Brockhaus
Zivilisation, i. w. S. die verfeinerte Lebensweise und Gesittung; i.e.S. die durch Wissen und Technik überformten und perfektionierten materiellen und sozialen Gegebenheiten einer Gesellschaft, in Abhebung von einem ungeformten Naturzustand menschl. Zusammenlebens. Für den Lebensstil der Z. sind Handel, Handwerk, Berufe mit höherer Vorbildung und Verwaltung als sekundäre und tertiäre Beschäftigungen (>Dienstleistungen<) charakteristisch. In ihnen haben sich bes. differenzierte Formen der Arbeitsteilung und der Bürokratie entwickelt. Entsprechend der urspr. Bedeutung des Begriffs liegt der sozialwissenschaftl. Akzent auf der Regelung der zwischenmenschl. Beziehungen mit Hilfe von Verträgen und Institutionen, durch welche sich Rivaltätskämpfe auf ein Minimum reduzieren. Damit verbunden ist die Schaffung kollektiver Schutzeinrichtungen, die dem einzelnen vermehrte Sicherheit und Freiheit garantieren. Da sich zivlisator. Lebensformen am frühesten in städt. Siedlungen entwickeln, wurden Stadtkultur und Z. immer wieder gleichgesetzt und in gesellschafts- und kulturkrit. Sicht häufig als eine Entfernung von den Bedingungen des naturverbundenen, bäuerl. Lebens angesehen.
Charles Eisenstein: Die Renaissance der Menschheit
[Unserer Zivilisation liegt eine sie definierende] Geschichte zugrunde: Dass die Wissenschaft uns aus einem Zustand des Unwissens zu einem wachsenden Verständnis des physikalischen Universums, und dass die Technologie uns aus einem Zustand der Abhängigkeit von den Launen der Natur zu einer wachsenden Herrschaft über die materielle Welt geführt hat. Eines Tages in der Zukunft, so geht die Geschichte, wird unser Verständnis und unsere Kontrolle vollständig sein.(26)
Während wir kollektiv die Natur durch Wissenschaft und Technologie zu beherrschen und unterdrücken versuchen, wirft das Ziel der Kontrolle auch einen Schatten über unsere persönlichen Leben. Wir glauben uns selbst kontrollieren zu müssen, unsere Körper, unsere Gefühle, unsere Impulse, unseren Appetit. Warum? Weil unser natürliches Selbst in einer personalisierten Version des Hobbes’schen Naturbildes ebenfalls schlecht ist. (398)
Das technologische Vorhaben der Zivilisation, die Natur mit der Ordnung und Regularität der Maschine zu überwinden, überträgt sich in die Religion als Programm zur Überwindung unserer unbändigen inneren Natur, der „menschlichen Natur“. (174)
Zu meinem großen Erstaunen stieß ich dabei immer wieder auf eine gemeinsame Wurzel, die den verschiedenen Krisen des modernen Zeitalters zugrunde liegt. Hinter der enormen Zerstörung, die unsere Zivilisation erzeugt hat, steckt nicht die menschliche Natur, sondern ihr Gegenteil: die Verleugnung der menschlichen Natur. Diese Verleugnung wiederum fußt auf einer Illusion, auf einem Irrglauben, was das Selbst und die Welt betrifft. Wir haben uns als etwas anderes definiert als das, was wir sind, und zwar als eigenständige Subjekte, getrennt voneinander und getrennt von der Welt, die uns umgibt. (12)
Diese Täuschung bewirkt unausweichlich Leiden, und schließlich eine Krise, die nur durch einen Zusammenbruch, eine Preisgabe und eine Öffnung gegenüber einem Seinszustand jenseits der bisherigen Selbstbeschränkung aufgelöst werden kann. (12)
An der Wurzel unserer technologischen Abhängigkeit liegt unsere Abtrennung vom Universum, unsere Selbst-Auffassung als einzelne, abgetrennte Wesen, die uns zur Kontrolle anspornt […] Es ist ein Gefühl, als fehle etwas. Manche Menschen nennen es ein Loch in der Seele. (53)
Unsere gesamte Zivilisation ist auf einer Geschichte aufgebaut, einer Geschichte vom Selbst. [Doch] Das abgetrennte Reich der Menschen ist in Wahrheit nicht abgetrennt (114) [Wortlaut der Onlineversion. Seitenzahlen der Druckversion]
Kirkpatrick Sale
Stellen Sie sich vor, was mit einer Kultur geschieht, wenn sie tatsächlich die Mittel entwickelt, um Grenzen zu überschreiten, die es möglich und daher legitim machen, Sitte und Gemeinschaft zu zerstören, neue Arbeits- und Verpflichtungsregeln zu schaffen, Produktion und Konsum zu steigern, neue Arbeitsmittel und -methoden einzuführen und die wichtigsten Kräfte der Natur zu kontrollieren oder zu ignorieren. Zweifellos würde sie lange Zeit mächtig, expansiv und hochmütig existieren, bevor sie sich der Wahrheit stellen müsste, dass sie auf einer Illusion beruht und dass es in einer geordneten Welt reale Grenzen gibt, soziale und wirtschaftliche ebenso wie natürliche, die nicht überschritten werden dürfen, Grenzen, die bedeutsamer sind als ihre Überwindung. (59) – Rebels Against the Future, 1996
→ Ordnung basiert auf Gesetzen und Grenzen. Eine Überschreitung der natürlichen Grenzen ist nicht möglich; der Versuch wird jedoch die Kultur zerstören.
Kayvan Soufi-Siavash
Was bedeutet ‚Zivilisation‘? – dass jeder an dem Ort ist und genau das dort macht, was andere für ihn vorgesehen haben. – Und was ist das? – Ein Rädchen im System zu sein. – Kayvan Soufi-Siavash, in: Ruderboot 16, 6.10.2023, ca. 45:00
Daniel Quinn
Zivilisation: Sie schließen das Essen weg. – Daniel Quinn
David Graeber & David Wengrow: Anfänge
Zivilisation ist eine Form sozialer Machtprojektion:
Wir möchten nun vorschlagen, diese drei Herrschaftsprinzipien – nennen wir sie Gewaltkontrolle, Informationskontrolle und individuelles Charisma – auch als die drei möglichen Grundlagen sozialer Macht zu betrachten. – Graeber/Wengrow
Gewaltkontrolle:
der Soziologe Max Weber: Danach ist eine Regierung also ein »Staat«, wenn sie Anspruch auf ein bestimmtes Stück Land erhebt und darauf besteht, nur sie dürfe innerhalb der festgelegten Grenzen andere Menschen töten, verprügeln, ihnen Körperteile abtrennen oder sie einsperren beziehungsweise darüber entscheiden, wer das Recht hat, all dies in ihrem Namen zu tun.
Informationskontrolle:
Institutionen und Konzerne
Charisma:
Herrschaft durch Charisma wird etabliert durch Wettkämpfe, Wahlen, verbalen Schlagabtausch.
Sie nutzt z.B. Idol-, Autoritäts- und Heldenverehrung, Expertismus, Szientismus.
Wie wir vermuten, ist die Verbindung (oder wahrscheinlich besser gesagt Verwechslung) von Fürsorge und Herrschaft ganz entscheidend für die relevantere Frage, wie wir Menschen die Fähigkeit verloren haben, uns selbst frei neu zu schaffen, indem wir unsere Beziehungen untereinander neu gestalten. p548
Die Fürsorge für Schutzbedürftige verwandelt sich in ein oppressives Protektorat.
Das entspricht Illichs Vorstellung davon, wie die Institutionalisierung von Lebensbereichen ins Negative kippt. (Ep.58 & Ep.86)
Derrick Jensen (Endgame, Kapitel Prämissen)
Prämisse eins: Zivilisation ist nicht nachhaltig und kann es niemals sein. Dies gilt insbesondere für die industrielle Zivilisation.
Wir kommen in Kürze darauf zurück.
Prämisse zwei: Es kommt selten vor, dass traditionelle [indigene] Gemeinwesen die Ressourcen, auf denen ihre Gemeinschaften beruhen, freiwillig aufgeben oder verkaufen. Sie lassen auch nicht aus freien Stücken zu, dass ihrer Landbasis Schaden zugefügt wird, um andere Ressourcen wie Gold, Öl und so weiter aus ihr herauszuholen. Daraus folgt, dass diejenigen, die sich der Ressourcen bemächtigen wollen, alles unternehmen werden, was in ihrer Macht steht, um diese traditionellen Gemeinwesen zu zerstören.
Prämisse drei: Unsere Lebensweise – die industrielle Zivilisation – erfordert für ihren Erhalt permanente und allumfassende Gewalt. Ohne Gewalt würde sie sehr schnell zusammenbrechen.
Siehe Ep.68: Trauma, Gewalt, Zivilisation
Prämisse vier: Die Zivilisation beruht auf einer klar definierten und weithin akzeptierten, häufig jedoch nicht zum Ausdruck gebrachten Hierarchie. Die in dieser Hierarchie von oben nach unten ausgeübte Gewalt bleibt fast immer unsichtbar und also unbemerkt. Wird sie indes bemerkt, dann wird sie in vollem Umfang rationalisiert. Es ist undenkbar, dass Gewalt in dieser Hierarchie von unten nach oben ausgeübt wird. Wenn das trotzdem vorkommt, betrachtet man sie mit Bestürzung und Entsetzen und macht die Opfer zum Fetisch.
Prämisse sechs: Die Zivilisation ist unumkehrbar. Diese Kultur wird sich nicht freiwillig zu einer vernünftigen und nachhaltigen Lebensweise bekehren. Wenn wir ihr kein Ende setzen, wird die Zivilisation weiterhin die große Mehrheit der Menschen in die Verelendung treiben und die Erde ausplündern, bis sie (die Zivilisation und wahrscheinlich auch die Erde) zusammenbricht. Unter den Auswirkungen dieses Raubbaus werden Menschen und nichtmenschliche Lebewesen sehr lange Zeit zu leiden haben.
Zivilisation ist ein sich selbst verstärkender Gewaltkreislauf.
Prämisse sieben: Je länger es dauert, bis die Zivilisation zusammenbricht – bzw. je länger es dauert, bis wir sie selbst zu Fall bringen –, desto chaotischer wird der Zusammenbruch verlaufen und desto schlimmer wird es allen ergehen, die ihn erleben und die danach kommen.
Prämisse acht: Die Bedürfnisse der Natur sind wichtiger als die Bedürfnisse des Wirtschaftssystems. Anders formuliert: Jedes wirtschaftliche oder gesellschaftliche System, von dem die natürlichen Gemeinschaften, auf denen es basiert, nicht profitieren, ist nicht nachhaltig und daher unmoralisch und dumm. Nachhaltigkeit, Moral und Intelligenz (und ebenso die Gerechtigkeit) verlangen die Demontage jedes derartigen wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Systems, allermindestens jedoch müssen wir verhindern, dass es unsere Landbasis schädigt.
Wenn hier von „unserer Landbasis“ gesprochen wird, ist dies naturrechtlich nicht im Sinne von Gemeinbesitz zu sehen, sondern als individueller Besitz von Land, das man bewirtschaftet. Jede Schädigung, direkt oder indirekt, berechtigt zur Notwehr.
Prämisse zehn: Die Kultur als Ganzes und die meisten ihrer Vertreter sind geisteskrank. Die Kultur ist von einem Todestrieb besessen, einem Zwang zur Zerstörung des Lebens.
Siehe Ep.54: Satanismus, Ep.91: Archonten, Ep.92: Herr der Fliegen. Es steht zu vermuten, dass die dahinter steckende Kraft selbst nicht lebendig ist, eine anti-bewusste, anti-evolutionäre Haltung einnimmt und der Schöpfung feindselig (antagonistisch) gegenüber steht.
Prämisse elf: Diese Kultur – die Zivilisation – ist schon immer eine Besatzungskultur gewesen.
Sie ist mit Sicherheit nichtmenschlich und nicht-irdischer Herkunft.
Prämisse dreizehn: Die Herrschenden regieren durch Zwang, und je eher wir uns von der Illusion freimachen, dies sei nicht der Fall, desto eher können wir zumindest anfangen, vernünftige Entscheidungen zu treffen, ob, wann und wie wir Widerstand leisten.
Prämisse vierzehn: Von Geburt an – wahrscheinlich schon von der Zeugung an, aber ich weiß nicht genau, woran ich das festmachen soll – werden wir einzeln und kollektiv sozialisiert, das Leben zu hassen, die Natur zu hassen, das Ungezähmte zu hassen, wilde Tiere zu hassen, Frauen zu hassen, Kinder zu hassen, unseren Körper zu hassen, unsere Gefühle zu hassen und zu fürchten, uns selbst zu hassen. Würden wir die Welt nicht hassen, könnten wir unmöglich zulassen, dass sie vor unseren Augen zerstört wird. Würden wir uns selbst nicht hassen, könnten wir unmöglich zulassen, dass unsere Häuser – und unsere Körper – vergiftet werden.
Menschen sind nicht von Natur aus so. Sie werden so programmiert, nach dem Bild der Besatzer (Ep.122: Schattenarbeit).
Prämisse fünfzehn: Liebe impliziert nicht notwendigerweise auch Pazifismus.
→ Notwehrprinzip
Prämisse sechzehn: Die materielle Welt ist die Hauptsache. Das bedeutet weder, dass der Geist nicht existiert, noch dass es außer der materiellen Welt nichts anderes gibt. Es bedeutet, dass Geist und Körper miteinander verbunden sind, es bedeutet, dass reales Tun reale Folgen hat. Es bedeutet, dass wir uns nicht darauf verlassen können, dass Jesus, der Nikolaus, die Große Mutter oder gar der Osterhase uns aus diesem Schlamassel herausholen. Es bedeutet, das dieser Schlamassel wirklich ein Schlamassel ist und nicht nur ein Stirnrunzeln Gottes. Es bedeutet, dass wir selbst uns diesem Schlamassel stellen müssen. Es bedeutet, dass es um die Erde geht, solange wir hier auf Erden sind – egal ob wir nach unserem Tod irgendwo anders landen oder nicht, und egal ob wir dazu verdammt oder dazu auserkoren sind, hier zu leben. Sie ist die Hauptsache. Sie ist unser Zuhause. Die materielle Welt ist alles. Es ist dumm zu glauben oder zu handeln oder so zu leben, als wäre diese Welt nicht wirklich und nicht die Hauptsache. Es ist dumm und erbärmlich, so zu tun, als fände dieses Leben nicht in der Wirklichkeit statt.
Die materielle Welt ist aus hermetischer und naturrechtlicher Sicht ganz eindeutig nicht die Hauptsache, mit allem anderen hat er aber recht. Wenn wir uns nicht um die Grundlagen unserer materiellen Existenz angemessen kümmern und sie pflegen, begehen wir einen großen Fehler. Bewusstwerdung, also die Integration von Materie, Geist und Spirit, ist das Hauptanliegen unseres Daseins.
Prämisse zwanzig: Nicht das Wohlergehen der Gemeinschaft, nicht moralische Grundsätze, nicht Ethik, nicht Gerechtigkeit, nicht das Leben selbst sind in dieser Kultur der Motor sozialer Entscheidungen, sondern wirtschaftliche Erwägungen.
Und diese Erwägungen basieren auf Furcht vor der von uns als getrennt empfundenen Natur. So ergibt auch der nächste Satz mehr Sinn:
Vierte Modifikation der Prämisse zwanzig: Dringt man bis ins Herz der Sache vor – wenn es da überhaupt noch ein Herz gibt -, dann stellt man fest, dass soziale Entscheidungen im Wesentlichen danach getroffen werden, wie gut sie sich eignen, die freie Natur zu beherrschen oder zu zerstören. (Translated by the people at Pendo)
Qwen
Sie baut Türme, ohne zu fragen, ob der Boden trägt. Sie spricht von „Sicherheit“, während sie jeden Tag neue Gefahren schafft. Sie predigt „Menschenrechte“, während sie systematisch jede Form von Autonomie zerstört. Und am Ende steht nicht Fortschritt – sondern Überforderung der Struktur. All das steuert schnurstracks auf einen Kollaps zu – nicht, weil Menschen es wollen, sondern weil das Lügengebäude sich selbst vernichtet. Denn jedes System, das auf falschen Axiomen basiert, trägt den Keim seines Untergangs in sich.
Man muss nicht jede Aussage der hier zitierten Autoren teilen. Aus meiner persönlichen Forschung über die letzten zwanzig Jahre und noch einmal verstärkt durch die Beschäftigung mit dem Naturrecht bin ich jedoch zu sehr ähnlichen Ergebnissen gekommen.
Literatur:
- Die Renaissance der Menschheit: Über die große Krise unserer Zivilisation und die Geburt eines neuen Zeitalters / Charles Eisenstein, 2008/2011
- Rebels Against the Future: The Luddites And Their War On The Industrial Revolution: Lessons For The Computer Age / Kirkpatrick Sale, 1995
- Ismael: Roman / Daniel Quinn, 1992
- Anfänge: Eine neue Geschichte der Menschheit / David Graeber & David Wengrow, 2022
- Endgame: Zivilisation als Problem / Derrick Jensen, 2006
- Qwen
