Wer nicht einfach leben kann, kann einfach nicht leben.
Das Wort einfach ist oft zu hören, aber manchmal ist einem nicht bewusst, dass es in völlig verschiedenen Bedeutungen benutzt wird. Du musst einfach nur…, Es ist ganz einfach zu bedienen, Sie hat ein einfaches Gemüt, Einfach oder mit Rückticket?, Dein Leben war nicht immer einfach
einfach= einmalig (statt mehrfach), schlicht (ungekünstelt), bescheiden (anspruchslos), mühelos, unkompliziert (geradlinig)
Der Ausdruck einfaches Leben kann also mehrere Bedeutungen haben:
- als generelle Haltung präsent und auf eine Sache fokussiert zu sein, statt mehrere Dinge gleichzeitig zu tun;
- man selbst zu sein, statt eine Rolle zu verkörpern;
- zu sein statt zu werden;
- das Sein so zu nehmen, wie es kommt, statt Ansprüche zu stellen;
- Besitz und Zwischenmenschliches auf das Wesentliche zu reduzieren;
- sich so zu verhalten, dass man kein Chaos erzeugt;
- es sich leicht zu machen.
All diese Dinge machen das Leben weniger kompliziert.
kompliziert= (lat. complicare = falten, einwickeln) schwierig, verwickelt, iSv nicht auf Anhieb durchschaubar, zB Uhrwerk, Satzbau
Kompliziert sollte nicht mit komplex gleichgesetzt werden:
komplex= (lat. complexus = Umfassung, Verflechtung, Verknüpfung) zusammenhängend, vielschichtig, iSv unberechenbar wg Rückkopplungen, zB Lebewesen, Ökosysteme, Himmelsmechanik
Die Begriffe, die wir bilden, dürfen und sollten einfach sein. Wenn du einen Aufsatz schreiben musst, um einen Begriff zu erklären, ist wahrscheinlich entweder Deine Beschreibung an den Haaren herbeigezogen, dh. es gibt eine einfachere Formel, oder Dein Begriff hat mit dem wirklichen Leben wenig zu tun.
Die meisten großen Wahrheiten sind einfach (unkompliziert), und zwar trotz der Tatsache, dass das Universum von den subatomaren Partikeln bis zu Galaxie-Megaclustern, von Lichtwellen bis zum Zitronensäurezyklus unglaublich vielgestaltig und komplex aussieht.
Wenn Wissenschaftler hochkomplizierte Zusammenhänge erläutern, müssen sie immer wieder auf die menschliche Ebene zurückkehren, um zu erklären, was es bedeutet. Letztlich findet man heraus, das Wissen der Großmutter hätte ausgereicht, aber nun hat man den „Beweis“, dass Einsamkeit krank macht, Fehlernährung das Denken beeinträchtigt, eine natürliche Umgebung das Wohlbefinden erhöht usw.
Das Wissen um andere Ebenen der physischen Existenz bringt uns nicht viel weiter. Es ändert vor allem nichts an den grundsätzlichen Fragen des Lebens: Wie man richtig lebt. Die Antworten bleiben dieselben.
Warum? Wir leben nicht auf der Ebene der Atome, elektrischen Ströme oder biochemischen Vorgänge, sondern haben im Naturzustand nur unsere sinnliche Wahrnehmung und den Verstand. Einfaches Leben dreht sich um das, was mit unseren Bordmitteln wahrzunehmen ist, nicht um das, was sein sollte oder könnte.
Leben (sowohl überleben als auch gutes Leben) ist von der Zeugung bis zum Tod ohne technische oder organisatorische Mittel möglich, wie Milliarden Menschen in der Geschichte bewiesen haben. Die komplexen Systeme von Wirtschaft, Politik, Religion, Wissenschaft und Technologie sind so unnötig wie die Abhängigkeit der meisten Menschen von ihnen.
Damit predige ich nicht ein Zurück-auf-die-Bäume, sondern weise darauf hin, dass auch in der modernen Welt alle scheinbar komplizierten menschlichen Probleme gelöst werden können, indem man sie auf wesentliche Fragen zurückführt und mit seinen geistigen Mitteln untersucht. Das gilt insbesondere für die ganz großen Fragen des Daseins. Dem stehen lediglich innere Haltungen wie Ignoranz und Apathie (mangelnder Wille) im Wege.
Ein anderes Wort für Geist ist Spirit. Einfaches Leben ist ein Kernaspekt spiritueller Weisheit. Bewusste, sogenannte ‚freiwillige Armut‘ sowie die ihr entsprechende geistige Simplizität, wie sie durch die Jahrtausende von Mystikern gelebt und von Philosophen propagiert wurde, kann wertvolle Hilfe leisten, den verwirrenden Ballast von Pflichten, Anforderungen, Bedingungen usw. abzuwerfen, die Scheinrealität vermeintlich komplizierter Sachverhalte aufzulösen, die Illusion von Wohlstand, Sicherheit und Fortschritt als solche zu erkennen.
In der christlichen Tradition nennt man das Askese. Häufig verbinden Menschen damit ein Leben selbst-kasteiender Entsagung religiöser Fanatiker, aber das wird dem Wesen der Askese nicht gerecht. Ihre eigentliche Natur gleicht dem Ausmisten eines vollgestopften Zimmers, damit man wieder klar sieht und Platz hat, sich auszubreiten.
Freiwillige Armut ist nur ein möglicher äußerlicher Aspekt einfachen Lebens. Wenn sie nicht aus tiefster innerer Überzeugung angenommen worden ist, kann sie nur der erste Schritt hin zu einer solchen Überzeugung sein. Ein einfaches Leben zu führen ergibt keinen Sinn, wenn Du den Verzicht auf Annehmlichkeiten und Überfluss als Opfer betrachtest. Einfaches Leben, aus einem inneren Bedürfnis angestrebt, ist kein Kampf gegen Gelüste, sondern eine Befreiung aus der Sucht nach Lustbefriedigung. Es geht um die Entdeckung, dass Dein nacktes Selbst ganz gut ohne Externalitäten zurecht kommt, und dass diese Dich möglicherweise zu sehen gehindert haben, was Dir wahrlich wichtig ist im Leben. Mit der äußeren Reinigung geht eine innere einher, eine des Geistes, und diese nennt man Katharsis.
Im Licht der Entdeckungen, die Askese und Katharsis ermöglichen, erhältst Du einfache Antworten auf Deine Fragen – und auch die Kraft, zur Wahrheit, zu Dir selbst und zum Guten zu stehen, selbst wenn das bedeutet, gegen Traditionen, Sitten und Gesetze zu verstoßen.
Ein-fach
Das Universum ist Teil des ALLs, ein Kontinuum mit unterschiedlich verteilter Energie bzw. Bewusstsein. Wo wir Grenzen setzen, um „Dinge“ zu beschreiben ist willkürlich, aber wenn wir unsere Kategorien vernünftig definieren und in korrekte Beziehung zu einander stellen, haben wir ein Weltbild, das gut genug ist, uns zu tragen, auch wenn es relativ einfach aussieht.
Warum? Gerade weil es sich um ein Kontinuum handelt und somit die Regel gilt: Was hier ist, ist auch dort; in anderer Dichte und Qualität vielleicht, aber doch vom selben Holz. Daher können wir sagen: Wie oben so unten, oder wie innen so außen, und umgekehrt.
Selbst diese Erkenntnis, die aus Erfahrung erwächst, ist noch zu kompliziert. Im Grunde gibt es kein Dich und Mich, kein Oben und Unten, kein Gestern, Heute und Morgen. Es gibt nur Existenz.
Um das zu verstehen, muss man jedoch die Welt der Dualität erkunden und auskosten. Dazu sind wir hier, bevor wir zurückkehren ins All-Eine.
