Episode 133: Hass – eine missverstandene Emotion

Hass ist neben Liebe die am meisten missverstandene Emotion bzw. Haltung. Der Zusammenhang wird verständlich, wenn man sich vergegenwärtigt, dass Liebe und Hass einer gemeinsamen Polarität angehören, die sich zwischen einer liebenden Verschmelzung und Furcht in der völligen Separation erstreckt.

Als Emotion (lat. exmovere: hinaus-, wegschaffen, entfernen, erschüttern) sind Liebe und Hass Energien, die wir abzureagieren, also loszuwerden versuchen. Als Haltungen sind sie Teil eines Weltbilds des Einsseins resp. der Separation.

Brockhaus: Hass [ahd. haz, eigtl. »Leid«], intensives Gefühl der Abneigung und Feindseligkeit gegen Personen oder soziale Gruppen, im Ggs. zur Liebe. Hass kann sich bis zum Vernichtungswillen steigern; dabei werden Motive und Eigenheiten des Gehassten nicht mehr wahrgenommen; insofern wird derHass vom »gerechten« Zorn unterschieden. Aus oft unangemessenem Anlass kann sich eine hasserfüllte Gestimmtheit in einen akuten Hass-Ausbruch steigern. Die oft unbewussten Motive (Angst, verletztes Selbstgefühl, Indoktrination, Umschlagen von Liebe in Hass-Liebe als Ambivalenz) können bewusst gemacht und in einem Prozess der Selbstaufklärung seelisch verarbeitet werden.

Hass ist eine extreme Form von Furcht. Er ist keine erstrebenswerte Emotion, aber ein natürliches letztes Mittel, alle Kraft zusammenzunehmen und sich aus Bedrängnis zu befreien. Die Herkunft des Wortes sagt es bereits: Er hat mit Leid zu tun: entsteht aus Leid und stellt selbst solches dar. Hass tut weh. Er ist die Reaktion auf ein seelisches Trauma. Er kann einen konkreten Anlass haben, kann aber auch aus Dauerstress entstehen. Hass, ebenso wie Liebe, können auch Tiere empfinden.

Genau wie jede andere Emotion kann sich Hass unbewusst als eine Haltung verstetigen, die keinen vernünftigen Anknüpfungspunkt oder Auslöser mehr braucht, um ausagiert zu werden, und daher häufig unangemessen ist. Da der Hass aus hoffnungslosen Lagen entspringt, ist das bei ihm sehr viel wahrscheinlicher als bei anderen Emotionen, wenn er erst einmal entstanden ist.

Fremdenhass ist kein Hass, außer für diejenigen, die tatsächlich von Fremden bedrängt worden sind, sondern es handelt sich um Verachtung oder Neid.

Sog. Hassrede hat mit Hass nichts zu tun. Hier wird schlicht jede ablehnende, abfällige oder abschätzige Meinungsäußerung in eine Kategorie gepackt und mit einem Etikett versehen, das garantiert Missbilligung auf sich zieht. Niemand findet Hass toll, nicht einmal jene, die tatsächlich oder vermeintlich hassen.

Noch vor all zu langer Zeit sagte ich mit Nachdruck: „Ich hasse die deutsche Kultur“. Damit meinte ich natürlich keineswegs Mozart, Schopenhauer, Droste-Hülshoff oder Dürer, die mir nichts als Freude angetan haben, sondern den deutschen Ungeist des vorauseilenden und des Kadaver-Gehorsams, des Denunziantentums, der selbsternannten Polizisten und Blockwarte, der Moralisierer und Korinthenkacker, die alles Böse im Anderen suchen und ihre Menschlichkeit vergessen. Es gibt aber auch die andere Seite, mit großartigen Künstlern, Denkern, Mystikern oder einfach lieben Menschen. Und die musste ich lernen zu sehen.

Hass differenziert aber nicht, weil er eine Form der Furcht ist, und Furcht den Geist verschließt, Liebe behindert oder sogar verunmöglicht. Er verwischt alle Unterschiede, packt alles in eine Schublade und verabscheut deren gesamten Inhalt, dh. er erzeugt Packmentalität. Wir gegen die.

Alle Gruppen sind jedoch unkonkret. Sie sind keine Wesen, besitzen weder Gedanken noch Gefühle oder Emotionen. Gruppen handeln nicht. Individuen tun all das. Nur Individuen unterliegen den Gesetzen der objektiven Moralität, und es sind ihre Handlungen, nicht sie selbst, die gut oder böse sind.

Das undifferenzierte Um-sich-Schlagen, noch dazu verbunden mit Vernichtungswillen gegen das Objekt des Hasses, ist also keine Notwehr und damit ungerecht und damit moralisch falsch. Aber das kann man in dem Moment nicht sehen. Hass macht blind.

Wie der Brockhaus richtig schreibt, ist dem Hass nur durch Bewusstwerdung „in einem Prozess der Selbstaufklärung“ zu beenden, indem seine Motive entdeckt und seine Ursachen beseitigt werden. Diesen Prozess nennt man u.a. Schattenarbeit oder auch Mindfulness, oder er wird therapeutisch mit verschiedenen psychologischen Methoden angeleitet.

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