John Steinbeck beschreibt in seinem Roman Früchte des Zorns, wie Landbesitzer die Pächter vertreiben wollen, um das Land den Banken übergeben zu können:
Einige der Eigentümer waren freundlich, weil sie hassten, was sie tun mussten, andere waren wütend, weil sie es hassten, grausam zu sein, und wieder andere waren kalt, weil sie längst erkannt hatten, dass man kein Eigentümer sein konnte, wenn man nicht kalt war. Und alle waren sie in etwas gefangen, das größer war als sie selbst. Einige hassten die Mathematik, die sie antrieb, andere hatten Angst davor, und wieder andere verehrten die Mathematik, weil sie ihnen Zuflucht vor Gedanken und Gefühlen bot. Wenn eine Bank oder eine Finanzgesellschaft das Land besaß, sagte der Eigentümer: Die Bank – oder die Gesellschaft – braucht – will – besteht darauf – muss haben –, als ob die Bank oder die Gesellschaft ein Monster mit Gedanken und Gefühlen wäre, das sie in seine Fänge genommen hatte. Letztere übernahmen keine Verantwortung für die Banken oder Gesellschaften, weil sie Menschen und Sklaven waren, während die Banken gleichzeitig Maschinen und Herren waren.
Als die Eigentümer später ihre Leute mit Abrissmaschinen schicken, um das Bauernhaus abzureißen, sagt ein Bauer:
„Ich habe es mit meinen eigenen Händen gebaut … Es gehört mir. Ich habe es gebaut. Wenn Sie es zerstören, werde ich mit einem Gewehr am Fenster stehen. Wenn Sie mir zu nahe kommen, werde ich Sie wie ein Kaninchen erschießen.“
Fahrer: „Ich bin es nicht. Ich kann nichts dafür. Ich verliere meinen Job, wenn ich es nicht tue. Und sehen Sie – nehmen wir an, Sie töten mich? Man wird Sie einfach aufhängen, aber lange bevor Sie gehängt werden, wird ein anderer Mann auf dem Traktor sitzen und das Haus abreißen. Sie töten nicht den Richtigen.“
Bauer: „Das stimmt … Wer hat Ihnen den Befehl gegeben? Ich werde ihn suchen. Er ist derjenige, der getötet werden muss.“
Fahrer: „Da irren Sie sich. Er hat den Befehl von der Bank bekommen. Die Bank hat ihm gesagt: ‚Vertreiben Sie diese Leute, oder Sie verlieren Ihren Job.‘“
Bauer: „Nun, es gibt einen Präsidenten der Bank. Es gibt einen Vorstand. Ich werde das Magazin des Gewehrs füllen und in die Bank gehen.“
Fahrer: „Ein Kollege hat mir erzählt, dass die Bank Anweisungen aus dem Osten bekommt. Die Anweisungen lauteten: ‚Sorgen Sie dafür, dass das Land Gewinn abwirft, oder wir schließen Sie.‘“
Bauer: „Aber wo hört das auf? Wen können wir erschießen? Ich habe nicht vor, zu verhungern, bevor ich den Mann getötet habe, der mich aushungert.“
Fahrer: „Ich weiß es nicht. Vielleicht gibt es niemanden, den man erschießen kann. Vielleicht geht es gar nicht um Menschen. Vielleicht ist es, wie Sie gesagt haben, das Eigentum, das das tut.“
Land kann gerechterweise nur in dem Umfang besessen werden, wie ein einzelner Mensch in der Lage ist, zu bewirtschaften. Der Besitz tausender Hektar und der Besitz durch eine juristische Person ist widernatürlich, weil natürlicherweise nur ein Einzelner Verantwortung für einen Gegenstand übernehmen kann, jedoch nur in dem Umfang, zu dem er selbst den Gegenstand schützen, bewahren und bewirtschaften Kann. Der Anspruch auf mehr bzw. durch ein Kollektiv erzeugt Widersprüche und Leid und kann nur durch Gewalt aufrecht erhalten werden. Und das wiederum verlangt die Mitarbeit von Menschen, die solche Ansprüche unterstützen und Gewalt entweder verüben oder sich ihr beugen.
Solche Menschen kreieren eine Opfergesellschaft, in der wir uns alle selbst und gegenseitig zu Opfern machen, während wir mit dem Finger auf „Systeme”, „Prozesse”, „Mechanismen” und „Komplexe” zeigen. Doch keiner dieser Faktoren ist die Ursache für das Elend, das Steinbeck so exemplarisch beschreibt, denn keiner von ihnen würde existieren ohne Menschen, die andere mit unmenschlichen Forderungen konfrontieren, und vor allem ohne diejenigen, die diese Forderungen durchsetzen.
Wenn sich jemand so sehr in die Maschinerie hineinziehen lässt, dass er den Auftrag annimmt, einem anderen sein Lebenswerk zu rauben, hat er ein Problem. Was ist ein Problem? Ein Problem ist eine Frage. Die Frage, die sich ihm stellt, ist jedes Mal dieselbe: Möchte ich als anständiger Mensch in Harmonie leben, oder füge ich einem anderen Schaden zu, nur um mich selbst vor Schaden zu bewahren? – Und die Antwort der Meisten lautet: Ich bin nicht schuld; ich musste es tun; es ist die Schuld dieses bösen Systems, in dem wir leben. Als ob dieses böse System nicht aus Menschen bestünde, die bereit sind, ihren Nachbarn für ihr eigenes Wohlergehen zu opfern. Und genau das ist das alltägliche Böse, von dem Hannah Arendt sprach. Das ist die wahre Dynamik, die hier am Werk ist: Menschen, die sich in erster Linie um sich selbst und die Ihren kümmern und daher nicht bereit sind, für Wahrheit, Tugend und menschliche Anständigkeit einzustehen. „Systeme” sind lediglich eine billige Ausrede. Sie funktionieren nur so lange, wie wir bereitwillig an ihnen teilnehmen.
Es war nicht der Offizier, der den Zivilisten erschossen hat – das war ICH, der Soldat.
Es war nicht der Präsident, der indigene Frauen sterilisiert hat, das war ICH, der Arzt, und die Krankenschwester, die assistiert hat.
Es war nicht der Bankbesitzer, der den Bauern ruiniert hat – ICH war es, der Gerichtsvollzieher.
In Steinbecks Roman zeigte die Waffe ursprünglich auf den Richtigen, nämlich den Traktorfahrer, der tatsächlich versucht hatte, dem Bauern Schaden zuzufügen. Der Bauer hätte das Recht gehabt, den Mann mit allen Mitteln von seinem Grundstück fernzuhalten, insbesondere ihn davon abzuhalten, sein Haus niederzureißen. Bewaffnete Gegenwehr hätte hässliche Folgen gehabt und wäre sicherlich auch tödlich für den Bauern selbst gewesen, wäre aber weitaus gerechter als die fortgesetzte „systematische” Zerstörung von Besitz und Leben, die wir alle initiieren, indem wir uns der Androhung von Gewalt gegen uns selbst im Falle von Ungehorsam beugen.
Zu einem System zu gehören führt nicht automatisch zu systemkonformem Verhalten. Menschen haben in jedem einzelnen Moment die Möglichkeit, Entscheidungen frei zu treffen, gegen die Interessen des Systems und auch gegen ihre eigenen Interessen. Unsere Entscheidungen zählen. Die Gesamtheit aller individuellen Entscheidungen bestimmen den Grad des Wohlergehens einer Gesellschaft. Eine Gesellschaft von unmoralisch handelnden Wesen kann niemals frei sein. Sie wird das unmenschliche Ergebnis des unmenschlichen Verhaltens ihrer Mitglieder darstellen.
Wenn wir also sehen, dass extrem korrupte Leute das Ruder der Macht halten, hinkt nicht die Politik dem Bewusstsein der Bürger hinterher, sondern es ist ein präziser Hinweis auf den allgemeinen Mangel an Bewusstsein in dieser Gesellschaft. Je bereiter wir sind, uns korrumpieren zu lassen, desto korrupter wird die Politik. Je mehr wir bereit sind, Staatsgewalt zu tolerieren, zu fordern und sie zu unterstützen, desto gewalttätiger wird der Staat. Das kann ich als Einzelner natürlich nicht direkt ändern, aber mein persönliches Verhalten zählt dennoch, denn es erhöht oder mindert die Moralität der Gesellschaft.
Billige Ausreden wie „Ich halte mich an die Regeln”, „Ich muss meine Familie ernähren”, „Das machen doch alle” oder „Ich muss mich schützen” sind falsch, weil Anderen Schaden zu initiieren stets falsch ist und durch nichts gerechtfertigt werden kann. Man muss lernen, objektiv zwischen richtigem und falschem Verhalten zu unterscheiden. Das ist die erste und wichtigste Lektion im Leben. Ohne sie kommen wir nicht weiter.
Das Gute geschieht nicht von allein, sondern braucht den Mut des Einzelnen, das Richtige zu tun, auch wenn die Mehrheit, das Gesetz oder die Umstände dagegen sprechen.
Ich stimme Steinbeck in einem zu: Ich kann keinen Teil des Systems erfolgreich kontrollieren. Ich kann kontrollieren, was ich wahrnehme, wie ich darüber denke und was ich fühle, was ich daraus lerne und wie ich es in Handlung umsetze, selbst wenn ich traumatisiert und versklavt sind. Wenn ich das tue, ändert sich die Welt ein Stück mit mir. Wenn ich das nicht tue, verschwende ich meine Lebenszeit, und keine noch so radikale Revolution wird das Geringste an der Ungerechtigkeit ändern, die uns umgibt.
Literatur:
- Früchte des Zorns: Roman / John Steinbeck. – 1939
