Episode 134: Glück – was soll das sein?

Jemand ist glücklich.

Jemand hat Glück gehabt.

Jemand hat sein Glück gefunden.

Jemand hat sein Glück gemacht.

Jemand ist glücklich gemacht worden.

Etwas ist Glückssache.

Was ist eigentlich Glück?

Definition:

Glück [ist die] komplexe Erfahrung der Freude angesichts der Erfüllung von Hoffnungen, Wünschen, Erwartungen, des Eintretens positiver Ereignisse, Eins-Sein des Menschen mit sich und dem von ihm Erlebten. Glück beinhaltet sowohl günstige Fügung der Geschehnisse, des Schicksals (Glück haben) als auch den Zustand des Wohlbefindens, der Zufriedenheit mit dem eigenen Leben (glücklich sein). In dieser Vielschichtigkeit ist Glück ein zentraler Begriff in Philosophie, Psychologie und Theologie sowie im sozioökonomischen Bereich.

Die Erfahrung der Abwesenheit von Glück (Un-Glück) [macht es zum Gegenstand einer Sehnsucht,] die mit Sinnerfüllung des Lebens assoziiert wird. Insofern kann Glück als das höchste Gut gelten, um dessentwillen alles Handeln letztlich erfolgt. – Brockhaus 1986

Wortherkunft:

Glück, vom mhd. gelücke = Schicksal, Geschick; neutrale Bedeutung (Ausgang zum Guten oder zum Schlechten), Gottes Wille. Erst im Spätmittelalter fokussiert sich die Bedeutung auf den günstigen Ausgang. Damit geht die Verwendung im Sinne eines Zustandes starker innerer Befriedigung und Freude einher. (nach Pfeifer, Etymologisches Wörterbuch des Deutschen).

Demokrit: „Mut steht am Anfang des Handelns, Glück am Ende.“

Platon zufolge ist Glück eine Idee oder Einsicht, die nur aus Weisheit und Tugend entspringt. Es setzt also den bewussten Menschen voraus.

Aristoteles spricht von eudaimonia (guter Geist / gute göttliche Begleitung), einem guten gedeihlichen Leben unter göttlichem Beistand. Gemeint war jedoch nicht reiner Zufall oder göttliche Willkür (eutychia = gutes Schicksal), und auch nicht das tiefe Glücksgefühl (chara = Freude, Heiterkeit) oder die Glücksemotion (hedone = Lust, Wohlgefühl)

Eudaimonia meinte das erfolgreiche Gelingen menschlichen Handelns. Das bezog sich auf das Zusammenleben und schloss materiellen Besitz ein. Eudaimonia ist nach Aristoteles„der Sinn des menschlichen Daseins.“ Aber: „Wahres Glück besteht darin, seinen Geist frei zu entfalten“, „tugendhaft zu sein“ und „erfolgreich zu handeln“.

Cicero nennt felicitas (Gelingen, Segen, ~eudaimonia) als eine der vier Tugenden eines Generals und Ziel eines vernünftigen Lebens. Glück verstand er nicht als Zufall (dafür gab es ein anderes Wort: fortuna = Schicksal, ~eutychia), sondern als Ergebnis tugendhaften Lebens. Für Lust- und Wohlgefühl gab es das Wort voluptas (~hedone).

Im Altertum hat man begrifflich also präzise zwischen glücklicher Fügung, gutem Gelingen, Freude und Glücksgefühl unterschieden. Es gab verschiedene Wörter dafür.

Das deutsche Wort Glück kann also zusammenfassende folgende Bedeutungen haben:

  • eutychia/fortuna: durch unkontrollierte Kräfte (z.B. Zufall, Gott) herbeigeführte günstige Umstände;
  • eudaimonia/felicitas: das gute Ergebnis rechten Handelns (objektiv messbar);
  • chara/gaudium: (Herz-) Gefühl der Freude, die aus dem Wesen kommt; (Seinszustand);
  • hedone/voluptas: Wohl- „Gefühl“ i.e. die positive Emotion der Befriedigung, die aus dem Wechsel komm (bedingte Lust, subjektiver Eindruck).

Wenn man die glücklichen Umstände richtig nutzt, kann man ein Unternehmen zu einem glücklichen Ausgang führen. Das geht oft mit einem tiefen freudigen Glücksgefühl einher, und dem oberflächlichen Genuss von Glück. Selbst wenn all das mit demselben Wort bezeichnet wird, sollte man nicht äußeres Gelingen mit rechtem Handeln verwechseln oder Lustbefriedigung mit Lebenssinn. Der massiv beschleunigte Sprachwandel der letzten Jahrzehnte richtet hierbei großen Schaden an.

Die amerikanische Unabhängigkeitserklärung (1776) spricht beispielsweise von „pursuit of happiness“ (Streben nach Glück) als gottgegebenes unveräußerliches Menschenrecht. Es wurde darauf hingewiesen, dass es eigentlich „protection of property“ (Schutz des Besitzes) heißen müsste, nach John Locke, der „Life, Liberty, and Estate“ (Leben, Freiheit und Besitz) als unveräußerliche Menschenrechte postulierte, die der Staat zu schützen habe. In erster Linie ging es Locke nicht um Streben nach Wohlgefühl (Hedonismus), sondern um Tugend. Jefferson entschied sich hingegen für „happiness“, weil dies als umfassenderer Begriff für die Verwirklichung menschlichen Potenzials verstanden wurde, einschließlich des Rechts auf Besitz und dem Streben nach Tugend – also auch hier ging es nicht um Hedonismus. Der psychologisierte Glücksbegriff im Sinne des vom Brockhaus genannten Freudengefühls ist hingegen eine Entwicklung des 20. Jahrhunderts und macht aus dem ursprünglichen amerikanischen Tugendanspruch die staatlich unterstützte Jagd nach hedonistischer Befriedigung.

Ein sehr problematisches Verhältnis geht dieses neuere Glücksverständnis mit der von Jeremy Bentham (1748–1832) und später Ayn Rand (1905–1982) propagierten utilitaristischen Idee ein, die Moralität am persönlichen Streben nach Vorteilen und dem größtmöglichen Nutzen für die Mehrheit festmacht. Das Streben nach Glück wird dadurch zu einem hedonistischen Unterfangen des Einzelnen bzw. zum Kalkül eines Kollektivs und opfert das Glück des Anderen dem eigenen Streben. Das beginnt bereits, wo Unglück bzw. Leid, Ungerechtigkeit und andere Missstände gewollt übersehen werden, und es führt zu Diebstahl, Unterdrückung und anderem unmoralischen Verhalten.

Wir hören heute häufig: „Das Leben ist da, um glücklich zu sein.“ – Aber:

  • Sowohl Glück als auch Unglück (Erfolg/Misserfolg & angenehme/unangenehme Gefühle) sind notwendig und unvermeidlich Teil des Lebens in der Dualität. Das Eine bedingt das Andere. Das kann nur beendet werden, indem man wunschlos glücklich ist.
  • Wenn dich etwas unglücklich macht, liegt das an deiner Einstellung. (nach Buddha: „Es gibt keinen Weg zum Glück. Glücklichsein ist der Weg“ und Seneca: „Glücklich ist nicht, wer anderen so vorkommt, sondern wer sich selbst dafür hält.“)
  • Dem Glück anzuhaften hindert uns daran, zu sehen, was schief läuft und daraus zu lernen. So sagt z.B. der griech. Komödiendichter Menandros: „Verzage nicht, auch bei allzu großem Leid; vielleicht ist das Unglück die Quelle eines Glücks.“
  • Wer vorrangig nach Glück strebt, ergibt sich dem Hedonismus.
  • Ein wahrhaftiges Leben ist nicht unglücklicher, aber Glück (Wohlgefühl) ist nicht das vorrangige Ziel, sondern ein Nebenprodukt. Kant beispielsweise verdammte den Eudämonismus, wie er das utilitaristische Glücksstreben nannte, weil er die Sittlichkeit als oberstes Handlungsprinzip korrumpiere. (Eudämonismus nicht verwechseln mit eudaimonie, welche ein tugendhaftes Streben bezeichnet.)

Sogenanntes Missgeschick ebenso wie unangenehme Gefühle sind Warnhinweise, die man ernst nehmen sollte.

Wer die inneren Widerstände, Unglücksherde, geistigen Abgründe und Gefühlsvulkane aktiv aufsucht, hat die Entscheidung für wahres Glück und mehr getroffen. Er erkennt die Gründe für sein emotionales, geistiges, körperliches und soziales Ungemach und kann sie beseitigen. Diesen Vorgang nennt man Schattenarbeit.

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