In meiner Sendereihe muss ich leider häufig über die negativen Folgen positiven Rechts sprechen, menschengemachter Regeln, die nichts mit den wirklichen Gesetzen der Natur zu tun haben. Der Rechtspositivismus ist jedoch nur eine der toxischen Ausblühungen einer generelleren Ideologie des Positivismus.
Das Wort Positivismus findet sich zuerst bei Claude-Henri de Rouvroy de Saint-Simon. Es setzt sich zusammen aus dem Stamm positiv (spät-lat.: gesetzt, hingestellt, gegeben), der seinerseits vom lat. ponere (setzen, legen, stellen) abgeleitet ist, und der Endung –ismus, also einer Philosophie, Haltung, Religion oder Ideologie. Dies weist bereits auf die ideologische Essenz des Positivismus hin: Er setzt fest, stellt hin und gibt vor.
Der Brockhaus definiert ihn folgendermaßen:
Positivismus [lat.], (ist) die grundsätzliche Beschränkung der Gültigkeit menschl. Erkenntnis auf das erfahrungsmäßig Gegebene („Positive“), die durch Erfahrung beweisbaren Tatsachen, deren Regelmäßigkeiten in Beziehung und Ablauf analytisch festgestellt werden sollen.
Das hat die Folge, dass der Status Quo als Maßstab für Richtig und Falsch betrachtet werden kann; zB wird das massenhaft unmoralische Verhalten der Menschen oft als menschliche Natur gedeutet und durch „Verbrechergene“ oder „Killergene“ belegt, die man angeblich gefunden haben will. Zwei falsche Vorstellungen werden aufgrund statistischer Koinzidenz zur empirischen Wahrheit erhoben.
Als Ideal der Erkenntis gilt die in den exakten Naturwiss. erstrebte, auf dem Experiment beruhende Feststellung von Gesetzmäßigkeiten in mathemat. Form; dieser Typus des Denkens soll nach Möglichkeit auch in den Geisteswiss. verwirklicht werden.
Auch wenn komplexe Systeme wie Gesellschaften sich dem Ansatz nicht leicht öffnen, ist daran grundsätzlich einmal nichts verkehrt. Jede Formulierung von Erkenntnissen ist – das sagt das Wort – ein formelhafter Ausdruck, der dem Vergleich mit der Wirklichkeit standhalten sollte, das aber der Natur der Sache gemäß nie kann, denn eine Formel ist lediglich eine Abstraktion, eine symbolische Darstellung, nicht das wirkliche Ding. Durch Verifikation und Falsifikation lässt sich der Wahrheitsgehalt einer Formulierung ergründen.
Nur das wissenschaftlich Gesicherte soll gelten.
Hier beginnt das Problem mit dem Positivismus ernstlich. Schon die Formulierung zeigt, dass das scheinbar Gesicherte nur gilt, dh für jemand einen subjektiven Wert hat bzw für gesichert gehalten wird bzw als richtig deklariert wird. Für wen also hat das vermeintlich Gesicherte einen Wert? Wer hält es für gesichert? Wer deklariert, wer legt fest, was „wissenschaftlich gesichert“ ist?
Wissen ist Eigentum des Wissenden. Wissen kann man nicht für andere festlegen. Es ist nicht normierbar. Es ist ein Ergebnis geistiger Prozesse, die mit dem arbeiten müssen, was die Wahrnehmung dem Individuum liefert. Die Wahrnehmung selbst ist individuell abhängig von einer ganzen Reihe von Faktoren wie sinnlicher Ausstattung, zeitlicher und räumlicher Perspektive oder seelischer Disposition (was ich geistig in der Lage wahrzunehmen bin). Dein Weltbild passt sich ständig neuen bzw. veränderten Wahrnehmungen an. Es besitzt keine ultimative Form und kann daher auch nicht endgültig formuliert werden. Das spiegelt sich in einer Wissenschaft, die seit Jahrhunderten Wissen zu sichern versucht, sich aber stets nur selbst korrigiert bzw. widerlegt.
Das heißt andererseits nicht, dass die Solipsisten, Relativisten und Postmodernisten recht hätten mit ihrer Behauptung, alles sei nur eine Frage der Perspektive, weswegen sich nichts mit Sicherheit sagen lasse. Nur weil es eine Wirklichkeit gibt, also gesetzmäßige Wirkkräfte, die wir wahrnehmen und erschließen können, ist Erkenntnis und damit Leben überhaupt möglich. Nur wenn du wissen kannst, was richtig ist, kannst du vermeiden, Fehler zu begehen, die dein Wohlergehen reduzieren oder gar dein Leben beenden.
Metaphysik und Theologie gelten als Begriffsdichtung oder bloße Vorstufen der Wissenschaft;
Metaphysik und Theologie sind zunächst einmal lediglich Formen der logischen Wissensgewinnung.
Metaphysik (von griech. τὰ μετὰ τὰ φυσικά / tà metá tà physiká: die [Dinge] hinter der Natur/Physik) = Philosophie des Grundes und des Ziels allen Seins. Lehre von den jenseits der sinnlich wahrnehmbaren Welt angenommenen Erscheinungen und Zusammenhängen.
Theologie (von griech. theos: Gott, das Göttliche & logos: Wort, Rede, Lehre, Wissen) = das Wissen und die Lehre vom Göttlichen.
Spekulation und Doktrin sind nicht der Wesenskern dieser Forschungsrichtungen. Wo metaphysisches Spekulieren bzw theologische Indoktrination Ziel und Zweck des Denkens sind, wird das Denken pervertiert und verdient zurecht Kritik. Es ist jedoch der Positivismus selbst, der Begriffe systematisch willkürlich erdichtet, normativ vorschreibt und sich somit weit davon entfernt, Wissenschaft zu betreiben.
alle metaphysischen „Wesensfragen“, normativen und teleologischen Betrachtungsweisen werden abgelehnt, da sie in empirisch unlösbare Kontroversen führten. I.w.S. hat diese Auffassung in der allg. Tendenz Ausdruck gefunden, nur das wissenschaftlich Gesicherte gelten zu lassen;
Ein logischer Trugschluss. Weil man metaphysische Fragen nicht mit empirischen Mitteln lösen kann, erklärt man sie einfach für unlösbar und daher irrelevant. Der nächtens verlorene Schlüssel wird nur unter der Laterne gesucht, weil er anders nicht zu finden sei. Die spirituellen Wissenschaften haben jedoch ihre eigenen Methoden zur Wahrheitsfindung, die durchaus zu vergleichbaren Ergebnissen führen, wenn man sie denn anwendet.
Auch nimmt der Positivismus seine eigenen Annahmen nicht konsequent ernst. Denn wenn man nur Sinneswahrnehmungen bzw. das Messbare als ‚real’ gelten lässt, arbeitet man bereits mit einem metaphysischen Postulat, nicht mehr rein empirisch. Es handelt sich um eine Doktrin, die jeglichen anderen Weg, Wissen und Erkenntnis zu erlangen, verleugnet und verbietet, einschließlich allen über- und außersinnlich Erkennbaren (=epistemische bzw. onotologische Ungerechtigkeit). Die Wirklichkeit wird nicht lediglich zwecks Kommunikation auf eine Welt der Dinge, die Realität (lat.: res = Dinge), reduziert, sondern als das des Unsichtbaren, Unfassbaren entkleidete Bild für den wahren Jakob gehalten. Mit anderen Worten wird die Landkarte für das Land gehalten, und alles, was der selbstgesetzten Beschränkungen der Methodik oder gar des Wissbaren wegen darauf nicht verzeichnet werden kann, sorgt für „unlösbare Kontroversen“.
Diese Verarmung der Realität läuft auf blanken Materialismus hinaus, auf mechanistische Erklärungen und ideologischen Atheismus, die mit Mitteln eines faschistoiden Kulturkampfes durchgesetzt werden. Ihrer geistigen Qualitäten entkleidet haben die Dinge keinen Wesenskern mehr, sondern nur noch Maße; Abläufe keinen Sinn mehr, sondern nur noch Zwecke; Lebewesen keine Würde mehr, sondern nur noch Existenz. Der Leib wird zum biologischen Körper, die Seele zur Psyche, Liebe zum bloßen Nervenkitzel degradiert. Weil man eine dem Kosmos inhärente Moralität ausschließt, kann man nun scheinbar die Regeln nach Belieben festlegen und bezieht für sein daraus resultierendes schädigendes Verhalten vermeintlich keine Konsequenzen. Es geht nicht mehr um das harmonische Leben in Gemeinschaft, sondern nur noch um das Pazifizieren der Gesellschaft, wenn nötig mit Gewalt. Man kümmert sich nicht mehr um das Gute, sondern lediglich um Werte. Moral wird instrumentell – Sie ist pragmatisch als utilitäres Werkzeug zur Erlangung egoistischer Zwecke anzuwenden.
Die Folgen positivistischen Denkens sind also weitreichend und sie sind unschön. Man muss seine Annahmen daher stets hinterfragen, denn sie beeinflussen das Ergebnis unserer Denkprozesse und wirken sich auf mehr als nur ein Gebiet aus, wie auch der Brockhaus darlegt:
im eigentlichen Sinne ist der Positivismus in neuerer Zeit hauptsächl. eine wissenschaftstheoret. Position. Sie wirkte sich innerhalb der Philosophie außerdem (als Pragmatismus) auf die Ethik und die Erkenntnistheorie aus und schlug sich daneben in Form best. Richtungen in vielen Bereichen nieder: in der Geschichtsschreibung [Ranke], Theologie [Ritschl], Pädagogik [Dewey], Psychologie [Skinner], den Sozialwiss. und v. a, in der Rechtstheorie der „Historischen Rechtsschule“ und dem Rechtspositivismus, in dem die Geltung des Rechts allein auf die Faktizität der vom Gesetzgeber erlassenen oder gewohnheitsmäßig bestehenden Normen gegründet wird. – Brockhaus: Positivismus
Pragmatische Ethik ist ein Denkansatz, der moralische Regeln nicht als objektive, ewige Wahrheiten ansieht, sondern als Werkzeuge zur Lösung realer Probleme. Moral verändert sich demnach mit den Wünschen des Einzelnen und den Erfahrungen einer Gesellschaft. Was als zweckmäßig und geeignet angesehen wird, die Gesellschaft zu organisieren, wird auch als richtig und damit rechtens erachtet.
Hieraus entnehmen seit dem 19.Jh. die historische Rechtsschule und der Rechtspositivismus ihre Recht-Fertigung, Recht willkürlich festzulegen, statt die in der Natur vorhandenen Gesetzmäßigkeiten anzuwenden; wobei positives Recht als Ius positum seit der Antike bereits ein Ausdruck für „gesetztes“ Recht war und nicht erst ein Produkt des 19.Jh.
Die 1814/15 von Friedrich Carl von Savigny begründete Historische Rechtsschule behauptet, Recht sei grundsätzlich beliebig und veränderlich. Legitimes Recht entwickele sich historisch aus den Gepflogenheiten einer Gesellschaft. Das ist im Grunde das Recht des Stärkeren, denn wird eine mit Gewalt etablierte Macht erst einmal de facto akzeptiert, kann sie als legitim gelten.
Als herausragender Vertreter dieser Rechtsschule gilt Karl Friedrich Eichhorn, was den alten Satz „Der Teufel ist ein Eichhörnchen“ zu bestätigen scheint 😉 Denn diese Rechtsideologie ist natürlich eine satanistische Verkehrung der Wirklichkeit, über die ich in Episoden 26, 54, 109 und vielen weiteren ausführlichst gesprochen habe. Der Positivismus zielt darauf, den Schöpfer aus dem Thron zu heben, die Natur zu überwinden und eine künstliche Realität zu erschaffen, in der bestimmte Menschen die geltenden Regeln festlegen.
Schauen wir interessehalber noch in die Wikipedia:
Der Positivismus ist eine Richtung in der Philosophie, die fordert, dass Erkenntnisse, die den Charakter von Wissen beanspruchen, auf die Interpretation von „positiven“, d. h. von tatsächlichen, sinnlich wahrnehmbaren und überprüfbaren Befunden beschränkt werden.
Der Positivismus ist nur eine von vielen Richtungen der Philosophie. Er stellt Forderungen, die darauf hinauslaufen, dass nur er bestimmt, was überhaupt Wissen sein kann und wie man es erwerben darf. Er beansprucht somit Autorität über die Entwicklung des Bewusstseins anderer und setzt diesem enge Grenzen. Mit Philosophie hat der Positivismus also wenig zu tun, vielmehr mit ideologischen Doktrinen, die einer satanischen Agenda dienen.
Diese Denkrichtung findet sich der Sache nach schon in der griechischen Antike.
Kein Wunder. Unsere Sinneswahrnehmungen erlauben uns die Erkenntnis universeller Gesetze. Der Fehler liegt in der Behauptung des Positivismus, es gebe keine andere Weise der Wissengewinnung – und damit auch kein anderes Wissen als das, welches der akademische Betrieb liefert.
Als Neugründung des 19. Jahrhunderts stand sie im Gegensatz zu traditionell vorherrschenden scholastischen Sichtweise sowie einer Transzendentalphilosophie.
Wie allgemein bekannt begann um die Wende zum 19.Jh. eine radikale Abkehr von traditionelleren Denk- und Verhaltensweisen, die in unsere extrem zerstörerische Kultur von heute mündet: Technisierung, Industrialisierung, Marxismus, Darwinismus, Säkularisierung, Nationalismus, Betonung von Effektivität und Effizienz und viele weitere Strömungen entstehen bzw. greifen erst Fuß in dieser Zeit.
Die Scholastik argumentierte, dass der Mensch durch seinen Intellekt zu wahrer Erkenntnis der Dinge aufsteigen könne, indem er die Ontologie [ontos=Sein], also die objektive bzw. ewig gültige Seinsordung der letztlich von Gott geschaffenen Wirklichkeit erfasse.
Transzendentalphilosophen lehren, dass Menschen nicht die Dinge an sich erkennen, sondern nur die Bedingungen und Strukturen des eigenen Bewusstseins, mit anderen Worten die Eigenschaften des eigenen Verstandes bzw. der Vernunft. – Wikipedia: Positivismus
Dh indem ich mein Inneres erkenne, erkenne ich das Äußere. Der Kosmos ist primär geistige Ordnung, nicht dingliche Substanz.
„Die Schattenseiten der modernen Wissenschaft – und leider hat sie welche – entspringen nicht der Wissenschaft selbst, noch weniger irgendwelchen Naturgesetzen. Sie entspringen dem Eindruck, den wir die Wissenschaft vermitteln lassen: dem Eindruck, wir seien bloß biologische Maschinen in einem bedeutungslosen stofflichen Universum. Die Wissenschaft hat jedes Recht, sich auf das Physische, also die äußere Welt, zu konzentrieren. Sie hat aber nicht das Recht zu behaupten, sie habe uns die ganze Wahrheit erzählt.“ – Michael N. Nagler: Is there no other way?
