“Dem Herzen zu folgen ist ja eine schöne Sache, aber nimm doch bitte auch Dein Gehirn mit, der liebe Gott hat es Dir nicht umsonst gegeben… O.k., einigen vielleicht doch, weil er die Idee von nicht denkenden Menschen lustig fand.” – Meister Yoda zugeschrieben.
Teil 2 der Miniserie zur westlichen Konsumspiritualität & im Anschluss an Ep.53: Die Schuldfrage.
Mark Passio präsentierte etwas Ähnliches in seiner unvergleichlichen Weise unter dem Titel New Age Bullshit, aber das ist mir wegen des schwammigen New-Age-Begriffs zu unpräzise.
Im Folgenden möchte ich ein paar, bei weitem nicht alle, Konsumspiri-Vorstellungen auseinandernehmen, die mir begegnet sind. Beginnen wir, wo wir in Sendung 53 aufgehört haben: bei der Schuldfrage und der Behauptung,…
Dass persönliche Schuld irrelevant sei.
Der Schlüssel liegt in der Erkenntnis, dass persönliche Schuld irrelevant ist. Wenn ich mir das Bild [der vom Sniper Erschossenen] ansehe, empfinde ich sehr, sehr viel Mitleid. Dieses Gefühl hängt weder von meiner Mitschuld an dem Verbrechen ab, noch würde es durch meine Nichtmitschuld gemildert. Es spielt keine Rolle, ob ihr Tod meine Schuld ist oder ob ich im Unrecht bin oder im Recht. Wie unbedeutend sind solche Argumente angesichts des Auslöschens ihres kostbaren Lebens. Es tut mir trotzdem leid, denn ich weiß, dass der Scharfschütze, der sie erschossen hat, ein Mensch war, und ich bin ein Mensch. Deshalb hätte dieser Scharfschütze auch ich sein können, wenn ich in seine Familie, seine Nation, seine Umstände hineingeboren worden wäre. Deshalb kann sich jeder von uns für jede Tat entschuldigen.
– Charles Eisenstein: The Snipers are the Lucky Ones, Substack, 28.9.2024
Zunächst einmal zum Schuldbegriff. Im gerade zitierten Text dringt durch, dass das Wort Schuld in einem religiösen oder juristischen Sinn verstanden wird. Schuld sei etwas, das einem von Gott oder einem Richter gegeben werde und mit Sanktionen verbunden sei. Ich habe bereits andernorts ausführlich erläutert, weshalb Menschen nicht richten können (e118) und Strafe nichts nützt, sondern nur neuen Schaden anrichtet (e66). Eisenstein hat recht, wenn er sagt, diese Sorte Schuld sei irrelevant. Dazu gleich mehr.
Hier wie auch bei vielen anderen naturrechtsrelevanten Wörtern gibt es jedoch eine Begriffsverdrehung. Schuld bedeutet, dass der Eine vom Anderen etwas genommen hat und nun moralisch zu einem Ausgleich verpflichtet ist. Das kann davon herrühren, dass einem freiwillig geholfen worden ist oder dass man jemand etwas weggenommen hat (Leben, Gesundheit, Geld, Freiheit usw.), in letzterem Sinne also ursächlich eine Rechtsverletzung begangen hat. Wer Schuldgefühle hat, ist sich dieser Tatsache bewusst, weil sein Gewissen ihn darauf hinweist.
Der Eine steht beim Anderen in der Schuld, sagt man, und zwar weil er verantwortlich einen Schaden verursacht oder Hilfe angenommen hat, wodurch ein Ungleichgewicht entstand. Im ersteren Fall besteht das Ungleichgewicht in Ungerechtigkeit (e108), in letzterem Fall schuldet man Dankbarkeit, d.h. man gedenkt des bestehenden Ungleichgewichts, wenn der Andere Hilfe braucht. Der Schuldausgleich ist eine Bringschuld. Schuld ist also eng verknüpft mit Ursache, Pflicht, Verantwortung, und in diesem Sinne auch im frühen Mittelalter verwendet worden. Es ist nicht umsonst eng verwandt mit dem Sollen – noch so ein Konzept, das in der Konsumspiritualität häufig abgelehnt wird.
Es stimmt, dass persönliche Schuld irrelevant für den Zweck ist, sich in beide Seiten eines Ungleichgewichts, einer Ungerechtigkeit, einer gewaltsamen Rechtsverletzung hineinzuversetzen. Wir müssen verstehen, was im Inneren vor sich geht, denn das ist die Ursache für die äußeren Wirkungen. Es sind die Gedankenmuster und die daraus resultierenden Taten, die falsch sind, und diese können sich ändern. Falsches Handeln macht niemanden zum Teufel.
Die persönliche Schuld, dh das Verursacherprinzip, ist jedoch sehr relevant, wenn es um das reale Handeln geht. Was einen Menschen zum Menschen macht, ist unter anderem, dass er mit einem freien Willen, einem Gewissen und einem Bewusstsein ausgestattet ist. Ein konkreter Mensch steht bei einem anderen in der Schuld, weil er ihm aufgrund von Ignoranz der Naturgesetze und fehlerhaftem Denken konkreten Schaden zugefügt hat. Jeder Mensch ist in der Lage, zwischen richtigem und falschem Handeln zu unterscheiden und sich entsprechend zu verhalten. Deshalb bin ich NICHT der Scharfschütze, und ich hätte es auch nicht sein können. Ich habe einen Eid geschworen, niemals vorsätzlich die natürlichen Rechte eines anderen Lebewesens zu verletzen, und ich akzeptiere negative Sanktionen für diese Entscheidung.
Mache ich Fehler? Sicher, Fehler zu machen ist menschlich. Und ich will keine Vergebung für diese Fehler, solange ich nicht gezeigt habe, dass ich die Natur meiner Taten verstanden habe, indem ich den notwendigen Prozess durchlaufen habe: das Verhalten zu beenden, mich zu entschuldigen, und anzubieten, die Wunden zu heilen. Alles andere würde für die Gesellschaft bedeuten, dass sie kontinuierliches Übel in ihrer Mitte willkommen heißt – genau die Art von Situation, in der wir leben und in der ein Mörder in Uniform mit Auszeichnungen dekoriert wird.
Dass es kein Eigentum gebe; aller „Besitz“ sei lediglich Anhaftung des Ego.
- Falsch! Nicht-Anhaftung ist kein Ergebnis von Besitzlosigkeit, sondern von seinem Eigentum nicht besessen zu sein.
- Alle Naturrechtszuwiderhandlungen sind Angriffe auf Eigentum oder Besitz eines Anderen und eine Form von Diebstahl.
- Ohne das korrekte Verständnis von Eigentum (am eigenen Körper und den Früchten deiner Arbeit) kannst du Objektive Moral nicht verstehen und wirst sowohl zum Opfer als auch zum Täter von Verstößen gegen das Naturrecht.
Dass das Ego ausgeschaltet werden muss.
- Falsch! Das Ego ist ein notwendiger Bestandteil des Menschen, ohne den wir nicht wüssten, wo wir das Essen hineinschieben müssen, wenn wir Hunger fühlen. Das Ego sollte lediglich an seine richtige Stelle verwiesen werden.
- Ohne das Ego kannst du Objektive Moral nicht verstehen und wirst sowohl zum Opfer als auch zum Täter von Verstößen gegen das Naturrecht.
- Spannenderweise stammt die Forderung aus dem Fundus einer gottlosen Religion, die das Ego wie einen rachsüchtigen Gott zu beschwichtigen versucht und keinerlei „negativen“ Gefühle, Gedanken oder Aussagen zulassen will. Die Motivation, das Ego loszuwerden, drückt im Grunde den Wunsch aus, von jeglichem Unwohlsein verschont zu sein. Dialektik im Reinformat, die Krieg gegen „Negativität“ führt.
Dass man sich nicht ärgern solle! Keine Gewalt bitte!
- Wenn du dich nie ärgerst, schaust du nicht genug hin bzw. bist unachtsam. Ärger ist eine gesunde Reaktion auf die vorsätzliche Beeinträchtigung unserer Natürlichen Rechte (=Ungerechtigkeit). Sie wird notwendig, wenn wir zusätzliche Kräfte mobilisieren müssen, um einen Übergriff abzuwehren, etwa durch Notwehr.
- Notwehr ist keine Gewalt. Sie ist eine legitime Haltung gegenüber jemand, der einem Schaden zufügen will. Entgegen der Behauptung deines Schullehrers oder von New-Agern kommt es darauf an, wer anfängt Schaden zuzufügen (zu initiieren). Wenn man Notwehr ablehnt, erlaubt man dem Bösen, Raum zu greifen. Ich würde diese New-Age-Haltung als eine ganz eigene Variante des Bösen einstufen. Sie beruht auf kognitiver Dissonanz, da die Übergriffe auf jemand höchstes Mitgefühl auslösen, das Opfer aber gleichzeitig nicht aktiv verhindern darf, dieses Leid zu erfahren.
Dass man fest an etwas glauben müsse, dann komme es auch
- „Gesetz der Anziehung“
- Wille und Wunsch bewegen von allein nur eins: uns selbst zum Handeln.
- Alle guten Dinge verlangen nach guten Taten. Ohne gute Taten tut sich nichts von allein. Das ist das Gesetz von Ursache und Wirkung. Wenn wir durch richtige Taten richtige Ursachen gesetzt haben, erhalten wir passende Wirkungen, und die so neu entstandene Situation öffnet Türen zu passenden weiterführenden Möglichkeiten.
Dass „Gedanken und Gebete“ Lösungen seien.
- Motto: Meditieren ist besser als herumzusitzen und nichts zu tun.
- Das Gesetz der Anziehung besagt, salopp gesprochen, dass Gott dem hilft, der sich selbst hilft. Gute Ereignisse geschehen im Zwischenmenschlichen nur, weil gute Taten vollbracht werden. Das folgt aus den universell gültigen Gesetzen des Naturrechts.
- Glückliche Naturereignisse erfolgen ausschließlich aufgrund der physikalischen Naturgesetze. Sie können nicht herbeigewünscht werden.
- Gedanken, Gebete, Rituale und Gespräche sind dann wirksam, wenn sie unser Handeln motivieren oder anspornen, hilfreich zu sein
Dass es nur auf den guten Willen ankomme.
- Auch diese Einstellung ist weit verbreitet. Die zuvor besprochenen Argumente sind schon auf Einiges eingegangen, das auch hier in diesem Fall gilt.
- Guter Wille wirkt erst, wenn er sich in guter Handlung ausdrückt.
- Auch mit gutem Willen begangener Schaden bleibt Schaden und damit ungut.
- Guter Wille sollte durchaus angerechnet werden, wenn eine Handlung hinter möglichen Erwartungen zurückbleibt ohne Schaden anzurichten, etwa bei geringer ausgefallenen Hilfeleistungen oder Geschenken.
- die Folgen einer Handlung bemessen sich nicht nach Absichten sondern nach dem angerichteten Schaden.
Dass man die Vergangenheit ruhen lassen müsse.
- =Weigerung, aus der Vergangenheit zu lernen, um es für die Zukunft besser zu machen.
- Die Übergriffe müssen gestoppt, Wahrheit gesprochen und Schaden behoben werden, damit Vergebung Sinn erhält, ansonsten macht sich das Opfer zum Unterstützter des Täters.
- Denn nur die Einsicht des Täters kann künftige Schäden gleicher Art verhindern.
- Wenn der Täter dem Geschädigten Gehör leiht und Verständnis beweist (Wahrheit zugibt, bereit ist Schaden zu beheben), kann letzterer leichter vergeben. Danach sollte die Schuld tatsächlich ruhen, also nicht mehr vorgehalten werden, damit sozialer Friede wieder einkehrt.
- Die Forderung, jeden Moment, jede Begegnung neu zu erleben, ohne den Ballast der Vergangenheit, kann sich nur auf den ersten Schritt des Triviums, die Beobachtung, beziehen. Es heißt nicht, dass erkannte universelle Prinzipien negiert werden. Prinzipien müssen mit Bezug auf die jungfräuliche Beobachtung angewendet werden, um etwas für die Zukunft zu erreichen.
- So zu tun, als wisse man rein gar nichts aufgrund vergangener Beobachtungen wäre so, als ob man über den Rand einer Klippe wanderte, weil man noch nie von den Effekten der Schwerkraft auf fallende Körper gehört hätte.
Dass es keine absolute Wirklichkeit gebe, nur individuelle Sichtweisen bzw. Realitäten, die man einfach gelten lassen muss. Es gebe daher keine objektive Moralität. Es gebe logischerweise auch kein „muss“ oder „soll“.
- Verleugnung dessen was ist, während man sich gleichzeitig ins „So-Seiende“, das „Jetzt“ fallen lassen will. Das schließt sich gegenseitig aus.
- Die solipsistische Vorstellung, dass man sich der Wirklichkeit nicht sicher sein kann und es sie wahrscheinlich gar nicht gibt, führt letztlich zu Verhaltensextremen, denn jeglicher Maßstab wird verneint bzw. wäre sowieso haltlos.
- Selbst Christen verfallen diesem satanistischen Trick, der Gottes Ordnung leugnet. Jesus spricht ganz klar von der Wahrheit und dass erst ihre Kenntnis uns frei macht (Joh 8:32), und dass ER das Licht der Welt ist. Hier ist kein Spielraum für individuelle Realitäten. Entweder man erkennt diese Wahrheit oder eben nicht, woraufhin man leichte Beute für alle Arten von Verführung und Irreführung wird.
Im New-Age-Denken kommen Ignoranz, Apathie, Feigheit und Faulheit zusammen und erzeugen falsches Handeln. Diese sind Bestandteile des De-facto-Satanismus. Die Bezeichnung „moderne Esoterik“ ist also völlig falsch, außer man benutzt das Wort in seiner vulgären Bedeutung des Abgehoben-Verschrobenen statt der auf einen kleinen Kreis gerichteten Botschaft.
Literatur
- New Age Bullshit and the Suppression of the Sacred Masculine, Extended / Mark Passio, 2013
- The Snipers are the Lucky Ones / Charles Eisenstein. – Substack, 28.9.2024
