Episode 43: Erinnerungskultur

Als Hermes seine Lehren an einige wenige Auserwählte weitergeben wollte, sah er sich mit dem Problem der Begrenztheit einer Sprache konfrontiert, die deskriptiv und informationsbasiert ist. Diese inhärente Unzulänglichkeit machte die menschliche Sprache unzureichend, um das gewünschte Ziel zu erreichen, da alle authentische Weisheit “bedeutungsvoll” und nicht “informativ” ist. Sie kann nur auf der Ebene des SEINS begriffen werden und nicht durch rein intellektuelle Fähigkeiten. (VIII)

— John Baines, The Stellar Man

„Wer nicht von dreitausend Jahren/ Sich weiß Rechenschaft zu geben,/ Bleib im Dunkeln unerfahren,/ Mag von Tag zu Tage leben“. Goethe schreibt mit diesem Reim sich selbst und seinen Zeitgenossen ein gehöriges Pensum von Vergangenheitskenntnis vor und Eugen Rosenstock-Huessy sekundiert: „Ein Mensch, der seine Vergangenheit nicht ehrt, hat keine Zukunft.“ Aber wie ehrt man seine Vergangenheit? Indem man sich erinnert. Der Kunst, sich zu erinnern, ist von unseren Vorfahren viel Aufmerksamkeit gewidmet worden. Ausgeklügelte aber auch derbe Mnemotechniken wurden entwickelt, um das kulturelle Erbe zu bewahren und von Generation zu Generation weiterzugeben, als persönliches und als kollektives Gedächtnis.

Aus Anlass der Einladung zu einem Gesprächskreis über das Erinnern betont diese Episode, wie wichtig die menschliche Fähigkeit zur Bewahrung von Wissen ist. Die okkulte Wissenschaft der Hermetik, die Überlieferungen der Hopi, die europäische Erzählkunst und die indische Tradtion epischer Aufführungen zeigen beispielhaft, dass eine weitgehend intakte Weitergabe von Mund zu Ohr über Zeitalter hinweg möglich ist, dass ihre Verschriftlichung bzw. Digitalisierung hingegen die Gefahr in sich birgt, dass kulturelle Fähigkeiten – und mit ihnen eine gesamte Kultur – verloren gehen können.

Natürlich stellen sich die Dinge selten so monokausal dar, wie es manchmal scheint:

Im Fall der okkulten Wissenschaften könnte die Mitte des 18. Jh. massiv einsetzende Übernahme der Freimaurerlogen durch materialistisch orientierte dunkle Luziferianer eine Rolle beim Verlust tieferen Verständnisses der hermetischen Lehren gespielt haben. Wer Gott leugnet, mag sich vielleicht einen Illuminaten nennen, aber Erleuchtet ist er deswegen noch lange nicht.

Ungefähr zur gleichen Zeit setzte auch der Untergang der europäischen Erzähltraditionen ein. Und dieser wird sicher auch durch die beginnende Industrialisierung befeuert worden sein. Heimische, ländliche Produktion in kleinen Gemeinschaften wurde in städtisch gelegene Fabriken verlagert. Die Gelegenheit und der Wunsch, einander die Zeit zu vertreiben, war schlicht nicht mehr gegeben.

Ein ganzes Potpourri zusätzlicher Faktoren sehen wir beim Verfall der indischen Erzählung. Sie folgte auf das Ende der höfischen Kultur zwischen Mitte des 19. und Mitte des 20. Jh. Die weiterführenden sozialen Umwälzungen durch Industrialisierung und Demokratisierung des Landes führte zu einer ähnlichen Entwicklung wie zuvor in Europa: Die Leute hatten nicht mehr die Zeit und das Interesse, sich an mehreren Abenden stundenlang hinzusetzen, um einer Rezitataion zu lauschen. Darüber hinaus wurde jedoch bemerkt, dass jene Menschen, die die höchsten Fähigkeiten besaßen, sich umfangreiche Texte zu merken, zumeist Analphabeten waren. Führte die Lese- und Schreibfertigkeit auf direktem Wege in den Verlust anderer geistiger Kapazitäten?

Literatur:

  • Mahabharata
  • Das Buch der Hopi
  • Das Steinzeit-Paradoxon / Ivonne Stratmann
  • Neun Leben / William Dalrymple
  • The Corpus Hermeticum / transl. by G. R. S. Mead (1906)
  • The Secret Science / John Baines
  • The Stellar Man / John Baines

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