zur Erfüllung der Bedingung, dass nur der Wahrheit dienende Menschen in Auroville leben dürfen, müsste das eben erwähnte Instrumentarium beim Eintritt verpflichtend gelernt werden: u.a. das Trivium des Erkenntnisgewinns, friedfertige Kommunikation, Konfliktlösungsmethoden oder auch Bewusstwerdungstechniken. Leider wurde das bis heute versäumt, was meines Erachtens dem Erfolg ein Bein stellt. Zur Verteidigung der Mutter sollte erwähnt sein, dass sie wiederholt vor Schulen, Komitees, Abstimmungen, Polizei, Eigenbrötlerei und ähnlichen städtischen Fehlentwicklungen gewarnt hat – vergeblich.
Städte sind das Endprodukt langfristiger sozialer Entwicklungen, und sie gehen mit zahlreichen inhärenten Problemen einher. Der Versuch des schnellen Skalierens auf geplante 50.000 Einwohner nagt fast zwangsläufig an der geistigen Tiefe, denn Verständnis und damit Wahrheit gedeiht am besten in kleinen lokal vernetzten autonomen Zirkeln von maximal einem Dutzend Menschen. Gemeinschaften, in denen das Wort Verantwortlichkeit seine Bedeutung behalten soll, dürfen nicht viel größer als 150 Individuen sein. Selbstverständlich arbeiten wir auf eine Integration der gesamten Menschheit hin, von denen die Mehrheit in größeren Siedlungskonzentrationen lebt, aber sie könnte auch zur Auflösung der Städte führen, statt zu deren Spiritualisierung.
Städte stellen außerdem Enklaven dar, die allein mit den Ressourcen des Umlandes bewohnbar gemacht werden. Sie sind somit abhängig von Geld, Politik und der Produktivität der Landbewohner. Mit dem Kontakt zum sie nährenden Land geht auch das Verständnis für natürliche Gesetzmäßigkeiten verloren. Das gestörte Verhältnis des Städters zur Landwirtschaft, die er durch politische und finanzielle Diktate für seine Zwecke zu kontrollieren versucht, tritt in Auroville deutlichst zum Vorschein. Hektische Eingriffe mit absurden, ideologisch motivierten Regulierungen gehören dort zum Alltag des Bauern und verhindern sinnvolles Wirtschaften. Ohne Freiheit ist keine Bewusstseinsentwicklung möglich. Und ohne diese ist Auroville so überflüssig wie ein Kropf.
Städte sind ein Ergebnis zivilisatorischer Kultur, nicht das Ziel des Lebens in Wahrheit. Sie erleichtern die Zentralisierung von Kontrolle, abstraktes Betrachten der Wirklichkeit, Vernachlässigung individueller Verantwortlichkeit, Massenabfertigung, Konformitätsdenken und derlei mehr. Und diese Impulse vermittelt die geplante Stadt dem Unterbewusstsein ihrer Einwohner. Gemeinschaft entsteht jedoch nicht durch massenhafte Anhäufung von Menschen oder sogar Zusammenlegung des Besitzes, sondern aufgrund des Einander-Begegnens auf Augenhöhe, des gemeinsamen Arbeitens und vor allem gemeinsamer geistiger Bezugspunkte. Auroville in den „Dienst an der Wahrheit“ zu stellen, wie ein weiteres seiner Mottos lautet, war folgerichtig und notwendig. Die Gründung einer integralen Stadt unter Ausschluss individuellen Grundbesitzes führte hingegen in die falsche Richtung, denn sie verleugnet die fundamentale Wirklichkeit der individuellen Verantwortung. Das musste zwangsläufig den Blick von der Wahrheit ablenken. Aurovilles Konzeption beruht auf einem Irrtum; seine Lebenspraxis bestätigt das. Und vielleicht ist das an sich bereits eine wertvolle Lehre aus dem Auroville-Experiment.
Eigentum und Spiritualität
Klären wir zuerst, wie gemeinsam gekaufte Güter naturrechtlich gesehen werden können. Eigentum bezeichne ich als das mir unmittelbar Eigene, das ich nicht abgeben kann: Körper, Geist, Wille, Emotionen usw. Besitz ist das, was zu mir gehört; buchstäblich alles, das ich erworben habe und auch wieder abgeben kann. Der Erwerb kann durch Entnahme aus der Natur oder aufgrund freiwilliger Übergabe durch einen Vorbesitzer erfolgen, also ohne die Rechte anderer zu verletzen, denn ein Recht ist jede Handlung, die anderen Menschen keinen Schaden initiiert. Wer etwas besitzt, kontrolliert seinen Gebrauch/Nutzung, ist für seinen Zustand verantwortlich und verfügt über den Nutzen daraus – und zwar exklusiv. Besitz an einem Gegenstand besteht, solange man dazu willens und fähig ist.
Alle Besitz- und Eigentumsrechte sind individuell, niemals gruppenbezogen. Das ergibt sich aus meinem exklusiven Eigentum an mir selbst, aus dem alle natürlichen Rechte (sog. Menschenrechte) erwachsen, und an der Weise, wie Besitztümer rechtmäßig erworben werden: durch das moralisch korrekte Handeln des Individuums, dh ohne Initiierung von Schaden. Es ist unrecht, mehr in Anspruch zu nehmen, als man selbst natürlicherweise bewahren, nutzen und tatsächlich kontrollieren kann. Kontrollieren heißt, dem eigenen Willen entsprechend einsetzen – nicht für immer, aber solange man eben den Gegenstand besitzt.
„Gemeinsamer Besitz“ ist ein Oxymoron, weil das exklusive Recht des Besitzers aufhört, exklusiv zu sein, wenn es mehr als einen Besitzanspruch gibt. Mehrere Leute können nicht gleichzeitig gleichberechtigte Besitzer sein, weil das Recht des einen Besitzers das Recht des anderen einschränkt bzw. ausschließt und damit die Bestimmung über den Besitz. Ein Grundstück kann nicht gleichzeitig bebaut und bepflanzt werden; Einnahmen können nicht gleichzeitig gespart und ausgegeben werden; eine Vase kann nicht gleichzeitig in der einen und in der anderen Ecke stehen; eine Straße kann nicht gleichzeitig gepflastert und asphaltiert werden. Die einzelnen Mitglieder des Kollektivs geraten durch die Fiktion des Gemeinbesitzes mit einander in unauflöslichen Konflikt, denn sprachlich erzeugte Paradoxien haben keine Grundlage in der Wirklichkeit, wo es solche Widersprüche nicht gibt. Eine Sache ist immer identisch mit sich selbst und kann nicht gleichzeitig eine andere Sache sein. Ein Objekt kann nicht zwei entgegengesetzten Willensrichtungen unterworfen sein: für eine bestimmte Benutzung und gegen sie. Gemeinschaft braucht keinen gemeinsamen Besitz – sie braucht klare Absprachen zwischen freien Besitzern und Nutzern. Wo „Gemeinbesitz“ behauptet wird, ist entweder Tyrannei, Chaos oder Illusion am Werk – in Auroville all das zugleich.
Anders ausgedrückt: Das Eigentum des Menschen an sich selbst begründet seine Freiheit und damit die exklusive Verantwortung für seine eigenen Handlungen. Wenn er Gegenstände in Benutzung nimmt, übernimmt er die Verantwortung für sie und bestimmt frei über ihre Nutzung. Das ist schon aus praktischen Gründen nur einem einzigen Besitzer möglich, da ein Gegenstand keine zwei verschiedenen Zustände gleichzeitig einnehmen kann und ein zweiter Besitzer die Freiheit des ersten einschränken würde. Ohne Eigentum am Selbst gibt es keinen Besitz und ohne diesen keine Freiheit. Ohne Freiheit aber gibt es keinen Aufstieg im Bewusstsein. Kurz: Eigentum und Spiritualität gehören so untrennbar zusammen wie Materie und Geist.
Daher sind weder Kommunismus (=Vergemeinschaftung des Besitzes, wie es die Bewohner wünschen) noch Sozialismus (=Verstaatlichung des Besitzes, wie die Stiftung es wünscht) geeignet, den Traum von Auroville zu realisieren, wie Mirra Alfassa, genannt ‚die Mutter‘, den Ashramiten 1954 vortrug:
„Irgendwo auf der Erde sollte es einen Ort geben, den keine Nation als ihr alleiniges Eigentum beanspruchen kann. Einen Ort, an dem alle Menschen mit gutem Willen und aufrichtigem Streben frei als Erdenbürger leben können und nur einer einzigen Autorität gehorchen: der höchsten Wahrheit. Ein Ort des Friedens, der Eintracht und der Harmonie, an dem jegliche kämpferischen Instinkte im Menschen ausschließlich dazu benutzt werden, die Ursachen seines Leidens und Elends zu bezwingen, seine Schwäche und Ignoranz zu überwinden und über seine Begrenzungen und Unfähigkeiten triumphierend hinauszuwachsen. Ein Ort, an dem die Bedürfnisse des Geistes und die Pflege des Fortschritts Vorrang haben vor der bloßen Befriedigung von Wünschen und Leidenschaften, vor der ausschließlichen Suche nach Vergnügungen und materiellen Annehmlichkeiten. An diesem Ort könnten sich Kinder in umfassender Weise entfalten und aufwachsen, ohne den Kontakt mit ihrer Seele zu verlieren. Bildung wäre nicht dazu da, Prüfungen zu bestehen, Zeugnisse zu bekommen und Posten zu bekleiden, vielmehr würde sie vorhandene Fähigkeiten fördern und neue hervorlocken. An diesem Ort würden Titel und Rang ersetzt durch Gelegenheiten zu dienen und zu organisieren. Den Bedürfnissen des Körpers würde für alle und jeden in gleichem Maße Rechnung getragen. In der allgemeinen Organisation würde sich intellektuelle, moralische und spirituelle Überlegenheit nicht durch die Maximierung von Vergnügungen und Macht im Leben ausdrücken, sondern durch einen Zuwachs von Pflichten und Verantwortlichkeiten. Künstlerische Schönheit in jeder Form, ob Malerei, Bildhauerei, Musik oder Literatur, würde allen gleichermaßen zugänglich sein. Gelegenheiten, die Freuden zu erfahren, die die Kunst mit sich bringt, könnten einzig und allein durch die Fähigkeiten des Einzelnen Beschränkung erfahren, nicht jedoch durch seine soziale oder materielle Position. Denn an diesem Ort wäre Geld nicht länger der höchste Herrscher. Individuelle Verdienste würden größere Gewichtung haben als der Wert, der sich auf materiellen Reichtum und soziale Position gründet. Arbeit wäre nicht länger ein Mittel, seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Sie wäre ein Mittel, durch das sich jeder ausdrückt und seine Kapazitäten und Fähigkeiten entwickelt, während er zugleich dem Wohl der ganzen Gemeinschaft dient, die ihrerseits seine Existenz und seinen Handlungsraum ermöglicht. Kurz gesagt, es wäre der Ort, an dem Beziehungen zwischen den Menschen, die normalerweise fast ausschließlich auf Wettbewerb und Kampf gegründet sind, abgelöst würden durch Beziehungen des Nacheiferns, um die Dinge noch besser zu machen, der Zusammenarbeit und der Brüderlichkeit.
Die Erde ist sicherlich noch nicht so weit, solch ein Ideal zu verwirklichen, denn die Menschheit weiß noch nicht genug, um dies zu verstehen und anzunehmen, und hat auch nicht jene Bewusstseinskraft, die unverzichtbar für seine Umsetzung ist. Darum nenne ich dies einen Traum.
Und doch ist dieser Traum gerade dabei, Wirklichkeit zu werden. Danach streben wir im Sri-Aurobindo-Ashram, in sehr kleinem Maßstab, entsprechend unserer begrenzten Möglichkeiten. Die Umsetzung ist sicherlich noch lange nicht perfekt, aber wir machen Fortschritte. Schritt für Schritt nähern wir uns dem Ziel an, von dem wir hoffen, es eines Tages der Welt als praktischen und wirksamen Weg präsentieren zu können, sich aus dem heutigen Chaos zu erheben, um in ein neues Leben geboren zu werden, das harmonischer und wahrhafter ist. – Die Mutter: Ein Traum, 1954
Mutters Traum beschreibt eindeutig einen Zustand gehobenen Bewusstseins, nicht eine gesellschaftliche Struktur, und schon gar keine Architektur. Der Text schildert die geistige Haltung der Einwohner einer künftigen Stadt, in der Arbeit, materieller Besitz, Kultur und soziale Ordnung Teil des integralen Seins in Einklang mit den universellen Gesetzen werden können, ohne einem dieser Elemente anzuhaften oder es zu vernachlässigen. Bewusstsein kann man nicht erzwingen. Doch ohne persönlichen Besitz wird keines von Aurovilles Vorhaben langfristig verwirklicht werden können. Der Mutter ging es nicht um Sozialtheorie, sondern um Manifestation des Göttlichen; aber sie unterschätzte, wie schnell gute Gedanken aufgrund Ignoranz zu dogmatischen Strukturen versteinern. In Ermangelung sauberer Besitzverhältnisse herrschen einerseits Vernachlässigung und andererseits Übergriffigkeit informeller oder staatlicher Akteure.
Auswege?
Wie löst man also das Problem ‚existierenden‘ Gemeinbesitzes?
Schon der gegenwärtige Zustand macht die Stadt Auroville zu einem überflüssigen Ort. Es gibt andernorts besser funktionierende Wirtschaft, schönere Bebauung, friedlichere Gemeinden, und auch Gemeinschaften, die ihre Idee konsequenter leben und kritischer mit vermeintlichen Selbstverständlichkeiten umgehen. Es gibt Leute, die genug Selbstwertgefühl besitzen, sich nicht einfach das Heft aus der Hand nehmen zu lassen, und die den objektiven Unterschied zwischen Richtig und Falsch gut genug kennen, um mit allen nötigen Mitteln für das Recht einzustehen – anders als die allermeisten Aurovilianer. Nur konsequente Hinwendung zur objektiven Erkenntnis des göttlichen Willens bei ebenso konsequenter Verweigerung jeglichen Einknickens vor dem Diktat menschlicher Autoritäten – um jeden Preis! – hat überhaupt eine Chance, das Projekt zu retten. Solange Bewohner und Stiftung stur auf falschen Auffassungen von ‚richtig‘ und ‚Recht‘ beharren, wird Auroville sich stets noch weiter von seiner Vision entfernen. Doch außer Gerichtsklagen, Abstimmungen, Petitionen und Gebeten rührt sich wenig in Auroville. Man besteht darauf, den Schierlingsbecher bis zum letzten Tropfen zu leeren. Und darum war es Zeit für mich zu gehen.
Sollte sich die Auroville-Stiftung jedoch auf eine Änderung ihrer Politik besinnen, müsste sie zunächst einmal darauf verzichten, auf die innere Entwicklung der Gemeinschaft Einfluss nehmen zu wollen. Sie hat den Bewohnern in keiner Weise vorzuschreiben, wie sie ihr Leben gestalten, solange sie keinen Schaden am Stiftungsbesitz initiieren. Wohnungen und Parzellen sollten den derzeitigen Nutzern vertraglich zur kostenfreien unbefristeten Erbpacht angeboten werden. Voraussetzung hierfür wäre die schriftliche Selbstverpflichtung der Pächter gegenüber einem nicht weisungsbefugten Ältesten- und Weisenrat, ihr menschliches Potenzial im Sinne der Charta zu entfalten. Die gute Absicht der Bewohner darf sich bevorzugt auch in entsprechenden Taten, etwa der Organisation bzw. Teilnahme an Bildungsangeboten oder Gemeinschaftsaktivitäten, äußern.
Die heutigen Communities, aus denen Auroville besteht, könnten unabhängig von einander wirtschaften, ohne zentralisierende Gängelung durch die Komitees, die allesamt abgeschafft werden sollten. Alle Interaktionen fänden rein auf Grundlage des Naturrechts statt: Es gäbe keinen Gemeinbesitz mehr, nur gemeinsam genutzte Güter. Wer Schaden anrichtet, müsste vor dem Besitzer dafür gradestehen oder könnte andernfalls an der Nutzung gehindert werden. Wer stiehlt, verlöre möglicherweise Zugang zu Dingen; wer lügt, verlöre das Vertrauen der Anderen; wer Gewalt anwendet, würde nicht bestraft, aber womöglich aus der Gemeinschaft ausgeschlossen – bis er oder sie sich eines Besseren besinnt.
Sowohl die City Contributions (Mitgliederbeitrag) als auch die Maintenance (Grundeinkommen) sollten ersatzlos gestrichen werden, um ein Netzwerk gegenseitiger Hilfe anzuregen. Langfristig müsste sich die Stiftung auflösen und die Nutzungsverträge in Besitz überführt werden. So kann alle Interaktion freiwillig bleiben, ohne Einschränkung der individuellen Freiheit, und nur das wird getan, wofür sich aktive Beteiligte finden. Statt um die Förderung utopischer Seinsformen ginge es nun um die Wiederherstellung der natürlichen Skala menschlichen Zusammenlebens.
Historische Parallelen hierfür finden wir in den altnordischen Thing-Gemeinschaften oder den frühchristlichen Hausgemeinden, die jeweils autonom agierten, verbunden jedoch durch gemeinsame Rechtsauffassungen, Glauben und Verhaltenspraxis. Gemeinschaft braucht keinen gemeinsamen Besitz, sie braucht gemeinsame Prinzipien.
Alfassas größter Irrtum
„Gemeinbesitz“ ist per Definition Unrecht, weil aller Besitz vom Eigentum des Individuums an sich selbst ausgeht und mit exklusiver Verantwortung einhergeht. Mirra Alfassa, die Mutter, musste das wegen ihrer okkultistischen Bildung bekannt gewesen sein. Bekannt gewesen musste ihr auch sein, dass die UNESCO, die sie als Schutzmacht für Auroville mehrere Jahre vor der Gründung bereits ins Boot zu holen versucht hatte, eine mit eugenischen Zielen gebildete Organisation ist, die von fabianischem Sozialismus und technokratischen Vorstellungen geprägt wird. Julian Huxley, erster UNESCO-Generaldirektor, schrieb explizit über „weltweite Bevölkerungskontrolle“ und „biologische Verbesserung der Spezies“, jedoch nicht im selben Sinne wie Aurobindo den Übermenschen sich selbst schaffen sah, sondern als ein technisch konstruiertes Frankensteinmonster. War Aurobindo ein heller Okkultist, so handelt es sich bei den Regierungen dieser Welt unzweifelhaft um seine dunklen Gegenstücke.
Aurobindo kannte die Untiefen der Politik, doch auch Alfassa war keine politische Unschuld. Sie korrespondierte mit Staatschefs, kannte die okkulten Strömungen Europas und Indiens und wusste, welche Mächte sich in der Auseinandersetzung um die menschliche Seele auf dem Schlachtfeld tummeln. Die UNO steht für eine abstrakte Menschheit, Aurobindo für die Realisierung ihrer tatsächlichen Einheit. Diese Polarität kann nicht harmonisiert werden, nur durchschaut und überwunden. Es war objektiv ein schwerer Fehler Alfassas, nicht jegliche ihrer Philosophie fremde Einflussnahme kategorisch auszuschließen, und derlei Fehler unterliefen der Mutter mehrere. Ich denke dabei u.a. an ihre Ernennung Navajatas zum Vorsitzenden der Sri Aurobindo Society, dessen Konfrontationspolitik gegenüber den Siedlern letztlich zur Übernahme Aurovilles durch den indischen Staat geführt hat. Er stellte damit die Weichen für die heutige Gleichschaltung im Sinne der UNO-Entwicklungsziele.
Will man Alfassa weder Naivität noch dunkle Ziele vorwerfen, bleibt als Motivation für die inhärenten Widersprüche ihrer Stadtgründung lediglich ein tragischer Kompromiss zwischen Vision und Machbarkeit, vielleicht in der Hoffnung, dass ein schneller Bewusstseinsfortschritt die Absorption durch entgegengerichtete Kräfte verhindern würde. Dem machten die Bewohner selbst einen Strich durch die Rechnung, indem sie sich in der überwältigenden Mehrheit als unfähig erwiesen, den göttlichen Willen objektiv erkennen zu lernen. Auroville scheitert also definitiv nicht daran, dass seine Philosophie es der Selbstverteidigung gegen das Dunkle beraubt, sondern weil die Mehrheit der Bewohner seine Philosophie nicht einmal gut genug verstanden hat, um das Recht auf Selbstbestimmung mit den gebotenen Mitteln zu bewahren. Ignoranz hat unausweichlich negative karmische Konsequenzen, in welchen die verbleibenden Bewohner schon jetzt gesotten werden. Um das, was noch kommen wird, sind sie nicht zu beneiden.
Sollte die Mutter das vorhergesehen haben, gründete sie Auroville – „die Stadt, die die Welt braucht“ –, um zu zeigen, dass die Welt Auroville nicht braucht – ein praktischer Koan-Witz auf Kosten seiner Bewohner… aber sie zahlen die ja freiwillig.
Studentenfutter
Was ist das fundamentale Problem unserer Zeit? Diese Frage kann mit zwei Wörtern beantwortet werden, die auch zusammenfassen, was in Auroville praktisch schiefläuft.
Literatur:
- Auroville und das Naturrecht / Jürgen Hornschuh
- The Mother on Auroville
- Mutters Agenda in 13 Bänden, 1951-1973
- UNESCO: its purpose and its philosophy / Julian Huxley, 1946
