Furcht und Angst werden häufig synonym verwendet. Vor allem im Englischen steht fear für beide Konzepte. Tatsächlich ist Furcht eine emotionale Reaktion auf eine konkrete erkennbare Gefahr (selbe Wortherkunft: indogerm. bhurtiz= zittern), zB bei Begegnung mit Raubtieren, während Angst eine Haltung der Unsicherheit gegenüber potenziellen Risiken ist – dessen was sein könnte, selbst mit geringster Wahrscheinlichkeit, zB wenn man eine Vorsorgeuntersuchung nicht macht oder wenn man bei der Wahrheit bleibt. Die Angst kann aber auch ohne Objekt bestehen, als ein Gefühl generellen Unwohlseins oder der Existenzangst. Das englische Wort anxiety bringt das schön zum Ausdruck.
Da ich in meiner Arbeit häufig das Wort Furcht verwendet habe, um über die Haltung des Sich-Verschließens vor der Wahrheit zu sprechen, bleibe ich im Sinne der Konsistenz weiterhin beim synonymen Gebrauch, aber eben mit dem Hinweis, dass das eine unpräzise Ausdrucksweise darstellt.
Bibel
Ob du Atheist bist oder religiös oder dich sogar dem Christentum zurechnest, spielt für die folgenden Erläuterungen keine Rolle. Die Bibel ist eine der vielen Quellen menschlicher Weisheit, die Wahrheiten von hohem philosophischem Wert tradiert (Ep.30). Um sie zu verstehen ist kein Glaube erforderlich, sondern nur geistige Arbeit. Ich fordere ausdrücklich nicht dazu auf, ihre Positionen zu übernehmen, sondern die zugehörigen Gedankengänge kritisch nachzuvollziehen.
Es gibt etwa 350 Formulierungen in der Bibel, die Furcht bzw. Angst thematisieren.
Über 100 Stellen, rufen direkt oder indirekt zur Überwindung der Furcht bzw. zur Gelassenheit auf.
Die wörtliche Aufforderung „Fürchte dich nicht!“ (oder eine ähnliche Formulierung) kommt mehr als 50 Mal vor – oft als göttliche Ansprache.
Der Quelltext verwendet eine Reihe verschiedener Ausdrücke, die noch präziser sind als unsere deutschen Wörter Furcht und Angst. Im AT finden wir sechs verschiedene hebräische Bezeichungen, Im NT werden eine ganze Reihe verschiedener griechischer Ausdrücke verwendet, darunter:
- phobos = Furcht, Schrecken, Angst
- eulabeia = Scheu, Vorsicht
- deilia = Feigheit, Kleinmütigkeit
- merimna = Beunruhigung, Sorge
- sebas = Ehrfurcht
Die modernen Übersetzungen gehen damit häufig eher schlampig um. zB im AT:
„Die Furcht des Herrn [JHWH= ich bin der ich bin] ist der Anfang der Weisheit.“ (Ps 111,10)
müsste eigentlich heißen: Die Ehrfurcht vor dem, was ist, ist der Beginn rechten Handelns. Oder im NT:
„Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, die Seele aber nicht zu töten vermögen; fürchtet aber vielmehr den, der sowohl Seele als auch Leib zu verderben vermag in der Hölle!“ (Matthäus 10,28)
müsste eigentlich sagen: „Habt keine Angst“ vor Mördern, sondern „seid auf der Hut“ vor den Verführern – Hier geht es darum, nicht wegen möglicher äußerer Ereignisse in eine ängstliche Haltung zu verfallen, sondern bewusst und aufmerksam der geistigen Verführung zu begegnen.
Einssein
Weshalb fordert die Bibel so häufig dazu auf, sich nicht fürchten?
Sie packt uraltes Wissen in religiöse Ausdrücke.
Jede Angst bzw. Furcht ist letztlich auf den Tod gerichtet: Wenn man einen Gegenstand aus seinem Besitz verliert oder körperlich verletzt wird, führt das zum Verlust von Möglichkeiten, sein Wohlergehen und Überleben zu sichern. Da Leben sein und wirken will, ist diese Furcht vor Schaden und damit im Ernstfall vor Tod natürlich. Lebewesen sind jedoch keine von ihrer Umwelt getrennten Dinge, sondern Teil des Kontinuums, das wir Kosmos nennen. (Darüber habe ich in Ep.155 geredet.) Der Kosmos besteht im Grunde aus Bewusstsein (Ep.112). Nichts hierin geht verloren, sondern wandelt lediglich seine Form. Sterben als endgültige Vernichtung des Bewusstseins ist eine falsche Vorstellung. Diese philosophische Erkenntnis bestätigen unzählige Berichte von Nahtoderfahrungen und Erinnerungen an frühere Leben.
Es gibt kein bedrohliches Außen, das dich auslöschen könnte, und daher auch keinen Grund zur Furcht. Während Dein Körper verfällt, besteht dein wahres Selbst weiter.
Separation
Die Vorstellung der Separation, also dass wir von unserer sog. Umwelt getrennte Wesen seien, ist objektiv falsch. Falsches Wissen führt zu falschem Denken, und dieses wiederum zu falschem Verhalten. Sich getrennt zu wähnen (Wahn!), erzeugt Furcht, denn es drängt sich der Gedanke auf, dass man sich in einem lebensfeindlichen Universum gegen konkurrierende Wesen durchsetzen muss. Dem begegnet man mit dem Versuch der Kontrolle der „Umwelt“, dh man zwingt zB anderen Menschen seinen Willen auf. Zwang beinhaltet die Drohung mit Gewalt sowie bei Zuwiderhandlung deren Anwendung. Sämtliche Formen der Freiheitsminderung und der Zerstörung entstehen hieraus (s.Tabellen aus Ep.23, 24, 111). Das ist das Böse, von dem ich ständig spreche.
Furcht reduziert die Fähigkeit, Dinge richtig oder überhaupt wahrzunehmen, sie vernünftig zu verarbeiten und bewusst richtig zu handeln. Furcht steuert somit das Verhalten. Sie hält einen in unbewussten Mustern der Gefahrenabwehr gefangen, die zT von Geburt an gegeben sind bzw im Lauf des Lebens erlernt wurden. Das kann nützlich sein, wenn man plötzlich einer echten Gefahr gegenübersteht und schnell handeln muss, aber lähmend bis völlig destruktiv, wenn es sich um eine Haltung der Angst handelt. Das wird bei Menschen mit obsessiven, paranoiden oder Angst-Zuständen offensichtlich, gilt aber genauso für jeden nicht diagnostizierten Menschen in der Zivilisation (Ep.68, 125).
Furcht ist die erste, unmittelbarste karmische Folge falschen Wissens, aus dem ein unrichtiges Weltbild geformt wird. Das aus ihm resultierende falsche Verhalten erzeugt weitere Furcht sowie andere Formen des Unwohlseins.
Furcht beenden
Furcht, vor allem aber Angst, also die furchtsame innere Haltung gegenüber einzelnen oder einer Vielzahl äußerer Erscheinungen, muss man unter seine bewusste Kontrolle bekommen, wenn man frei sein und richtig handeln will. Aber wie?
Zunächst einmal kann man bewusst Mut fassen. Mut erlaubt korrektes Handeln trotz Furcht. Das ist ein Willensakt, und er erfordert Kraft. Aber es ist tatsächlich so simpel: Tu es einfach. Das einzige, was dich hindert, ist ein widerspechender Gedanke. Du musst dich entscheiden, welchem Gedanken du folgen willst: dem, der Mut erfordert, oder dem, der dich in der Furcht gefangen hält.
Wie beendet man Furcht dauerhaft? – Nicht, indem man sie mutig bekämpft und überwindet, sondern ihr die Grundlagen entzieht. Alles Leid hat seine Grundlage in falscher Wahrnehmung und falschem Denken. Kann man dies korrigieren, endet das Leid, endet die Furcht.
Wer erkennt, dass er kein separates Mängelwesen in einer feindlichen Umwelt ist, sondern ein integraler Bestandteil des Kosmos, verbunden mit unendliche Fülle, braucht keine Furcht zu überwinden. Er hat sie von allein nicht mehr. Das erfordert weder Mut noch Kraft, sondern stärkt einem im Gegenteil sogar den Rücken.
Die Befreiung von Furcht gründet sich in den Bibeltexten – und in der Wirklichkeit – nicht auf Positivdenken, sondern auf die Gegenwart Gottes und die Wirklichkeit seiner Taten. Das ist durchaus keine rein christliche Lehre, sondern in allen Religionen und Weisheitstraditionen der Welt verankert. In der Hermetik wird Gott als ALL bezeichnet – buchstäblich alles was existiert, dh er ist identisch mit der Wirklichkeit. Auf Gott oder Jesus zu bauen heißt übersetzt also, auf die Wirklichkeit zu vertrauen, auf ihre Gesetzmäßigkeiten und generelle Güte. Das bedeutet nicht, dass diesem Leib, in dem du wandelst, nie etwas zustoßen wird, sondern dass alles, was geschieht, dem Gesetz von Ursache und Wirkung folgt, dh folgerichtig ist. Wenn wir bestimmte Folgen wünschen, können wir diese durch freie Willensentscheidungen erzielen, die die göttliche Ordnung berücksichtigen.
Die Befreiung von Furcht ist kein Gefühl, sondern ein Akt der Einsicht.
Wer sieht, dass die Macht der Finsternis begrenzt ist, dass das Außen nicht sein Souverän ist, wer weiß, dass die Liebe stärker ist als der Tod, und wer erkennt, dass Liebe der Furcht die Kraft nimmt (1 Joh 4,18) und dass die Erkenntnis der Wahrheit frei macht (Joh 8,32), der braucht sich nicht mehr zu fürchten.
„In der Liebe ist keine Furcht, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus; denn die Furcht hat mit Strafe zu tun, und wer sich fürchtet, ist nicht vollkommen in der Liebe.“ (1. Johannes 4,18)
Das ist die Tabelle aus Ep.23 in einem Satz zusammengefasst.
Praxis
Ich weiß, dass das, was auf dem Papier leicht aussieht, in der Praxis weitaus weniger leicht scheint. Was es so schwierig macht, die Wahrheit zu leben, ist nicht in der Komplexität der Wirklichkeit begründet, sondern stammt aus unserer Neigung, beim Vertrauten, Altbekannten zu bleiben und das auf jegliche Weise zu rechtfertigen. Furchtlosigkeit ist lebbar, wenn der Wille dazu vorhanden ist, und sie führt zu einer spürbaren Verbesserung des Daseins. Furcht vermiest uns die schönsten und lehrreichsten Momente. Sie verschließt Türen zum Glück.
Hört die Furcht auf, nur weil du dazu aufgefordert wirst, sie loszulassen? Natürlich nicht. Aber die Möglichkeit wird dir hiermit bekanntgemacht, und eines Tages kannst du diese Möglichkeit erkunden, falls du dich nicht eh schon auf den Weg begeben hast.
Auf diesem Weg (oder Pfad, wie es in der Spiritualität heißt,) geht es nicht um Perfektion. Solche ist ohnehin nie erreichbar. Es geht darum, dass man sich in die richtige Richtung in Bewegung setzt (Ep.111) und Fort-Schritte macht. Richtig ist das, was keinen Schaden anrichtet, und das geht nur mittels Erkenntnis. Spiritueller Fortschritt bedeutet, dass man sich mit jedem Schritt von seiner Ignoranz bezüglich der kosmischen Gesetze entfernt und dabei bewusster wird. Spiritualität – iGgs zur Religion – ist also keine Glaubensangelegenheit oder Selbsthypnose, sondern aktives Interesse an der Wirklichkeit. Das deutsche Wort für diese vom Latein stammende Vokabel lautet Geistigkeit. Geistigkeit ist ein Synonym für Mentalismus, die Auffassung, dass alles Seiende im Grunde Geist ist.
Methoden, Furcht loszuwerden:
- Ursachen erkennen und beseitigen,
- sinnlose Furcht erkennen und loslassen (zB Spinnenphobie),
- Akzeptanz der Vergänglichkeit aller Dinge, Besitztümer und Zustände,
- vorwärtsorientiertes Denken statt Verweilen in der Opferrolle,
- aktiv sein, handeln (Sport, Arbeit, Kunst, Problemlösung),
- generell entspannen,
- tief atmen,
- Meditation,
- Verbundenheit zulassen, dh in Beziehung zur Welt und zu anderen Menschen gehen, um dem Separationsgedanken entgegenzuwirken.
