Utilitarismus, von lat. utilis, nützlich, ist die Erhebung der Nützlichkeit zum Prinzip des Lebens und der Lebensführung; in der Ethik die besonders in England (J. Bentham, J. Stuart Mill) entstandene Lehre, dass die sittliche Qualität menschlicher Handlungen nur von ihrer Nützlichkeit oder Schädlichkeit und somit von ihren Folgen abhängt… Der Nutzen der Folgen bemisst sich nach dem Quantum an Glück… Ziel ist das größtmögliche Glück der größten Zahl [Aristoteles’ Eudaimonie]. – Brockhaus 1986
Der Unterschied zur objektiven Moralität laut dieser Definition ist das Ziel moralischen Handelns und die Bemessung des Nutzens. Das Ziel im einen Fall ist Glück, im anderen Fall die Moralität selbst. Im einen Fall genügt es, die Mehrheit maximal zufriedenzustellen, im anderen Fall wird das Wohlergehen jedes Einzelnen erstrebt. Im einen Fall schaut man nach dem relativen Nutzen, im anderen zählt nur Richtig oder Falsch.
Kant nannte die utilitaristische Haltung Eudämonismus und kritisierte sie scharf. Zwar sei das Streben nach Glück allen Menschen zu eigen, aber dieses Ziel sei nie zu erreichen, weder für den Einzelnen noch für die Menschheit. Glück sei es, seine Pflicht zu erfüllen, also moralisch richtig zu handeln, einfach weil es richtig sei, nicht zum Zwecke der Glückserzeugung, wie die Eudämonisten (Utilitaristen) meinen. Kant sah in deren Haltung den Tod der Moral.
Ayn Rand, als eine populäre moderne Vertreterin der utilitaristischen Moral, die sie selbst als Objektivismus bezeichnete, sah im Eigennutz den Motor menschlichen Strebens. Im Altruismus erkannte sie dem gegenüber die Gefahr der Kollektivierung. Moral könne nur ein Ergebnis rationalen Selbstinteresses sein. Gute Beziehungen zu Mitmenschen sind der Schlüssel zu Sicherheit und Wohlergehen.
Insofern die Ratio die universellen Gesetze einzubeziehen in der Lage ist, hat eine solche Philosophie durchaus große Schnittmengen mit der objektiven Moralität. Es ist tatsächlich in jedermanns bestem Interesse, anderen fühlenden Wesen keinen Schaden zu initiieren, denn dieser wirkt auf mannigfaltige Weise auf den Verursacher zurück. Aber so weit denken die wenigsten, und noch weniger sind sich dieser Zusammenhänge überhaupt bewusst. Selbst genügende Einsicht vorausgesetzt stellen sich einige Fragen:
- Was, wenn ich erst einmal Opfer bringen muss, dh. es mir nicht unmittelbar nützt? Tu ich es dann trotzdem?
- Was, wenn es zu spät ist? Tu ich es dann trotzdem?
- Was, wenn mein Beitrag vernachlässigbar ist? Tu ich es dann trotzdem?
- Was, wenn niemand mein rechtes Handeln sieht? Tu ich es dann trotzdem?
Denn was nützt dann mein rechtes Handeln?
Wir sehen sowohl durch die philosophische Hinterfragung als auch in der gelebten Praxis, dass die Rechnung des Utilitarismus nicht aufgeht. Eine auf Egoismus basierende Haltung verliert den Nächsten aus dem Blick. Utilitarismus ist kein echtes Prinzip, weil ich mich immer noch an mir und meinem Vorteil ausrichte, und wenn es keinen Vorteil gibt, oder einen vermeintlichen Nachteil, pfeife ich dann auf rechtes Handeln? Was bedeutet „Recht“ dann eigentlich? Was gibt dir das Recht auf Leben? Was gibt dir das Recht auf Freiheit? Was gibt dir überhaupt irgendein Recht? Warum sollte ich dir nicht die Lampen ausblasen, wenn mir das Vorteile verspricht und ich dafür nicht geradestehen muss?
Das Wort Prinzip leitet sich aus dem lat. principium ab und bedeutete Anfang, Ursprung, Grund(lage), erste Stelle, Vorrang. Sich selbst und dem eigenen Nutzen diese Stelle einzuräumen, ist ein Akt der Rebellion gegen die tatsächlich ersten Dinge, die vor mir da waren, insbesondere jene, die diese Welt geschaffen haben. Utilitarismus als Ausdruck eines Nutzkalküls stellt die Dinge auf den Kopf. Treibt man seine Prämissen auf die Spitze, landet man bei der Vorstellung, isoliert glücklich sein zu können, und die ist eine Illusion. Wir sind stets Teil eines größeren Ganzen und ohne dieses nicht lebensfähig.
Wahre Moralität ist auf das Wohl des Individuums, des Nächsten gerichtet und damit erst einmal uneigennützig. Deshalb ist Utilitarismus keine gute Grundlage für Moralität. Rechte (also richtige Verhaltensweisen), die sich allein auf das Streben des Individuums nach Glück stützen, sind per Definition Erfindungen des Ego. Da niemand allein existiert und das moralisch Gute im richtigen Verhalten gegenüber dem Nächsten besteht, müssen Rechte mehr beinhalten als die Erfüllung des eigenen persönlichen Glücks. Was dem Utilitarismus abgeht, ist die Begrenzung der eigenen Rechte durch die Rechte anderer.
Gleichermaßen schreiben sich Kollektive das Glück in Form des ‚greater good‘, des Gemeinwohls auf die Fahnen und unterdrücken mit dieser Begründung das Glück des Einzelnen. Da alle Kollektive aus Individuen bestehen, führt auch diese Rechtsauffassung zu Konflikt.
Wenn Ayn Rand schreibt:
Wenn irgendeine Zivilisation überleben soll, müssen die Menschen die Moral des Altruismus ablehnen. – Ayn Rand: Der Streik (1957)
dann ist das korrekt, aber nur die halbe Wahrheit. Denn auch der von ihr propagierte Individualismus ist hochgradig zerstörerisch.
Sowohl der individualistische als auch der kollektivistische Gebrauch des utilitaristischen Arguments – der Nützlichkeit einer Handlung – stellt Eigen-Nutz dar. Eigennutz ignoriert per Definition die Rechte anderer, denn wenn sich das Handeln am Besten für mich und die Meinen ausrichtet, ist nicht notwendig an den Willen und die Rechte der Anderen gedacht. Genau das aber wäre das moralisch Gute.
Alle Rechte beziehen sich auf das Handeln des Individuums im Verhältnis zu anderen Individuen.
An beide Seiten muss gedacht sein. Der Gegensatz zwischen Eigennützigkeit und Altruismus (im Rand’schen Verständnis) stellt eine falsche Dialektik dar; sie sind zwei Seiten derselben Münze. Das sogenannte Gemeinwohl (greater good) ist nur eine gedachte Qualität, nicht eine wirkliche, und ganz sicher gibt es keinen objektiven Maßstab, es zu messen.
Erst wenn der Wille und die Rechte aller von einer Entscheidung Betroffenen berücksichtigt sind, haben wir vom moralischen Standpunkt aus Gutes getan. Erst dann können wir fragen, ob eine Handlung nützlich ist. Die Frage beantwortet sich von selbst: Ja, natürlich, denn der Wille aller ist erfüllt. Alle sind zufriedengestellt. Nützlichkeit ist jedoch kein ausreichendes Kriterium für korrektes Handeln, sondern nur Ziel und Ergebnis des Prozesses, zum Guten zu kommen.
Moralität entsteht nicht aus dem Nutzen; Nutzen entsteht aus moralischem Verhalten.
Nur moralisch richtiges Verhalten ist ein Recht. Die einzige Quelle aller Rechte besteht in dem vom Schöpfer gegebenen universellen Gesetz, das natürliche Recht, und das ist ein Recht, weil es fühlenden Wesen keinen Schaden initiiert.
