Episode 158: Wahre Liebe

Wiederaufnahme des Themas aus Ep.57 (Liebe ist…) und 157 (Care)

Über Liebe, speziell wahre Liebe, ist schon unendlich viel gesagt worden, zB:

Wahre Liebe, die aus der Seele kommt, ist der Wille zu wachsen und jegliche Grenzen zu überschreiten, welche das kleine egoistische Selbst uns auferlegt… Wir entscheiden uns für das Streben nach Selbstvervollkommnung, ohne von anderen dasselbe zu erwarten – und all das tun wir freudig. Es ist eine Art selbstloses Geben. – Chet Snow: Mass dreams of the future

Man mag erstaunlich finden, dass trotz der vielen Worte und mindestens eben so vielen auf Verpackungen aufgedruckten und im Internet verteilten Herzchen so wenig Liebe gelebt wird, aber das ist genau der springende Punkt: Wir reden so viel darüber und idealisieren sie, gerade weil sie ein unverwirklichtes Ideal in unserem Leben darstellt. Die Liebe zum Freund, zum Haustier, zum Hobby, zum Land, zur Familie oder das Liebesspiel, im Englischen das „Liebe-Machen“, sind ungenügende – weil unvollständige – Äußerungen von Liebe: vergängliche Sentimente bezüglich bestimmter Wesen, nicht die generelle liebende Haltung.

Oftmals handelt es sich im strengen Sinne nicht eigentlich um Liebe, sondern um einen Handel. „Du bringst das Geld heim, ich mach dafür den Haushalt.“ oder „Sex für Sicherheit“ oder „Du benimmst dich, dann bin ich nett zu dir.“ Diese sog. Liebe ist bedingt. Sie hängt davon ab, dass mein Gegenüber meine Erwartungen oder Bedingungen erfüllt.

Wahre Liebe ist jedoch viel mehr. Sie ist weder bedingt noch beschränkt, aber sie folgt wie alles im Kosmos universellen Regeln. Die hermetischen Wissenschaften haben die zugehörigen Prinzipien seit Jahrtausenden erkannt. John Baines beschreibt sie in seinem Buch The Science of Love (1988), aus dem ich heute vorlesen möchte. (John Baines war ein spanischer Rosenkreuzer und hermetischer Wissenschaftler.)

Wahre & verdorbene Liebe

Liebe hat zwei Seiten: eine aus der Dunkelheit entstandene, die ich im Rahmen dieses Buches „verdorbene (corrupt) Liebe“ nennen will, und eine andere, die aus dem Licht entsteht, „heilige (divine) Liebe“. Wenn er zu wahrer Liebe fähig ist, kann der Mensch die heilige Seite seiner Natur verwirklichen. Wenn er verdorbene Liebe praktiziert, kann er nichts als Leerheit erfahren. (11)

Die Begriffe hinter dem Gegensatzpaar verdorbener und heiliger Liebe sind recht einfach: Heilige Liebe ist natürlich, verdorbene Liebe ist unnatürlich bzw handelt es sich um korrumpierte und pervertierte natürliche Liebe. (12)

Ein Großteil menschlichen Unglücks rührt daher, dass der Mensch zwar in der Natur lebt, aber nicht mit ihren Gesetzen einverstanden ist. Stattdessen versucht er, sein Leben nach eigenen Regeln zu führen. Menschliche und natürliche Gesetze stehen miteinander auf Kriegsfuß. Die Natur aber zerstört früher oder später die Werke des Menschen, wenn er nicht lernt, mit ihr in Harmonie zu leben. (12)

Heilige Liebe ist weder ein abstrakter oder ätherischer Gegenstand platonischer Konzepte, noch eine Vorstellung, die den sexuellen Aspekt ausschließt oder begrenzt. Im Gegenteil. Heilige Liebe beinhaltet das Erreichen einer integralen Liebe, die jede Facette von Liebe einschließt, die normalerweise nicht berücksichtigt wird. Heilige Liebe erstrebt nicht nur die Befriedigung des Körpers, sondern auch der Seele, des Verstandes und des Spirit. (14)

Verdorbene Liebe führt unweigerlich zu psychologischer und spiritueller Selbstzerstörung. Der Verfall geschieht weder gewaltsam noch spektakulär, sondern eher graduell im Lauf der Zeit. (14)

Dass die Mehrheit der Menschen verdorbene Formen von Liebe praktiziert, geschieht nicht aus freiem Willen. Es ist das Ergebnis von Ignoranz und den Einschränkungen ihrer halb animalischen Verfassung. Sie wählen das Verdorbene aufgrund eines Mangels an Bewusstsein und einer Unfähigkeit, Gott in sich selbst zu lieben. Sie können daher nicht anders. Im Allgemeinen verführt (leads) die biologische und psychologische Ausstattung den Menschen dazu, den Weg des geringsten Widerstands zu wählen, der häufig in Kleingeistigkeit und der Vergeudung seiner höheren Fähigkeiten resultiert. (17)

Die Ignoranz ist eine freie Wahl. Wir können sie jederzeit ändern. John Baines hat insofern recht, als im Rahmen des ignoranten Wissens nur verdorbene Liebe möglich ist.

Liebe kann nicht besinnungslos sein. Sie muss weise sein. Vielen Menschen mag das widersinnig erscheinen, da sie üblicherweise glauben, Liebe sei eine Kraft, die wie ein Bergbach von selbst fließe. Diese Vorstellung ist wahrscheinlich der größte Fehler von allen, denn Liebe ist keine Gabe oder angeborene Fähigkeit, sondern eine Technik, eine Wissenschaft, die man meistern muss, wenn man Erfolg haben möchte. (21)

= Für die, welchen Liebe einen unwiderstehliche Kraft ist, ist sie ein (animalischer) Trieb, also das Gegenteil freier, bewusster Entscheidung – und damit eine Form der Fremdbestimmung. Wachsende Liebe geht einher mit wachsendem Bewusstein und wachsender Freiheit – ein Zusammenhang, über den ich in Ep.23 gesprochen habe.

Partnerliebe

Die Ehe ist zu einer zweckmäßigen Sache geworden. […] Bei wahrer Liebe dient die Vereinigung einem höheren Ziel, welches das Eigeninteresse transzendiert. (20)

Fruchtbare Liebe wird nicht an der Zeugung von Kindern gemessen, sondern am Niveau körperlicher und geistiger Verständigung, Zärtlichkeit, Freundschaft und Zufriedenheit. Das wahre aber selten erreichte Ziel eines Menschenpaares ist eine Vereinigung der Seelen. (22)

Davon sind wir in Zeiten von Tinder und regelmäßigem Partnerwechsel weit entfernt. Selbst die Ehe, wenn sie denn eingegangen wird, ist für die Meisten nur noch von begrenzter Dauer. Denn das Ziel ist nicht mehr liebende Verbundenheit und Zugewandtheit, sondern ein Kosten-Nutzen-Kalkül: Was bringt mir die Beziehung. Wenn die Rechnung nicht mehr aufgeht, ist Trennung angesagt. Jeder weiß das, und deshalb sind solche Beziehungen von Misstrauen geprägt:

Je weniger Liebe zwischen zwei Wesen besteht, desto mehr Regeln, Pflichten, Schwüre und Vereinbarungen braucht es, um sie zusammen zu halten. Der hermetische Ansatz plädiert für eine Vereinigung aufgrund wahrer Liebe, nicht aufgrund sozialer oder persönlicher Vereinbarungen, und auch nicht aufgrund des flüchtigen Trugbildes glühender Leidenschaft. (21)

In den allermeisten Fällen ist das Wissen eines Menschen um die Liebe auf anatomische Unterschiede beschränkt. Sie kennen die wahren Unterschiede zwischen Mann und Frau nicht. Dieses Wissen ist unerlässlich für jeden, der sich selbst und seinen Partner definieren und bewusst handeln möchte. (26)

Sich zu definieren heißt in diesem Zusammenhang: sein wahres Selbst erkannt zu haben, also jenseits von Rolle, Maske, Sozialisation und emotionalem Reaktionsmuster zu leben. Er steht in seiner eigenen Polarität (maskulin resp. feminin). Er ist für sich selbst verantwortlich, projiziert also nicht auf andere oder macht sie für seinen Zustand verantwortlich. Er ist innerlich nicht seinen Trieben und im Schatten liegenden Motivationen unterworfen, sondern hat sich im Griff und handelt bewusst. Deshalb ist er auch nicht mehr manipulierbar.

Nur bewusste Liebe ist erstrebenswert. […] „Maskulin“ und „feminin“ stehen nicht lediglich für Geschlechtsunterschiede. Es handelt sich um universelle Prinzipien [siehe Ep.41]. Das männliche Geschlecht steht im Verbindung zum universellen maskulinen Prinzip, und das weibliche zur femininen Kraft. Ein Mann strahlt das aktive Prinzip Gottes aus und eine Frau die passive oder empfangende Kraft der Natur. Keines von beiden ist dem anderen überlegen. Sie unterscheiden sich lediglich. (26)

Und sie ergänzen einander:

Eine sehr feminine Frau wird sich zu einem mental und emotional maskulinen Mann hingezogen fühlen. (34)

Ein Mann unterschätzt die Frau vielleicht gelegentlich aufgrund scheinbarer körperlicher Schwäche oder scheinbar mangelnder intellektueller Brillanz. Dieses Negativkonzept verschwindet jedoch, sobald er erkennt, dass ihre Intelligenz so wirkungsvoll ist wie seine eigene, aber in eine andere Richtung zielt. Es ist eher praktischer als abstrakter Natur. In gewissem Sinne könnte man sagen, dass ein Mann auf abstrakter Ebene intelligenter ist als eine Frau, während sie viel besser gerüstet ist, praktischen Problemen zu begegnen. (26)

Männer müssen ein für alle Mal den Mythos ihrer Überlegenheit auslöschen, was Frauen im Gegenzug dazu zwingt, ihre geheuchelte Attitüde der Wehrlosigkeit und Schwäche aufzugeben, die sie seit Urzeiten annehmen, um Macht über Männer auszuüben. (26)

Wer seine wahre Natur kennt, ist seiner Selbst mächtig und braucht daher niemanden, der ihn/sie beherrscht oder über den er/sie dominiert:

Wahre Erfüllung kann nur erreicht werden, wenn zwei Individuen, die zu einhundert Prozent definiert sind, sich vereinen. Viele Streitigkeiten bei Paaren entstehen aus dem Zusammentreffen unpassender Polaritäten, zwischen den femininen Anteilen eines Mannes und jenen der Frau, oder zwischen den maskulinen Anteilen einer Frau und jenen des Mannes. Diese unpassende Kommunikation verursacht tatsächlich einen emotionalen Kurzschluss. (32)

Erneut: Ein definiertes Individuum ist eines, das sein wahres Selbst erkannt hat, statt aus dem Schein-Selbst des Ego zu leben. Hier treffen also nicht zwei Egoisten aufeinander, sondern zwei völlig freie Wesen, die klar mit verschiedener Polarität ausgestattet sind.

Ehe und Mutterschaft sind, zumindest in ihrer herkömmlichen Form, nur ein kleiner Teil dessen, was ein Paar gemeinsam erreichen kann. (38)

Die Ehe ist eine juristische Kapitalgesellschaft. Es ist durchaus verständlich, dass dieses legale Arrangement nicht nötig wäre, wenn man sich wahrlich liebte. (42)

Sich vor Zeugen das Wort zu geben, sich unter kirchlichem bzw. staatlichem Recht zu vermählen und Eheverträge abzuschließen ist Ausdruck des Misstrauens: Eines Tages könnte das eigennützige Interesse des Partners an der Verbindung schwinden. Dann hat man juristische Mittel, mit denen man Dritte zum Einschreiten bewegen kann, um die Einhaltung des Vertrags zu erzwingen – also Gewalt anzuwenden. Misstrauen und Gewalt sind das Gegenteil von Liebe.

[Liebe] erfordert den Willen und das Interesse sowohl eines Mannes als auch einer Frau. Liebe ist eine Mischung aus Anziehung, Einfühlsamkeit, Harmonie, Empfinden, Vernunft, Sorge und Verständigung zwischen zwei inneren Welten. Das bedeutet Zurückhaltung, Bescheidenheit, Bewunderung und Großzügigkeit. Sie ist auch das gegenseitige Anerkennen zweier gereifter Selbste, die einander zu durchdringen suchen. (146)

Zwei bewusste und intelligente Wesen, die ähnliche Entwicklungsstandards pflegen und sich in Liebe und Respekt ehelich vereinen, erreichen die höchsten Möglichkeiten der Selbstverwirklichung, da beide Partner ein entwickeltes Inneres ausleben. Das ist eine präzise Definition von Vermählung, wenn sie aus Liebe entsteht und nicht aus Befangenheit, Nützlichkeit oder sozialen Verpflichtungen. Ein Mensch sollte hierfür jedoch […] fähig sein, seine Aufmerksamkeit seiner Innenwelt zuzuwenden, der einzigen Quelle wahren Glücks oder Unglücks. (157f)

Auch hier finden wir, wie nicht anders zu erwarten, geistige Aktivität dem Handeln im Außen vorangehend. Zuvorderst kommt die Verwirklichung des Selbst, denn der Grad ehelichen Glücks hängt vom Grad der Selbstverwirklichung der Individuen ab, dh auch ihrer Befreiung von inneren und äußeren Zwängen. Ignoranz steht dem im Wege.

Das Ziel der Wissenschaft von der Liebe besteht im Versuch, […] Liebe aus der Dynamik zu befreien, die zum Scheitern führt. (162)

Schaffenskraft bzw. erotische Energie ist nicht dasselbe wie Sex, sondern die generative Kraft, die einen Menschen mit Sexualität ausstattet [Eros, Libido, Vitalität]. Sie ist lediglich ein Element in der Gesamtheit dessen, was ein körperliches Leben mit all seinen biologischen und psychologischen Prozessen ausmacht: Emotion, Denken, Intelligenz, Geist, Seele und Bewusstsein. Teilweise liegt diese generative Kraft jenseits individuellen Willens. Sie bewahrt das Leben, auch wenn ein erheblicher Teil durch Kanäle fließt, die das Individuum entsprechend seiner menschlichen Qualitäten kontrolliert. Diese Kraft erhebt oder erniedrigt den Menschen, je nachdem, was er tut. (207)

Daher ist Liebe also all das:

  • eine Urenergie und schöpferische Kraft;
  • eine Art von Paarbeziehung;
  • eine Form von Verbundenheit mit der Umwelt;
  • ein Bedürfnis des kollektiven Unbewussten der Menschheit;
  • eine besondere Situation, in der sich das Individuum in Bezug auf die erotische Spirale befindet. (207)

Echte Liebe ist die integrale Verständigung zwischen Menschen verschiedenen Geschlechts, die durch ihren Kontakt ein androgynes Wesen formen, in welchem sie ergänzt werden, in dem beide Seiten jedoch ihre eigene Identität und Fähigkeit zu Selbstverwirklichung bewahren. Emotionen, Instinkte, Denken und Bewusstseinszustände, die aus dieser Vereinigung entstehen, sind nicht die Liebe selbst, sondern Früchte der Liebe. Dies enthüllt das Geheimnis der Liebe: Sie ist nicht die Verschmelzung beider Partner zu einem einzigen Wesen, sondern ist ihre gegenseitige Ergänzung, die ein drittes Individuum formt: das androgyne Wesen, der unerklärliche Spross, zu welchem sich das Paar vereint, ohne dass seine Teile ihre Individualität verlieren. Hierfür muss sich das Paar in sexueller, instinktiver, emotionaler und intellektueller Hinsicht perfekt verständigen können. (208)

Literatur:

  • The Science of Love / John Baines. – JBI, 1988
  • Mass Dreams of the Future. Hypnotic Future Life Progressions / Chet B. Snow, Helen Wambach. – McGraw-Hill, 1989

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