Wie kann oder darf mein Verhältnis zu systemkonformen Leuten aussehen, die Freiheit für gefährlich und staatliche Gewalt für akzeptabel halten? Man ist ja einer permanenten Gefahr ausgesetzt, für seine Haltung ausgeschlossen oder sogar angegriffen zu werden.
Diese Frage kann ich nicht für dich beantworten, aber vielleicht hilft Dir meine eigene Annäherung an die Thematik.
Lass mich damit beginnen, dass ich die Problematik nur zu gut kenne. Ich teile bekanntermaßen Deine Kritik des Systems und der meisten seiner Vertreter, Anhänger und Mitläufer. Ich wage sogar eine pauschale Aussage: JEDES Mitglied des Staatsapparats, vom Gemeindebeamten bis hinauf zum Regierungs-Chef, verhält sich soziopathisch, weil es sich an der Beschneidung unserer Freiheit beteiligt und die damit verbundene Gewalt befürwortet, anordnet oder sogar selbst ausführt.
Jeder, der sich mit dem Staatsapparat, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Gutbürgerlichkeit, Gesetzestreue usw. identifiziert, ist ebenfalls nicht dein Freund, wenn es drauf ankommt.
Und da hört meine Kritik am System noch lange nicht auf. Ich traue zB keinem einzigen Mitglied des „Gesundheits-„Apparates mehr, weil auch hier die geistigen Grundlagen der Arbeit inhuman und satanisch sind, denn sie sind materialistisch.
Ich sehe deutlich die Probleme, die aus der Spaltung in „Psyche“ und „Körper“ resultieren. Deswegen würde ich mich keiner schulmedizinischen oder -psychologischen Behandlung unterziehen oder diese empfehlen. Aber das heißt nicht, dass alle zur Zeit gebräuchlichen Methoden unwirksam wären oder dass die Kategorien des Physischen und Psychischen per se Unsinn wären. Sie verursachen hauptsächlich deshalb Probleme, weil die Separation wörtlich genommen wird, und das auch noch unter einem materialistischen Paradigma. In Wirklichkeit gibt es nur das Bewusstseins-Kontinuum mit seinen Verdichtungen, und je mehr der wirksamen Verbindungen wir uns bewusst werden, desto besser.
Auch die Existenz von Masseneffekten streite ich nicht ab. Die Summe der individuellen Moralität bestimmt die moralische Qualität der Gesellschaft. In ihrer überwältigenden Mehrheit verhalten sich „die Deutschen“ (Österreicher, Franzosen usw) falsch. Keine Frage. Aber es ist die Gesellschaft, die *automatisch* durch ihre Individuen geformt wird, nicht umgekehrt. Der umgekehrte Weg bedarf deiner Zustimmung.
Verantwortung lässt sich nicht auf Institutionen abwälzen. Es ist wichtig zu wissen, wer was getan hat, um klare Adressaten zu haben. Ich unterscheide jedoch zwischen dem Individuum und seiner Funktion im Getriebe. Auch wenn ich manchmal sage, jemand ist ein dies, das oder jenes (Polizist, Beamter, Verbrecher…), verstehe ich das nicht als seine Essenz. In der Essenz ist jeder Mensch ein geistig formbares Wesen, das in jedem Moment eine vom vorigen Moment abweichende Entscheidung treffen kann. Ich kann dem Einzelnen nicht die Fähigkeit absprechen, sich zu wandeln, selbst Leuten, die eng mit dem System verstrickt sind und über Jahrzehnte scheußliche Dinge verübt haben. So unwahrscheinlich es sein mag, es ist immer wieder geschehen – weil es jedem möglich ist.
Darum dreht es sich beim Großen Werk. Menschen haben den angeborenen Drang, das Richtige zu tun, denn das fördert das Wohlergehen. Falsch zu handeln bedeutet Schaden. An diesen Drang kann man anknüpfen. Falls du des Englischen mächtig bist, empfehle ich, einen Blick auf Larken Rose’s Kurs „Candles In The Dark“ zu werfen, das eine funktionierende Strategie vorstellt, wie man Menschen im Einzelgespräch an ihren Schatten heranführt, der sie daran glauben lässt, sie täten das Gute, während sie übersehen, dass sie Schaden anrichten, weil sie unbewusst an falsche Wahrheiten glauben. Das Konzept funktioniert.
Und auch in Gruppen oder wie hier in der Publizistik ist es möglich, Menschen zu erreichen. Nicht alle auf einmal, aber manche, nämlich jene, bei denen man mit seiner Information und Präsentationsweise in der Lage ist, anzuknüpfen. Niemand kann das allein leisten – und braucht das auch nicht. Aber man sollte es versuchen. Diese Arbeit ist nicht nur richtig, sie ist auch nötig, um den Druck, der auf uns lastet, aktiv zu reduzieren.
Selbst wenn es Leute gäbe, die unrettbar verloren sind, was ich durchaus für wahrscheinlich halte, stünde es außerhalb meiner Urteilskraft, das zweifelsfrei beim konkreten Individuum festzustellen.
Jedenfalls ist meine Erfahrung, dass es hilft, den Anderen nicht als Feind zu betrachten, sondern als eine – wenn auch irre geführte – Seele, die gerade eine Lernerfahrung macht. Und du bist ihr Lehrer. Ich sage nicht, dass mir das immer gelingt, oder auch bloß meistens. Ich kann es aber nur leben, wenn ich daran glaube. Hierfür ist Glaube da: das Vertrauen zu fassen, dass etwas möglich ist.
Wenn jemand sagt, dass er oder sie nicht über seinen Schatten springen kann, dann ist das wahr. Es ist wahr, weil er oder sie es so wahrnimmt und daran glaubt. Was, wenn die Person ihre Wahrnehmung ändert? Das geht mich natürlich nichts an. Es liegt in der Verantwortung jedes Individuums, das eigene Bewusstsein zu fördern. Dazu zwingen kann man niemand.
Ich begreife den Schatten eh nicht als etwas, das man überwinden muss, sondern das man willentlich anschaut, damit man eine Wahl hat. Dass ich „die Deutschen“ nun nicht mehr hasse, heißt keineswegs, dass ich übersehe, wie herzlos sich eine ziemlich große Zahl von Menschen in Mitteleuropa verhält, oder dass ich Hinz und Kunz in meine Wohnung einlade. Es gibt gute Gründe, sich manche Leute vom Hals zu halten. Ich treffe nun aber Individuum für Individuum eine bewusstere Wahl, die nicht mehr (so sehr) von im Dunkeln liegenden Motiven, Generalismen oder Automatismen abhängt.
Wie halte ich mir nun Leute vom Hals?
- Ich reduziere tatsächlich den Umgang mit Leuten, die meine Philosophie gar nicht verstehen, insbesondere Staatsdiener aller Art – auch privat.
- Es gibt Fälle, in denen man Leuten erklären muss, was an einer Handlung falsch ist. Das geschieht in ruhiger sachlicher Art, ohne persönliche Beschuldigung, denn das Problem ist nicht der Mensch, sondern sein Denken und Verhalten.
- Und es geht auch nicht ums Rechthaben, sondern um rechtes Handeln. Und hierfür ist jeder selbst verantwortlich. Daher ist es im Alltag nicht mein Ziel, alle zu bekehren, sondern mich selbst richtig zu verhalten – weil es das Richtige ist. Im Nebeneffekt gibt das ein gutes Beispiel, dem andere folgen können, wenn sie wollen.
Grundsätzlich sollte man niemals einer unwahren Behauptung zustimmen oder sich an unrechten Handlungen beteiligen. Unter gar keinen Umständen! Auch sollte man sich seiner Haut wehren, wenn man angegriffen wird, aber hier, bezüglich der Notwehr, gilt es abzuwägen. Möchte man wegen einer Meinungsverschiedenheit sozial völlig isoliert werden? Lohnt es sich, wegen eines Strafzettels ins Gefängnis zu wandern? Bin ich bereit, für meine Geldbörse zu sterben? Das lässt sich generell nicht mit ja oder nein beantworten. Weiß man, dass man stets eine freie Wahl hat, dann kann man sie zumindest bewusst treffen, statt bloß seiner Furcht nachzugeben.
Die Balance zwischen Offenheit (Liebe) und Selbstschutz (Furcht) bleibt natürlich eine Geschmackssache, individuell und temporär. Der Christus beispielsweise war in seiner Wahl gewollt unvorsichtiger. Diesem Umstand und seinen Folgen verdanken wir sehr viel. Denn die Dramatik seines Beispiels half, die Prinzipien rechten Handelns deutlicher aufzuzeigen und über die Jahrtausende zu bewahren. Was geistlose oder machthungrige Menschen daraus gemacht haben, ist ein anderer Stiefel.
Literatur
- Candles in the Dark. A Seminar To Free the World by Deprogramming Statists / Larken & Amanda Rose
